Reinhard Marx

Für eine Erneuerung der Kirche in Europa



Originalfassung: März-Ausgabe der Jesuitenzeitschrift "Études" (Paris)


Welche Bilanz ziehen Sie aus der außerordentlichen Synode über die Familie?


Ein Ergebnis ist sicher, dass man keine Bilanz ziehen kann. Denn die breite und offene Debatte, die über Ehe, Familie und Sexualmoral geführt wurde, war im Grunde erst ein Auftakt. In gewisser Weise war das Konsistorium Anfang des Jahres 2014 eine Ouvertüre dieser offenen Debatte, besonders geprägt durch das große Referat von Walter Kardinal Kasper und die anschließende durchaus kontroverse Diskussion. Vergessen wir nicht: Zum ersten Mal wurde zur Vorbereitung auf eine Synode auch eine breite Befragung des Volkes Gottes organisiert, die natürlich - durch die kurzfristige Vorbereitung und die unterschiedlichen Situationen beeinflusst -, in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich stattgefunden hat. Und es kommt hinzu, dass von vorneherein klar war, dass die Synode sich in zwei Stufen vollziehen würde und erst mit der ordentlichen Synode 2015 ein wahrscheinlich vorläufiges Ende finden wird.


Es wurden natürlich große Erwartungen geweckt und auf der anderen Seite Befürchtungen wachgerufen. All das hat sich auch während der Diskussion in der Synodenaula und in den Arbeitsgruppen gezeigt. Der Heilige Vater hat in seiner Schlussansprache noch einmal deutlich gemacht, wie sehr er auch gerade die offene Debatte geschätzt hat und wünscht. Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne. Denn besonders im Bereich von Ehe und Familie entscheiden sich die Zukunftsperspektiven der Kirche. Also: Für eine Bilanz ist es zu früh. Nach der Synode ist vor der Synode!


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Die Vorgehensweise, die Freiheit des Wortes haben die Beobachter überrascht. Fördert diese Methode das Vertrauen unter den Teilnehmern?


Durch seine Anwesenheit hat der Papst "garantiert", dass wir in der Gemeinschaft der Kirche zusammenstehen, auch wenn wir unterschiedliche Positionen miteinander austauschen. Das hat er in seiner Schlussansprache unterstrichen und natürlich auch durch die Art und Weise, wie er den Petrusdienst ausübt. Es hat manche überrascht, wie sehr er auch den Primat des Nachfolgers des Heiligen Petrus herausgestellt hat, aber eben gerade um einen "geschützten Raum" für eine offene und freie Diskussion zu ermöglichen. Der Papst garantiert die Einheit mit der Tradition und die Einheit der Kirche untereinander. Aber gerade deshalb ist es notwendig, offen miteinander in geistlicher Weise zu streiten über den zukünftigen Weg der Kirche in diesen existenziellen Fragen, die ja fast alle Menschen und alle Gläubigen berühren. Es gibt dazu übrigens interessante Ausführungen des berühmten Jesuiten Michel de Certeau, der ja zu den Autoren gehört, die den Papst beeinflusst haben. In Michel de Certeaus dreiteiligem Aufsatz für "Études", "Structures sociales et autorités chrétiennes" (1969/1970), geht es um eine Autorität, die zulassen kann.


Natürlich muss man darauf achten, dass daraus kein politisch-taktischer Prozess wird. Ich weiß nicht, ob wir das immer vermieden haben. Es braucht eine grundsätzliche Offenheit und ein wirkliches Vertrauen, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Es darf ja am Ende eines synodalen Weges keine Sieger und Besiegte geben, sondern alle müssen miteinander versuchen, auch vom Anderen her zu denken und neue gemeinsame Schritte in die Zukunft zu gehen. Ich glaube schon, dass diese Atmosphäre spürbar war, aber ich bin der Meinung: Das ist ausbaufähig, damit wir nicht, wie der Papst gelegentlich sagt, in falscher Weise "verweltlicht" werden und das Ganze als einen parlamentarischen oder politischen Prozess anlegen mit all den Taktiken und Flügelkämpfen. Das wäre verheerend für die Kirche.


Spüren Sie einen großen Gegensatz im Empfinden zwischen dem "Norden" (Europa, Nordamerika) und dem "Süden?"


Ich war eigentlich erstaunt, dass ich diesen Gegensatz so nicht erfahren habe. Natürlich gibt es Unterschiede. Aber in allen Bereichen der Welt gibt es eine Tendenz hin zu einer offenen, pluralen, freien Gesellschaft und ich darf hinzufügen: Hoffentlich! Sogenannte Säkularisierungstendenzen gibt es nicht nur in Europa oder in den Vereinigten Staaten, sondern sie gehören - und das ist vielleicht manchen erst auf der Synode klar geworden - zu den notwendigen Begleiterscheinungen einer sich modernisierenden Welt. Dabei gibt es sehr viele Ungleichzeitigkeiten und kulturelle Unterschiede. Aber diese Unterschiede betreffen nicht das Wesen des Menschen. Das christliche Menschenbild ist ein gemeinsames für die ganze Welt. Und dieses Menschenbild beinhaltet das Konzept einer verantwortlichen Freiheit, die Gottebenbildlichkeit aller Menschen, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Ehe als Beziehung von Mann und Frau, die offen ist für das Leben, die eine Menschheitsfamilie. Die Themen Ehescheidung, Zivilehe, Alleinerziehende, das Zusammenleben der jungen Menschen ohne Trauung, die Homosexualität, all das sind Themen, die weltweit - natürlich in einer unterschiedlichen Priorität - an Bedeutung gewinnen, und nicht nur vom sogenannten Westen in die Diskussion gebracht wurden.


Die Frage für alle ist eben, wie wir mit diesen Realitäten umgehen, ohne die grundsätzlichen Perspektiven des Evangeliums zu verraten, aber auch nicht dadurch, dass wir nur die Melodie der Dekadenz anstimmen und frühere Zeiten im Blick auf Ehe und Familie verklären. Dazu besteht überhaupt kein Anlass. Ob die Verhältnisse im Blick auf Ehe und Familie in anderen Kulturen oder in der Vergangenheit einfach besser waren, wage ich doch zu bezweifeln. Da gibt es wohl immer eine gemischte Bilanz. Da wäre doch eine vertiefte Analyse der heutigen Zeit und auch der positiven Elemente, die sie mit sich bringt, angemessen. Ansonsten erscheint die Kirche als eine rückwärts gewandte Institution, die die Menschen von heute nicht versteht und scheinbar ideale Vergangenheiten restaurieren will. Das hilft niemandem und entspricht nicht der Botschaft des Evangeliums.


Geht es nicht um die Verwirklichung der "Kollegialität", wie sie das Zweite Vatikanum wollte, dessen fünfzigsten Jahrestag wir feiern?


Auch auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil ging es durchaus kontrovers zu und es gab verborgene und offene Konflikte. Kollegialität ist also nicht zu verwechseln mit einer falschen Harmonisierung. Ja, in diesem Sinne war auf der Synode Kollegialität zu spüren, aber sie müsste noch weiter geistlich und theologisch entfaltet werden. Denn zu Kollegialität und Synodalität gehört wirklich der Wille, den anderen zu verstehen und seine Argumente aufzunehmen und die Bereitschaft, die eigene Position immer wieder neu zu bedenken von der gemeinsamen Grundlage des Evangeliums und der Theologie der Kirche her, und vielleicht auch von daher einen neuen Ansatz zu finden. Deshalb wird die Kollegialität tatsächlich nur gelingen, wenn es eine starke Autorität gibt, die für uns der Nachfolger des Heiligen Petrus ist. Kollegialität ohne Primat würde wohl zu einem endlosen Palaver, aber Primat ohne Kollegialität wird zur Autokratie und zum Zentralismus. Beides entspricht nicht katholischem Denken. Darauf weist Michel de Certeau zu Recht hin. Ich bin mir nicht sicher, ob wir 50 Jahre nach dem Konzil wirklich schon einen guten Weg gefunden haben, all das miteinander zu verbinden. Das gehört zu den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, ob die Kirche, die ja Sakrament der Einheit aller Menschen und der Menschen mit Gott sein will (Lumen Gentium 1), geistlich, theologisch und strukturell diese Perspektive des Konzils weiterentwickelt. Wir sind auf einem Weg, aber, um weiterzukommen braucht es noch viele Schritte. Ich glaube aber fest, dass der Papst uns dazu ermutigt.


Wie kann sich der Dialog in der Kirche fortsetzen?


Das Wort "Dialog" ist ein Schlüsselwort des Konzils gewesen und besonders auch der Antrittsenzyklika des seligen Papst Paul VI. Auch dieses Wort kann missverstanden werden als ein Gespräch, das unverbindlich und folgenlos wäre. Ein wirklich strukturierter Dialog ist notwendig für einen synodalen Prozess. Und auch das Gespräch der Kirche mit anderen ist sehr anspruchsvoll und braucht institutionelle Rahmenbedingen, damit nicht alles ins Leere läuft. Das ist durchaus mein Eindruck im Blick auf die letzten Jahrzehnte, dass viele Gespräche geführt werden, aber im Grunde Ergebnisse nicht gesichert und weiter geführt werden. Es wird viel geredet in der Kirche, aber leider oft ohne den Geist des Dialogs und ohne strukturelle Absicherung, die auch zu Ergebnissen führt. Das gilt etwa auch für die theologische Diskussion. Ich hatte den Eindruck, dass viele theologische Erkenntnisse und Debatten nicht wirklich in der Kirche rezipiert werden, dass die Theologie ein Eigenleben führt oder auch dass manche Amtsträger nicht wahrnehmen wollen, was an theologisch neuen Erkenntnissen wenigstens aufgenommen und diskutiert werden müsste. Auch in der Lehre muss sich die Kirche ja weiterentwickeln, ohne Positionen aufzugeben, aber durch die ganze Geschichte der Kirche hindurch ist das Dogma weiter entfaltet und vertieft worden. Das gilt auch im Blick auf Ehe und Familie. Es gibt also keinen Endpunkt der Suche nach der Wahrheit. Dass man dann auch Dialog und Evangelisierung unterscheiden muss, ist selbstverständlich.

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