Richard D'Souza SJ

Warum studiert ein Jesuit Astrophysik?

Ein Inder entdeckt München

Seit ihrer Gründung im Jahr 1540 gibt es in der Gesellschaft Jesu (SJ) eine lange Tradition der Beschäftigung mit den Naturwissenschaften und mit Astronomie. Einmal abgesehen von den Diensten, welche sie dem Papst bei der Gregorianischen Kalenderreform (1582) leisteten, zeigten sich Jesuiten stets stark an Astronomie interessiert. Namen wie Christoph Clavius, Christoph Scheiner, Francesco Grimaldi, Christoph Grienberger oder Matteo Ricci brachten Jesuiten im 16. Jahrhundert stets in die erste Reihe der Naturwissenschaften.


Jahrhunderte hindurch hat sich dieses Interesse mit großen Namen wie Angelo Secchi (1818-1878) fortgesetzt, die zum Beispiel für die astronomische Spektroskopie wertvolle Beiträge leisteten. Die Verdienste des Jesuitenordens lassen sich auch an der Tatsache ermessen, daß 35 Krater auf dem Mond nach Jesuiten benannt sind.


Gott finden in allen Dingen - und in allen Wissensbereichen


Worin ist die Motivation begründet, die Jesuiten nach wie vor in Naturwissenschaften arbeiten läßt? Vielleicht liegen die Ursprünge ganz einfach in einem ignatianischen Prinzip, nämlich in der Maxime "Gott finden in allen Dingen". Ignatius lädt in den Exerzitien dazu ein, wahrzunehmen und zu entdecken, wie Gott sich in seiner Schöpfung abmüht, wie er darin wirkt, besonders in der "Betrachtung zur Erlangung der Liebe"1.


Ignatius war von der Tatsache überzeugt, dass Gott in allen geschaffenen Dingen und insbesondere durch das rationale Verstehen der natürlichen Welt zu finden ist, sodass künftige Jesuitengenerationen keinen Widerspruch zwischen ihrer Berufung, "Gott in allen Dingen zu finden" und dem Projekt der Naturwissenschaften sahen bzw. sehen konnten. In vielerlei Hinsicht haben Jesuiten die naturwissenschaftliche Forschung als Teil der menschlichen Suche nach Gott verstanden. Karl Rahner SJ (1904-1984) hat zu seiner Zeit dafür den Ausdruck der "menschlichen Selbsttranszendenz" entwickelt.


Auf Astronomie im besonderen aufmerksam wurde Ignatius während seiner langen Rekonvaleszenz nach einer schweren Verwundung bei der Verteidigung der Festung in Pamplona (1521). Er hat vom Krankenbett aus den Sternenhimmel betrachtet und die Wunder Gottes bestaunt; darüber berichtet er in seiner Autobiografie2. Diese Fähigkeit, über Gottes Schöpfung zu staunen, gehört zum geistig-geistlichen Erbe der Söhne des Ignatius - zu bewundern und zu verstehen, was Gott selbst geschaffen hat.


Die Fähigkeit, die Schöpfung auch rational zu verstehen, muss in einem größeren Sinn des Sich-Wunderns und Betrachtens der gesamten Schöpfung gepflegt werden. Für Ignatius und seine Söhne besteht wahre Wissenschaft darin, wenn sie das ganzheitliche Wohl der menschlichen Person pflegt und wie die Menschheit sich zu dieser und zur Schöpfung verhält. Eine solche Art der wahren Naturwissenschaft steht in starkem Kontrast zu einer reduktionistischen Wissenschaftsauffassung, welche die Welt als etwas ohne Sinn und nur physikalistisch auffasst.


Aus diesem Grund spielten die Naturwissenschaften bereits in der Studienordnung ("Ratio studiorum") der Jesuiten im späten 16. Jahrhundert eine derart große Rolle, dass sie zu einer ganzheitlichen Entwicklung der menschlichen Person einen Beitrag leisteten. Der Einsatz der Jesuiten waren dabei gar nicht auf Astronomie beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf Optik, Mathematik, Atomtheorie, Biologie, Seismologie, Kartografie, Paläontologie und viele andere Forschungsgebiete. Im Lauf der Jahre ist mehr oder weniger kein Wissensstrom an den Jesuiten vorbeigezogen, ohne ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.


Die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Religion


Heute leben wir in einer ganz anderen Zeit. Der Riss zwischen Naturwissenschaften und Religion hat sich im Lauf der Jahrhunderte vertieft, besonders und erst recht im Vulgärverständnis. Einen Priester Naturwissenschaften studieren und aktive Forschung betreiben zu sehen, ist etwas, das außerhalb des Normalen liegt - erst recht jenseits der üblichen Klischees. Eine Aufgabe des jesuitischen Einsatzes in den Naturwissenschaften besteht deswegen auch darin, den heutigen Riss zwischen Naturwissenschaften und Religion heilen zu helfen, die Dichotomie zwischen "heilig" und "profan" zu überwinden und eine Naturwissenschaft wiederherzustellen, die menschlicher und ganzheitlicher ist.


Um den Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaften zu ermöglichen und zu gewährleisten, braucht die Kirche tüchtige Frauen und Männer, die sich nicht nur in der Theologie, sondern auch in den Naturwissenschaften auskennen. Wer heutzutage als gläubiger Mensch Naturwissenschaften betreibt und einen solchen Dialog gewährleisten möchte, für den ist es unerlässlich, dass er zu den Besten in seinem oder in ihrem Bereich zählen muss.


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VATT (Vatican Adcanced Technology Telescope) Mount Graham in Arizona, USA


Daher gehört es zu den Hauptaufgaben eines Jesuitengelehrten, in der scientific community präsent zu sein und sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen Respekt zu erwerben. Das dauert: Es braucht viel Zeit und sowohl intellektuelle wie emotionale Anstrengung. Nur wenn andere Wissenschaftler Jesuiten als ebenbürtig ansehen, kann ein ernsthafter Dialog auf Augenhöhe entstehen.


Dialog - ein Kernanliegen der Jesuiten


"Dialog" ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gesellschaft Jesu. Das schließt den Dialog mit anderen Religionen, Kulturen und Traditionen mit ein. Der Dialog mit den Naturwissenschaften ist ein wichtiger Teil dieser Anstrengung. Die akademische Forschungswelt wird von der Kirche pastoral oft vernachlässigt, wenn nicht sogar ignoriert. Es gibt keine ernsthaften, gebündelten Bemühungen, sich mit ihnen zu befassen oder sich in ihrer Sprache zu ihnen aufzumachen.


Die Rolle der Vatikanischen Sternwarte und der in den Naturwissenschaften tätigen Jesuiten besteht darin, diese Kluft zu überbrücken - dadurch, dass sie eine kleine, aber glaubwürdige Präsenz in der scientific community etablieren.


Worin besteht die Sendung eines Jesuiten, der sich hier engagiert? Abgesehen von seinen wissenschaftlichen Bemühungen, "predigt" ein Jesuit zu allererst mit seinem Leben und Taten sowie mit den Werten, für die er eintritt. Die zweite Dimension seiner Sendung besteht im Akt des Hörens auf seine Kollegen. Zuhören ist der entscheidende Bestandteil jedes Dialogs. Der Jesuitenwissenschaftler ist der lokale Repräsentant der Kirche und der unmittelbare Gesprächspartner. Darüber hinaus bin ich als Jesuit gehalten, das Wirken des Geistes in meinen Kollegen anzuerkennen und sie dann zu motivieren und anzuleiten, damit sie dem Drängen des Geistes in ihren Herzen antworten können.


Dieses Vertrauen schöpft aus der Tatsache, dass ein Jesuit daran glaubt, dass Gott im Universum genauso wie in den Herzen von Männern und Frauen ständig am Wirken ist. Schlussendlich muss ein Jesuit, der Naturwissenschaften betreibt, bestrebt sein, durch sein Netzwerk an Beziehungen mehr menschliche Gemeinschaften unter Naturwissenschaftlern aufzubauen, die die menschliche Entwicklung der Person fördern.


Von Indien nach Garching


Das ist die Sendung, die mir meine Ordensoberen anvertraut haben. Seitdem ich im September 2012 mit meinen Studien in Astronomie begonnen habe, liegt mein Schwerpunkt darin, auf dem Feld der Erforschung der Bildung und Entwicklung von Galaxien ein Experte zu werden. Nach Europa bzw. München wurde ich geschickt, um Kontakte mit deutschen Astronomen und besonders solchen zu knüpfen und zu pflegen, die in Garching forschen.


In der Vergangenheit haben Jesuiten schwierige Arbeitsfelder nicht gescheut, und sie werden sich auch in Zukunft nicht davor drücken. Auch wenn die Zahl der Jesuiten, die voll und ganz in den Naturwissenschaften eingesetzt sind, klein ist, werden diese auch in Zukunft immer zu den Prioritäten der Gesellschaft Jesu gehören, die damit die ignatianische Maxime erfüllt, alles "zur größeren Ehre Gottes" einzusetzen, was ihr möglich ist3.


Richard D'Souza SJ, geboren 1978 in Pune, gehört zur Goa-Provinz der Gesellschaft Jesu, in die er 1996 eingetreten ist. Nach Studien der Philosophie und Theologie in Pune wurde er 2011 zum Priester geweiht. Seit Herbst 2012 lebt und studiert er in München.


1 Vgl. Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Nr. 230-237.
2 Vgl. Ignatius von Loyola, Bericht des Pilgers, Nr. 11: "Und den größten Trost empfing er, wenn er den Himmel und die Sterne betrachtete, was er sehr häufig und jeweils lange Zeit hindurch tat. Denn dabei fühlte er in sich eine ganz große Begeisterung, unserem Herrn zu dienen."
3 In diesem Beitrag angesprochene Themen wie die "Ratio Studiorum" oder die Vatikanische Sternwarte wurden in früheren Artikeln in dieser Zeitschrift behandelt; vgl. z. B. Stephan Ch. Kessler, Die Studienordnung der Jesuiten. Geschichte und Pädagogik der "Ratio Studiorum", in: Stimmen der Zeit 217 (1999) 243-254; Gustav Teres, Die Vatikanische Sternwarte. Geschichte und Forschungsarbeit, in: Stimmen der Zeit 221 (2003) 291-300.


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