Felix Polten SJ

Wir kommen, wohin wir schauen

Gesichter der Flüchtlinge

Menschen, geschlagen von Elend und Ausweglosigkeit, lassen ihr bisheriges Leben zurück, verlassen ihre Heimat, machen sich mit dem, was sie tragen können, auf den Weg. Mit dem Schiff, mit dem Auto, mit dem Zug, zu Fuß sind ihre Wege Odysseen, die zu oft nicht an das ersehnte Ziel, sondern in Verschuldung, Zwangsarbeit, Abschiebehaft oder den Tod führen. Menschen sind auf dem Weg - auch zu uns. „Wir schaffen das“1, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und sofort steigt die Gegenfrage auf: „Schaffen wir das?“ Und der Blick wandert auf Zahlen, Statistiken, Kosten.


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Flüchtling in einem Lager an der ungarisch-serbischen Grenze. © SJ-Bild/Kristóf Hölvényi


Verwandelnde Blickrichtung


Mir kommt ein Satz von Heinrich Spaemann in den Sinn: „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“2 Worauf schauen wir? Wohin geht unser Blick? Viele Beiträge in der aktuellen Debatte wirken schrill und kurzfristig, Abgründe von Fremdenhass und Abschottung tun sich auf, diffuse Ängste stehen im Raum. Gleichzeitig sind konstruktive Stimmen zu hören, es zeigt sich ein beeindruckendes Engagement. Von welcher Blickrichtung lassen wir uns prägen?


Zawadi und Igaba


Wenn ich an meine Zeit beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo denke, geht mein Blick zum Beispiel auf Zawadi. Jedes Mal, wenn das 11-jährige Mädchen das Stoffband um ihren Kopf legt und den daran befestigten 20-Liter-Kanister auf ihren Rücken lädt, weiß sie, dass die halbstündige Wegstrecke zurück von der Wasserstelle anstrengend werden wird. Aber Zawadi geht diesen Weg vier Mal die Woche. Und sie geht ihn gerne. Ohne sie würde ihre 77-jährige Nachbarin kein Wasser haben. Igabas Beine tragen sie nicht mehr, alleine lebt die Witwe in ihrer Hütte in einem Lager in Kalembe. Zawadi und Igaba - zwei von über zwei Millionen Flüchtlingen im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Über 80 Prozent der etwa 60 Millionen Flüchtlinge weltweit leben in den sogenannten Entwicklungsländern, Deutschland erwartet für dieses Jahr 800.000. Es machen sich nicht alle Flüchtlinge auf den Weg zu uns nach Europa.


Sehnsucht nach Mitgestaltung


Genauso realitätsfern ist die Annahme, dass Flüchtlinge aus rein wirtschaftlichen Interessen kommen. Menschen lassen ihre Heimat, ihren Besitz und oft auch Angehörige zurück. Sie fliehen vor Krieg, Terror, Gewalt, Verfolgung, Armut. Und sie kommen auch zu uns. Zu uns, nicht weil sie sich ein bisschen Unterstützung erbetteln wollen, sondern weil sie sich nach einem selbstbestimmten Leben in einer Gesellschaft sehnen, die Sicherheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und den Respekt für die Menschenwürde garantiert - und weil sie, solange der Weg zurück in die Heimat versperrt bleibt, gestaltender Teil dieser Gesellschaft sein möchten. Man kann es als Auszeichnung sehen, dass Menschen aus verschiedensten Regionen der Welt unser Gesellschaftsmodell als das sehen, in dem sie leben und ihre Kinder großziehen möchten.


In der Härtefallberatung


Mein Blick richtet sich auf die Härtefallberatung, in der sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Deutschland engagiert. Ein bosnischer Vater gibt an, dass er keine Arbeit hat und sein Kind krank ist. Ein „Wirtschaftsflüchtling“? Nachfragen ergeben ein Bild seines Lebens in Bosnien: Obwohl er eine gute Ausbildung hat, gibt ihm niemand Arbeit, weil er als Angehöriger der Roma geächtet ist. Er wird Schrotthändler, aber nachdem er von Nachbarn fast zu Tode geprügelt wird, kann er auch diesen Beruf nicht mehr ausüben. Er erstattet keine Anzeige, denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei etwas unternimmt, geht gegen Null, das Risiko weiterer Angriffe ist hoch. Als ein Kind erkrankt und keine Behandlung bekommt und ein Nachbar droht, die 12-jährige Tochter zu vergewaltigen, flieht die Familie nach Deutschland.


Zwei Gesichter als Spiegel


Zwei Frauen aus dem Kongo und ein Mann mit seiner Familie aus Bosnien. Sie geben der Zahl von 60 Millionen Flüchtlingen Gesichter. Sie zeigen uns, dass sie uns in ihrer Bedürftigkeit, in ihrem Engagement, in ihren Ängsten und ihren Hoffnungen gar nicht so fremd sind. Sie halten uns einen Spiegel vor Augen, denn die Fluchtursachen haben viel mit unserem Lebens- und Wirtschaftsstil zu tun und nehmen uns in eine Mitverantwortung. Und sie stellen uns nicht so sehr vor die Frage, ob wir das schaffen, sondern vor die Entscheidung, ob wir das schaffen wollen. Wenn unser Blick sich darauf richtet, welche Bereicherung sie für unsere Gesellschaft sein können, darauf, was es an Gutem und Menschlichem in mir und in unserer Gesellschaft zu Tage treten lässt, darauf, wie die Menschen auf der Flucht mit uns gemeinsam diese Herausforderung gestalten können, dann werden wir uns genau in diese offene und menschliche Gesellschaft verwandeln, die wir in großen Teilen schon sind und an der so viele Menschen partizipieren möchten.


***


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Felix Polten SJ, geb. 1980, seit 2010 Jesuit, hat ein Jahr lang in Flüchtlingsprojekten des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) im Kongo gearbeitet. Er ist jetzt beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Berlin tätig. - Sein Beitrag ist zuerst in „weltweit“ (4/2015), dem Magazin der Jesuitenmission Nürnberg, erschienen.


Anmerkungen


1 Populäre, im politischen Parteispektrum mittlerweile polemisch umgedeutete Parole in der aktuellen Flüchtlingskrise; vgl. Barack Obamas Wahlkampf-Slogan von 2008 „Yes, we can“.
2 Heinrich Spaemann, Orientierung am Kinde. Meditationsskizzen zu Mt 18,3. Düsseldorf 21970, 29.


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