Stephan Lipke SJ

Rußland von innen

Erste Eindrücke eines Seelsorgers

Seit dem 1. September 2011 bin ich in Rußland eingesetzt: derzeit als Spiritual, also geistlicher Begleiter, für möglicherweise künftige Priester in Nowosibirsk/Sibirien. Das schnelllebige und bunte Moskau kenne ich kaum, St. Petersburg bis jetzt gar nicht. Meine Eindrücke handeln mehr vom ganz normalen Leben in der russischen Provinz.


Aufschlußreich scheint es mir zu sein, einmal eine nicht lange Strecke (mindestens 15 Stunden) mit dem Zug zu reisen - und zwar nicht im Coupé, dem kleinen Abteil, das entsprechend teuer ist, sondern möglichst im Plazkartnyj-Waggon, mit vielen Mitreisenden. Mindestens von Krasnojarsk bis an den Ural sieht die Landschaft, die draußen vorbeizieht, überall gleich aus: weite Ebene, Bäume und Wiesen, gelegentliche Anzeichen von Besiedelung oder Industrie.


Etwa alle zwei Stunden hält der Zug für etwa 20 Minuten an einem Bahnhof. Dieser wird nicht angesagt, es steht auch kein Schild am Gleis, das ihn bezeichnet. Stattdessen werden die Passagiere, die es betrifft, einige Zeit früher vom Schaffner darauf hingewiesen, daß sich ihr Bahnhof nähert. Im Zug selbst liegen viele Menschen Tag und Nacht auf ihren Pritschen und schlafen oder dösen oder lesen ein wenig. Ansonsten kann man sich viel unterhalten (Russen sind sehr kommunikativ und spontan bereit, sich bekannt zu machen), essen oder Tee trinken. Die Passagiere sind sehr verschieden. Auffällig ist, daß wenig alte Leute in den Zügen sitzen, aber viele junge muslimische Männer, die von ihren Familien im Kaukasus oder in Zentralasien zu ihren Arbeitsplätzen fahren oder umgekehrt. Für sie benutzt man das klassische russische Wort "gastarbajtery". Sie werden dringend gebraucht, aber vielfach verachtet.


Zwischen bescheidenem Aufbruch und Sowjetnostalgie


Die Bevölkerung schrumpft kontinuierlich. Für viele Arbeiten (Bau, einfache Dienstleistungen, Arbeit auf den Gasfeldern oder in den Bergwerken des Nordens) fehlt schon jetzt das Personal. Insbesondere die Dörfer entvölkern sich, manche sind schon jetzt völlig menschenleer oder kaum noch besiedelt. Diese Menschen ziehen in die großen Städte, wie Nowosibirsk oder Omsk, um, von dort aber ziehen viele nach Moskau oder ins Ausland.


Städte wie Nowosibirsk entwickeln sich schnell, die Tristesse des sowjetischen Einheits-Grau weicht immer mehr einer kapitalistischen Glitzerwelt mit viel Werbung, Luxus-Einkaufszentren und anderem. Daneben aber verkommt das, was Eigentum aller ist (Parks, Schulen, Krankenhäuser) zusehends. Auch viele Familien sind in den 80er und 90er Jahren auseinandergebrochen.


Das macht sich dadurch bemerkbar, daß viele junge Menschen (auch katholische Seminaristen, Priester und Ordensleute) ohne familiäre Wurzeln aufgewachsen sind. Häufig hört man daher von älteren Menschen Klagen, wie schlecht seit dem Ende der Sowjetunion alles geworden sei, auch gepaart mit konkreten Vorwürfen an Michail Gorbatschow (und manchmal auch Boris Jelzin), sie hätten das Gute, das es damals gab, kaputt gemacht. Selbst der bescheidene Aufschwung der letzten Jahre steht vermutlich auf unsicheren Beinen, denn er wird vor allem davon getragen, daß russisches Gas gefragt ist.


Religion wird (wieder) öffentlich sichtbar


Offensichtlich ist, daß die Religion im öffentlichen Raum immer mehr einen sichtbaren Platz einnimmt. In aller Ausführlichkeit berichtet das staatliche Fernsehen von orthodoxen Feierlichkeiten, aber auch die katholischen Feste (z. B. Palmsonntag und Ostersonntag) finden im lokalen Fernsehprogramm Beachtung. Kirchen und Kreuze, aber auch Minarette kommen immer mehr ins Blickfeld.


In Nowosibirsk etwa sind seit den 90er Jahren mehrere orthodoxe Kirchen in der Innenstadt wieder eröffnet und einige neu gebaut worden, auch die katholische Bischofskirche steht mitten in der Stadt; insgesamt gibt es nunmehr in der Stadt vier Bischöfe: den orthodoxen Metropoliten, den Bischof der "altgläubigen" Orthodoxen, einen katholischen und einen lutherischen Bischof. Katholiken werden nach wie vor vielfach unter ethnischem Gesichtspunkt wahrgenommen, als "Polen", "Deutsche" oder "Litauer". Mutatis mutandis gilt dies auch für Lutheraner.


Katholiken: moderner und aufgeschlossener als die Orthodoxen?


Es gibt aber zwei gegenläufige Bewegungen: Einerseits verlieren für manche Menschen die ethnischen Wurzeln an Bedeutung. Diese wenden sich dann auch in religiöser Hinsicht der Kirche zu, die sie als "einheimisch" empfinden, nämlich der Orthodoxie. Andere hingegen, ganz unabhängig von ihrer Herkunft, finden in der Orthodoxie keine Beheimatung und wenden sich daher der katholischen Kirche zu, die viele Menschen hier als demokratischer, moderner, aufgeschlossener und pastoraler empfinden. Dadurch wird die katholische Kirche, die es auch im Sinne moderner konfessioneller Einteilung seit über 400 Jahren immer gegeben hat, spürbar "einheimischer".


Anderseits, scheint mir, hat die katholische Kirche in Sibirien ähnliche Schwierigkeiten wie im Westen: Viele empfinden sich als Katholiken und sind es auch durch die Taufe, nehmen aber am regelmäßigen gottesdienstlichen Leben nicht teil (noch verstärkt durch objektive Schwierigkeiten - selbst in der Großstadt - die Kirche überhaupt zu erreichen, oder durch die blanke Notwendigkeit, im Sommer an den Wochenenden auf der Datscha Gemüse anzubauen). So geht man von etwa 30 000 Katholiken in der Stadt Nowosibirsk aus, an den Sonntagsgottesdiensten nehmen aber höchsten 1000 Menschen teil. Auch unter Katholiken dürfte die Zahl der Abtreibungen und Ehescheidungen hoch sein. Verschiedene Formen von Wahrsagerei, wie etwa Kartenlegen, spielen eine wichtige Rolle.


Ein Problem der Kirche besteht darin, einheimischen Priester- und Ordensnachwuchs zu gewinnen, mehr noch jedoch: Von denjenigen, die in das Vorseminar in Nowosibirsk oder das Seminar in St. Petersburg oder in die Noviziate eintreten, treten noch wesentlich mehr als im Westen wieder aus, etwa 80 Prozent. Das hat zum einen mit dem bereits erwähnten Mangel an familiären Wurzeln zu tun, bei den Ordensgemeinschaften aber auch damit, daß die meisten Noviziate im Westen stehen, vor allem in Polen, so daß ein gewisser Kulturschock eintreten kann. Ähnlich wie im Westen scheint bei Seminaristen der Wunsch zu bestehen, innere Unsicherheit durch äußere Sicherheiten (z. B. Regeln und liturgische Formen) zu kompensieren.


Beeindruckend ist der Beitrag der katholischen Kirche auf dem Gebiet der Sozialarbeit: Sie betreibt "Kinderclubs" für Kinder verschiedenen Alters, deren Eltern sich um sie nicht kümmern (können) und ein Kinderheim in Nowosibirsk. Die Mutter-Teresa-Schwestern haben Unterkünfte für Obdachlose und versuchen darin, mit Hilfe von Ärzten, Psychologen und dem Programm der Anonymen Alkoholiker, Menschen zu helfen, damit sie von ihrer Sucht loskommen. Auch Mutter-Kind-Heime betreibt die Caritas, in Tscheljabinsk am Ural besuchen ihre Mitarbeiterinnen sogar junge Mütter im Gefängnis, um mit ihnen einzuüben, wie sie mit ihren Kindern umgehen können.


Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Orthodoxie ist in Westsibirien sehr unterschiedlich, je nach der Einstellung des jeweils ortsansässigen orthodoxen Bischofs. Insgesamt scheint sich aber unter Orthodoxen die Einsicht Bahn zu brechen, daß die katholische Kirche keine Sekte ist, sondern eine weltweit sehr große Religionsgemeinschaft und insofern ein ernstzunehmender Gesprächspartner.


Trostspender oder auch Impulsgeber?


Insgesamt, scheint mir, steht die Gesellschaft in Rußland an einem Wendepunkt: Sie kann und muß sich jetzt entscheiden zwischen Verharren im Alten oder Mut zur Zukunft, zwischen Aufgeschlossenheit oder Angst, zwischen Tatkraft oder Resignation. Und damit stehen die Religionsgemeinschaften, vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, aber im kleinen auch die römisch-katholische, vor der Frage, ob sie in erster Linie Trostspender oder auch Impulsgeber sein möchten.


Für die katholische Kirche stellt sich zudem die Frage, ob sie ihre Identität hauptsächlich aus den Erfahrungen der Vergangenheit, etwa den Zeiten der religiösen Verfolgung, und den verschiedenen nationalen Identitäten beziehen möchte oder ob sie sich in erster Linie als Teil einer neu entstehenden russischen Gesellschaft in einer globalen Welt positionieren kann und will.


Stephan Lipke SJ, geb. 1975, wurde 2002 für das Erzbistum Köln zum Priester geweiht und trat 2006 in den Jesuitenorden ein. Bevor er im Herbst 2011 in die ehemalige Sowjetunion entsendet wurde, war er Leiter der Glaubensorientierung am Zentrum St. Michael in München.


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