Herbert Liebl SJ

Südsudan

Ein Jahr nach der Unabhängigkeit

Die gesamte Fläche des Sudan betrug vor der Teilung in zwei Staaten im Juli 2011 - Sudan und Südsudan - 2,46 Millionen km2 (das entspricht der zehnfachen Größe Deutschlands) mit einer Einwohnerzahl von 42,3 Millionen. Durch die Teilung bekam der Norden eine Fläche von 1,84 Millionen km2 mit einer Einwohnerzahl von 34 Millionen, die mehrheitlich sunnitisch (arabischer Abstammung) sind. Für den Süden ergibt sich demnach eine Fläche von 620 000 km2 mit einer Einwohnerzahl von 8,3 Millionen, die mehrheitlich Mitglieder von christlichen Kirchen und indigenen Religionen in über vierzig Stämmen sind.


Dieses Gebiet ist in zehn Bundesstaaten aufgeteilt. Die Konflikte, die den Kriegsverlauf beherrschten, waren vielschichtig. Die Gründe liegen zum einen in der Verschiedenheit von Rassen: Araber im Norden und schwarze Indigene im Süden; dann die unterschiedlichen religiösen Prägungen: mehrheitlich Muslime im Norden und christliche Indigene im Süden; schließlich die Bodenschätze: vor allem das reiche Erdölvorkommen im Süden. Eine schwierige Situation ergibt sich durch den Zufluß des Nils, der für die Bewässerung und damit für die Fruchtbarkeit des Schwemmlandes im Norden verantwortlich ist. Diese Inhalte mit den verschiedenen inneren Konflikten und Auseinandersetzungen beherrschten die Kriegsszenerie. Auch die Region Darfur ist im Rahmen dieser Konfliktbereiche zu sehen; denn hier geht es vor allem um die Vorherrschaft der dort wohnenden muslimischen Araber.


Das Friedensabkommen


Realistische Hoffnungen für einen Frieden im Südsudan gab es seit 2005. Das in jenem Jahr zwischen der Regierung in Khartum und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) geschlossene Friedensabkommen sollte dem Südsudan Autonomie gewähren. Außerdem sah dieses Abkommen ein Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudan für das Jahr 2011 vor, welches vom 9. Januar bis 15. Januar 2011 durchgeführt wurde.


Dabei haben 99 Prozent für die Unabhängigkeit des Südsudan gestimmt. Bis zur Ausrufung eines unabhängigen Staates im Sommer 2011 mußten jedoch noch einige Problemfelder bearbeitet werden. Die Scharia wurde im Süden außer Kraft gesetzt und sollte im Norden nur noch für Muslime Anwendung finden. Die Einnahmen aus den Ölvorkommen im Südsudan sollten zu gleichen Teilen dem Süden und dem Norden zukommen. Die teils umstrittenen Grenzen zwischen Nord- und Südsudan sollten festgelegt werden. Problematisch ist immer noch die Lage in Darfur sowie im Ostsudan.


9. Juli 2011 - Südsudan wird zu einem neuen Staat


Dieser für die Geschichte des Landes bedeutsame Tag war von starken Vorzeichen geprägt. Es gab eine große Feier, denen monatelange Vorbereitungen vorausgegangen waren. Der Freedom Square in der Mitte der neuen Hauptstadt Juba war angefüllt von Menschenmassen, die aus allen Teilen des Landes zusammengeströmt waren. Die Organisation war zwar ein wenig chaotisch, aber die Menge wartete geduldig auf die geladenen Gäste. Es wurde ein Fest, wie es bis dahin noch keines gegeben hatte: mit Nationalhymne, Reden, Paraden, Musik und Tänzen und - Kühen!


Für mich war das Herz des Festes das Gebet, das der Bischof des Bistums Rumbek, der Comboni-Missionar Cesare Mazzolari, zu diesem festlichen Anlaß vortrug. Seine ganze Seele - sein Verlangen, seine Arbeit, sein Herz - war immer auf die Menschen des Südens ausgerichtet, und er hatte sehnsüchtig darauf gewartet, sie endlich frei zu sehen. Er war auch der Bischof, der sich von allen Bischöfen am entschiedensten für den Unabhängigkeitsprozeß einsetzte und sich geradezu dafür aufopferte.


Nur acht Tage nach der großen Feier starb Bischof Mazzolari beim Hochgebet während der Frühmesse in seiner Kathedrale. Das berührte die ganze Diözese. Er war ein heiliger Mann, der sich immens engagierte und am Fundament der jungen Kirche Südsudans baute. Das Gebet, das er am Tag der Unabhängigkeit betete, fiel mit ihm in die Erde und wird hoffnungsvolle Früchte tragen und die Erinnerung an diesen großen Bischof für viele Generationen weiterleben lassen. Für mich ist es ein prophetisches Zeichen von großer Hoffnung für die Kirche - nicht nur für den Sudan, sondern auch für die Kirche Afrikas insgesamt.


Eine neue Ära kündigt sich an


Der Unabhängigkeit des Südsudan gingen Jahre intensiver Bemühungen um eine Wende voraus. Die Kirchen hatten unablässig zum Gebet aufgerufen; die Menschen sahen die Unabhängigkeitsfeier schließlich als Fest einer Erlösung von der schweren Zeit, die sie durchkämpft und durchlitten und mit über zwei Millionen Toten, die meisten davon südsudanesische Zivilisten, bezahlt hatten. Vier Millionen Südsudanesen waren durch die Kampfhandlungen vertrieben worden und kehren nun seit dem Kriegsende allmählich wieder zurück.


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Sie stoßen auf große Schwierigkeiten, denn die Versorgung ist prekär, da die Landwirtschaft des Südsudan durch den Krieg und durch die kulturellen Gegebenheiten - die Einwohner sind hauptsächlich Nomaden - nicht auf die Lagerung von Nahrungsmitteln eingestellt ist. Dazu kommt die ohnehin dürftige Infrastruktur des Südens, die infolge des Krieges weitgehend zerstört ist. Staatliche Schulen funktionieren nur auf dem denkbar niedrigsten Niveau; kirchliche Schulen werden sehr geschätzt und geben eine gute Basis für den notwendigen Neuaufbau.


Rumbek


Ich schreibe diesen Beitrag in Rumbek, der Hauptstadt des südsudanesischen Bundesstaates Lakes. Angesichts der Größe und der erheblichen kulturellen Unterschiede, die das Land kennzeichnen, bedeutet dies eine Schwierigkeit.


Von 2003 bis 2005 war ich zum ersten Mal in Rumbek, wo ich den Bau der ersten Jesuitenniederlassung im Sudan leitete. Danach war ich für zwei Jahre mit dem Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) in Liberia. Jetzt bin ich seit Juli 2011 wieder hier in Rumbek. Dies gibt mir einen kleinen Einblick wie sich das Land und die Menschen in dieser Region auf den "Neuen Südsudan" einstellen konnten.


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Ein kurzer Blick in die Geschichte der Jesuiten in Rumbek


Als erster Jesuit kam Pater Salvador Ferrao im Jahr 2001. Er folgte der Einladung des Bischofs der Diözese Rumbek, Cesare Mazzolari. Ich folgte ihm bald danach, als die Gründung einer jesuitischen Niederlassung beschlossen wurde.


Zur derzeitigen Kommunität gehören fünf Jesuiten: Pater Georges Kimonge aus Tansania, Superior unserer Gemeinschaft und Direktor des Ökologischen Zentrums; Pater Salvador Ferrao aus Indien, Pfarrer der Gemeinde St. Teresa und der Außenstation Maper, einer Ansiedlung von 40 000 größtenteils indigenen Nomaden; Pater Bernhard Mallia aus Malta, Lehrer und Seelsorger an der Hochschule und mit pastoraler Tätigkeit beim Radio "Good News"; Pater Francis Nyanja aus Kenia, Direktor für das neue Projekt MAJIS (Multi-educational and Agricultural Jesuit Institute of Sudan) und Leiter der Computer-Schule; und schließlich ich selber, aus Österreich stammend, Assistent für MAJIS und außerdem an vielen Arbeiten der Kommunität beteiligt.


Zur politischen Lage - Von der Euphorie zum Realismus


Im Norden hat Omar Hasan Ahmad al-Bashir die Präsidentschaft inne. Sein Hauptinteresse ist die Islamisierung des ganzen Sudan. Dieses Unternehmen betreibt er, auch wenn weitere politische Brennpunkte wie zum Beispiel die nördliche Grenze mit den dort gelegenen Ölfeldern, zunehmend in den Mittelpunkt rücken. Er provoziert durch Grenzübertretungen und finanzielle Manipulationen Unruhen und Unsicherheit. Gegen ihn liegt ein Auslieferungsantrag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vor.


Der Präsident des Südsudan ist Salva Kiir Mayardit. Er wurde zunächst als Nachfolger des tödlich verunglückten John Garang im August 2005 vereidigt und übernahm das Amt des Vizepräsidenten der Übergangsregierung. Am 9. Juli 2011 wurde er zum Präsidenten des neuen Staates Republik Südsudan (Republic of South Sudan, RoSS) gewählt. Er ist Katholik, und ihn zeichnet eine versöhnliche und moderate Haltung aus.


Inzwischen ist ein Jahr vergangen, und man kann fragen: Was hat sich in dieser Zeit getan? Was sind Zeichen einer Veränderung und Stabilisierung? Lange Zeit wurde das Land von Euphorie beherrscht. Die Menschen erwarteten eine schnelle Entwicklung. Die reichen Ölvorkommen gaben dem Ganzen den Schimmer einer Wohlfahrtsgesellschaft.


Aber die Gesellschaft ist durch den langen Krieg zerrissen. Es gibt faktisch nicht die Grundlagen, die für einen Aufbau nötig sind. Die Ausbildung von Jugendlichen, vor allem im landwirtschaftlichen Bereich oder in handwerklichen Berufen wie Tischler, Bauarbeiter, Maschinenbauer, Schneider und vielen anderen vergleichbaren Tätigkeiten, blieb auf der Strecke. Damit ist das Land auf Fachkräfte vor allem aus Uganda und Kenia angewiesen. Dies gibt wiederum den Einheimischen das Gefühl einer Unterwanderung und Ausgrenzung der eigenen Leute. Hier kam es vor allem unter den Jugendlichen zu offenen Konflikten auch mit der katholischen Kirche, wo Personen aus der Diözese aufgefordert wurden, das Land zu verlassen.


Abgesehen von diesen Spannungen und Auseinandersetzungen gibt es aber auch noch tiefer liegende Ursachen für die derzeitige Lage der Menschen. Der Krieg ist das zerstörerische Instrument einer Kultur, das das Wachstumsstreben von Menschen in ihrer je eigenen Dynamik unter Gewalt, Tod und Revanche begräbt. Auch die Isolation, die dieses Land durch den Krieg erlebte, ist ein Faktor, der das Wachstum bremst und lähmt.


Inzwischen ist der Deckmantel bzw. die Entschuldigung für so vieles durch das Ende des Krieges weggenommen. Da ist es nur natürlich, daß die inneren Konflikte, die die Menschen in sich tragen, ans Tageslicht kommen. Nun steht das Volk vor einer Zerreißprobe, was eine Chance für die Kirche sein kann, mit ihrer Botschaft für das Leben an einer neuen Kultur mitzuwirken.


Die Rolle der Kirche angesichts der brennenden Gegenwartsprobleme


Viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind jetzt von der Bildfläche verschwunden: Sie sahen ihre Aufgabe erfüllt, die Menschen in der schwierigen Zeit zu unterstützen und ihnen Hilfe und vielleicht auch Orientierung zu bieten. Die Kirchen hatten in dieser Zeit Unheimliches geleistet. Im Gesundheitswesen, im Schul- und Ausbildungsbereich, im Angebot an Orientierungshilfen wurde vor allem von der Kirche vieles eingebracht. Sie hat Entscheidendes in die ganze Freiheitsbewegung eingebracht, vor allem durch ihre Ausrichtung an den Prinzipien des Evangeliums.


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Bis heute fehlt es an effizienten Strukturen einer Verwaltung und am Wissen, wie man solche Strukturen aufbaut. Es herrscht eine unglaubliche Korruption, die, so scheint es, strukturell in die Gesellschaft eingebaut ist. Dabei grenzt es oft an ein Wunder, wie sich die Menschen im Alltag durchwursteln und überleben.


Worin liegt die Faszination dieses Volkes mit über vierzig Stämmen und einem Territorium, so weit das Auge reicht? Ich sehe vor allem das Potential an natürlichen Eigenschaften, die uns in Europa weitgehend abhanden gekommen sind: Es ist die Faszination des "Augenblicks" und des "Lebens in der Existenzmitte"! Wenn die Kirche diese Momente einfangen und zum Strahlen bringen kann, dann liegt wohl in dieser Bewegung ihre größte Kraft und die Chance zur Verwirklichung eines "göttlichen Traumes".


Wir leben hier im Land der Dinka, einem Land in dessen Lebenszentrum die "Kuh" steht. Dieses Phänomen ist mit allen wichtigen Lebensbereichen verbunden: Eheschließung und -aufhebung, Schadenersatz, richterliche Entscheidungen bei Unfällen, Streitigkeiten zwischen Stämmen usw. Die größte Herausforderung für uns ist das Unrecht, das Frauen angetan wird. Sie gelten als eine Quelle des Reichtums - und werden so zum Objekt degradiert. Ihr "Wert" wird bei einer Art Versteigerung ermittelt, wo der, der die meisten Kühe bietet, die Frau erwirbt. Zudem herrscht hier die Tradition der Polygamie. Wie aber sollen in einer Kultur der Polygamie, in der ein Mann 72 Frauen erwerben kann, Gerechtigkeit und Friede möglich werden? Dieser Umstand und die Tatsache, daß die Frauen 75 Prozent der Arbeitslast zu tragen haben, werfen für uns Fragen auf, deren Beantwortung in unser apostolisches Engagement einfließen muß.


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Wie geschieht diese Bereitung des Bodens? Gibt es Anzeichen eines ersten Wachstums? Ja, die Erwartung existiert. Menschen reden offen über all das, und der Wille zu Veränderungen ist spürbar. Dies ist es, was mich begeistert und vielleicht den Anbruch einer neuen Ära anzeigt. Dann sind es Einrichtungen wie die Mädchenschule der Loretoschwestern, die den ersten Abschluß von neun Schülerinnen feiern konnte. Auch eine Hochschule, wie die von den Jesuiten in Juba gegründete Universität (Gründer: Pater Michael Schultheis SJ, USA) steht für dieses Werk; auch sie konnte bereits die ersten erfolgreichen Studienabsolventen verabschieden. In diesem Sektor geht es um Schulbildung und Ausbildung im allgemeinen. Aber diese Konzentration auf das "Wissen" genügt nicht. Die Frage an uns lautet: Wie können wir es erreichen, daß die befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu Christi dem Leben der Menschen zum Wachstum verhilft?


Das zeichenhafte Wirken eines ägyptischen Jesuiten


Henri Boulad, ein ägyptischer Jesuit, der seit 1967 sein intensives apostolisches Wirken innerhalb und außerhalb Ägyptens mit einem starkem Sozialengagement verbindet, hat eine Vision für den Sudan, den er in den Jahren 1988/89 in Rumbek entdecken lernte. Boulad kennt den Islam in seinen positiven wie negativen Erscheinungsformen aus erster Hand. Geboren wurde er in Alexandria. Er ist griechisch-katholischer Christ. Er ließ sich in Frankreich und in den USA in Theologie, Philosophie und Psychologe ausbilden und wurde schließlich Jesuit. Zwölf Jahre lang war er Präsident der Caritas für Afrika und Arabien. Henri Boulad ist also dafür prädestiniert, sich zu diesem auch weltpolitisch brisanten Thema zu äußern.


Seine Vision für den Sudan ist das Projekt einer "Twinning Operation" (Partnerschaftsaktion) mit der Übernahme von Verantwortung: von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde, von Universitäten zu spezifischen Elementen wie Agrarkultur und dergleichen - gepaart mit einer Spiritualität, und hier setzte ich die Expertise der Jesuiten ein, um dem Ganzen Erdung, Bestand und Ausrichtung zu geben.


Die Auseinandersetzungen und Herausforderungen sind gewaltig. Wir haben uns für Agrarkultur als Schwerpunkt unserer Arbeit im Südsudan entschieden. Mir geht es dabei um ein spirituelles Zentrum, das es sich zur Aufgabe macht, Spiritualität mit dem praktischen Leben zu verbinden und den Menschen Wege aufzeigt, wie sie eine Gemeinschaft in Selbstbestimmung aufbauen und eigenverantwortlich in die Hand nehmen können. Wie kann die Agrarschule eine zukunftsfähige Position gewinnen? Ich glaube, daß Boulads Vision einer "Twinning Operation", etwa als Partnerschaft mit einer agrarwissenschaftlichen Fakultät in Österreich oder einem anderen Land, unserem Projekt zu einem guten Start verhelfen kann.


Damit können wir mehrere Ziele erreichen: die Verbindung auf beiden Seiten ermöglichen, Erfahrungen weitergeben, der Kirche einen erweiterten Horizont vermitteln, der Spiritualität neue Nahrung geben und viele Aspekte mehr. Das Land ist tief gespalten, und da sind wiederum die christlichen Basisgemeinden ein Mittel, Menschen zusammenzuführen und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Dies ist mein Traum - und wenn er sich verwirklicht, kann sich einiges bewegen.


Herbert Liebl SJ, geb. 1939 in Kärnten, trat mit 40 Jahren als Brudernovize in den Jesuitenorden ein. Er arbeitete hauptsächlich an sozialen Brennpunkten in Afrika und Asien, hat aber auch Erfahrungen in der Verwaltung der "Jesuitenmission" in Nürnberg (Missionsprokur). Von 2003 bis 2005 war er das erste Mal im damaligen Sudan tätig, im Juli 2009 ist er in den Südsudan zurückgekehrt.


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