Klaus Väthröder SJ

30 Jahre Kinder von Cali

Pater Alfred Welker SJ und sein Werk in Kolumbien

Vor dreißig Jahren ist der Jesuit Alfred Welker von Nürnberg nach Kolumbien gegangen, um im berüchtigtesten Slum der Millionenstadt Cali das Sozialwerk "Die Kinder von Cali" aufzubauen. Es gab keine Kanalisation, keinen Strom, keine Schulen, keine Gesundheitsversorgung. Stattdessen prägten Armut, Unterernährung, Drogen, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung den harten Alltag. Padre Alfredo, wie der Jesuit aus Deutschland bald nur noch hieß, hat mit seiner ruppigen Herzlichkeit, einem bodenständigen Gottvertrauen und seinem unerschütterlichen Glauben an die Menschlichkeit das Leben im Slum verändert und die Hoffnung einer ganzen Generation beflügelt.


Kampf gegen die Hölle


Seine ersten Eindrücke aus Aguablanca verschickt der damals 42jährige Alfred Welker in einem Rundbrief mit dem Titel "100 Tage in der Hölle von Cali". Er kämpft gegen Überschwemmungen, gegen sinnloses Morden, vermeidbare Kindstode, Gewalt in kaputten Familien und gegen die trostlose und entwürdigende Armut.


Er schreibt: "Wie kam ich in dieses Infierno (span. Wort für Hölle)? Sehr schnell. Acht Tage lebte ich im Jesuitenkolleg im Zentrum von Cali, wohlgeborgen an der Mutterbrust der Gesellschaft Jesu. Und jeden Tag gondelte ich drei Stunden lang in klapprigen total verdreckten Bussen herum, um zu meinen Pfarrkindern in den Barrios EI Vergel, EI Retiro, EI Poblado und Los Comuneros weit im Osten von Cali, einem ehemaligen Sumpfgebiet, zu gelangen. Der große Zeitverlust und die Verschiedenheit der beiden Welten (hier: Dusche, Essen an gedecktem Tisch mit Messer und Gabel. Dort: abgestandenes Regenwasser und Essen aus einem Napf mit Fingern. Probleme hier: Wie geht es in Deutschland? Wo haben Sie Ihre Studien gemacht? Probleme dort: Seit zwei Tagen habe ich nichts Festes zwischen den Zähnen gehabt; in welchem 'Laden' können wir drei Maisbrötchen stehlen ohne erwischt zu werden), zwangen mich schnell, die Zivilisation wieder zu verlassen. So spazierte ich durch EI Vergel und suchte eine 'bessere Wohnung', näher bei den Leuten. Schon nach kurzem sprach mich lallend ein Mann an, schwankend wie ein Zuckerrohr im Sturm, und lud mich zu einem Bier ein, was ich nicht ablehnte, da ich inzwischen auch Durst hatte. Wir wurden Freunde und seit diesem Tag lebe ich in seiner Hölle, oder geschwollen ausgedrückt: Seitdem ist seine Hütte mein Pfarrhaus, ich vermute, eines der nobelsten Pfarrhäuser der Welt!


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Schon in der ersten Nacht, die ich hier in diesem 'Pfarrhaus' war, hat mich ein Nachbar geholt: 'Padre komm, hilf uns, meine Tochter (acht Monate) liegt im Sterben.' Und ich gehe, erlebe die Familie leidend und kämpfend gegen die Hölle. Ich habe - zornig - mit ihnen gebetet und das Kind getauft. Und eine ungeheure Wut hat mich gepackt: Warum konnte dieses Kind nicht in Deutschland geboren werden, sondern muß in dieser Hölle verrecken, wo es keinen Arzt gibt für 100.000 Menschen? Und nachts keiner kommt, auch nicht um teures Geld, aus Angst um sein Leben? Nachts herrscht hier das Gesetz des Wilden Westens - man raubt, überfällt und mordet. Es gibt keine Polizei. Das einzige Gesetz ist die Machete und der Tod.


Für mich ist am schwersten zu begreifen, daß das Volk, das im Dunkeln sitzt, den Zugang zum Licht schon verloren hat; der Blinde will gar nicht sehen; so daß die Sehenden, die Herrschenden, jeden Blödsinn verzapfen können. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, sie ist ja ein Wesensmerkmal der christlichen Religion: auch in jedem Sumpf gibt es Sumpfblumen, so versuche auch ich hier langsam einige Blumen zu säen und in kleinen Frontabschnitten den Kampf gegen die 'Hölle' aufzunehmen.


Ermutigung und Zumutung


Michael Kuhnert ist ein langjähriger Weggefährte von Alfred Welker. Er hat ihn als Jugendlicher in Nürnberg kennengelernt, war später selbst drei Jahre lang als Entwicklungshelfer im Projekt "Kinder von Cali" beschäftigt und ist dem Werk und den Menschen in Aguablanca eng verbunden.


Er charakterisiert Padre Alfredo folgendermaßen: "Alfredo fasziniert, begeistert, provoziert und stößt vor den Kopf, egal ob in Nürnberg oder in Cali. Es ist schwer, sich an seiner Art und seiner Erscheinung vorbei zu mogeln und es spielt keine Rolle, ob er im alten Filzmantel im deutschen Winter oder mit Schirmmütze in der Hitze Retiros vor einem steht: Er zieht in den Bann. Er spricht an, macht nachdenklich und eckt an, weil er meist völlig anders denkt und viel direkter redet, als wir es gewohnt sind. Er läßt sich in keine Rolle pressen und sprengt regelmäßig den Rahmen. In Nürnberg war er Freund der Ausländer, Alkoholiker und Drogensüchtigen, in Cali wurde er Pfarrer der Schwarzen und Padre der verwahrlosten Kinder.


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Er schaut nicht nach oben, sondern nach unten und serviert im Ernstfall die Obrigkeit ab, um den Mühseligen und Beladenen die Treue zu halten. Er ist Ermutigung und Zumutung: Die zu kurz Gekommenen interessieren ihn und die mit den dicken Ellenbogen interessieren ihn nicht. Wichtigtuerei, Selbstgewißheit und Effekthascherei sind ihm ein Greuel. Er hat keine Angst: Er haut auf den Tisch, wo viele andere sich feige abwenden. Er spricht das aus, was kaum einer zu sagen wagt. Und er tut das, wovor sich die meisten Deutschen und Kolumbianer drücken. Er ist ganz er selbst und ganz bei sich: Er läuft weder den Moden noch dem Zeitgeist hinterher. Er verkauft sich nicht, läßt sich nicht verplanen oder einnehmen und weigert sich, auf Kosten anderer zu leben. Er nimmt Beschimpfungen hin, Verleumdungen in Kauf und macht trotz Verfolgungen und Schüssen auf ihn weiter. Er wundert sich nicht über das Außergewöhnliche, sondern über das Normale: Der Durchgeknallte, die Verzweifelte und das verrotzte Straßenkind sind ihm näher als der vermeintlich Erfolgreiche und die glänzend Angepaßten."


Als Kaplan ins Noviziat


Alfred Welker war bereits Kaplan in der Erzdiözese Bamberg, als er mit 26 Jahren in den Jesuitenorden eintritt. Pater Joe Übelmesser, der damalige Missionsprokurator erinnert sich: "Auf einem Ausflug ins Schwäbische meldete sich Alfred eines Tages im Noviziat der Jesuiten in Neuhausen. Ein Novize, der damals zufällig an der Pforte stand, schildert Alfred aus damaliger Sicht so: 'Er war schüchtern und bartlos.' Ich verstand zunächst: schüchtern und harmlos. Aber alle, die ihn kennen, werden mir beipflichten, wenn ich sage, daß Alfred sich in allen drei Adjektiven 'schüchtern, harmlos und bartlos' stark verbessert hat."


Geist der Freiheit


Nach dem Noviziat wird Alfred Jugendpfarrer in Regensburg. Klaus Kobler kennt ihn aus dieser Zeit: "Alfred prägte und begeisterte uns mit seinem demokratischen Leitungsstil. Sein Geist war von Freiheit bestimmt, die keine 'arrivierten Deppen' leiden konnte. Beim Bischof in Ungnade gefallen, mußte er 1974 Regensburg nach äußerst erfolgreichem Wirken verlassen." Von 1974 bis 1982 leitet Alfred die Jugendarbeit im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg, ebenfalls eine "wilde Zeit". Aber dann wird ihm Nürnberg zu eng. Und bald darauf auch Deutschland. Er geht nach Kolumbien, um konsequent mit den Armen zu leben.


Radikal und frech


Anpacken können und unter einfachen Bedingungen leben, das hat Alfred schon als Kind in seinem Heimatdorf Stiebarlimbach in Oberfranken gelernt. Rosa Welker, seine jüngere Schwester, beschreibt ihren Bruder so: "Ein Dickschädel war Alfred nicht immer. Im Gegenteil: Früher war er sehr schüchtern. Erst bei den Jesuiten hat er sich radikal geändert. Unsere Mutter sagte oft: 'Ich möchte bloß wissen, woher du das hast, daß du so frech bist.' Er selber sagte dann: 'Selbst bei den Jesuiten kommt man nicht weiter, wenn man nicht frech ist.' Auch so radikal in seinen Einstellungen wurde er erst in der Nürnberger Zeit. Unsere Eltern waren ganz arme Leute. Wir hatten einen kleinen Bauernhof. Da mußten wir viel mithelfen, auch er. Zum Beispiel beim Dreschen; das war immer die schlimmste Arbeit. Er scheute keine Arbeit und keinen Dreck. Sonst hätte er das da drüben nicht ausgehalten. Daß er in ein so gefährliches Land gegangen ist, war vor allem für unsere Mutter sehr hart. Sie sagte immer: 'Naja, er hat es so gewollt.' Aber man kann schon sagen: Er sucht seinen Nächsten in Südamerika und seinen direkten Nächsten sieht er nicht. Wir hätten ihn auch oft brauchen können."


Maria Elsa Rodriguez Ortiz ist im kolumbianischen Armenviertel Aguablanca aufgewachsen und für sie ist Padre Alfredo ein Vorbild: "Padre Alfredo ist ein echter Mann, denn trotz Verfolgung und zweier Mordanschläge hat er seine Mission fortgesetzt: das Leben aller zu verbessern und Liebe, Glaube und Hoffnung zu säen. Ihm genügt es, ein Paar Sandalen, zwei Hemden und drei Hosen zu besitzen. Wegen seines Lebensstils nannten viele ihn einen Verrückten. Ich nenne ihn Prophet, weil er in seinen Predigten die Wahrheit verkündet, für die Chancengleichheit der Ärmsten kämpft, weil er auf der Seite der Schwächsten steht."


Alfredo wird wieder Alfred


Dreißig Jahre ist das Sozialwerk "Die Kinder von Cali" nun alt mit seinen Kindergärten, Schulen und vielen anderen Projekten. Die erste Generation der Kinder von Cali ist längst erwachsen geworden und so ist jetzt auch für das Werk die Zeit gekommen, ohne seinen Vater, ohne Padre Alfredo klarzukommen. Nach dreißig Jahren in Cali ist Alfredo aus gesundheitlichen Gründen zurück nach Deutschland gekehrt und wieder zu Alfred geworden.


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Natürlich war seine Rückkehr nach Deutschland eine schmerzhafte Entscheidung: Die "Kinder von Cali" sind das Lebenswerk von Alfredo und hier war er in den letzten dreißig Jahren, fast die Hälfte seines bisherigen Lebens, zuhause. Er hat mehrere Generationen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Aguablanca mit seiner Arbeit erreicht und geprägt. Er hatte immer ein offenes Ohr, eine offene Hand und eine offene Tür für alle, die Hilfe brauchten. Es war zum Beispiel für ihn selbstverständlich, dem kleinen Maximiliano eine Art Ersatzgroßvater zu sein und dessen 16jähriger Mutter Claudia Unterschlupf im Projekt zu gewähren. Maximilianos Vater Charly, selbst durch und durch "ein Kind von Cali" und mit Alfredo sogar einmal in Deutschland gewesen, saß zur Zeit der Geburt seines Sohnes im Gefängnis und kam ein knappes Jahr später mit nur 18 Jahren im Nachbarbarrio Mohica bei einer Bandenschießerei ums Leben. "Ich habe Charly gesagt: Geh nicht nach Mohica. Aber er ist doch hingegangen, zum Spielen und zum Saufen und dann gab's Ärger und sie haben ihn erschossen", erzählte mir Alfredo im Februar 2010.


Alfredo hat viele solcher Geschichten erlebt und darunter gelitten: Junge Männer und Frauen, die in den Kindergärten und Schulen des Projektes ein Startkapital für ihre Zukunft bekommen hatten, denen Alfredo Chancen auf Ausbildung und Einkommen geboten hatte, die dann aber doch in die Kriminalität abrutschten, erschossen wurden, viel zu früh Kinder bekamen, von Männern mißhandelt oder verlassen wurden, ohne Arbeit auf der Straße standen.


Dabei war Alfredos Hilfsbereitschaft nie naiv, sondern durch und durch realistisch. Er wußte genau um alle Versuchungen und Fallstricke, die das Leben in Barrios wie El Retiro, Vergel bajo und Vergel alto so schwierig machen. Er wußte auch genau, daß es hin und wieder einzelne gab, die seine Hilfsbereitschaft ausnutzen wollten. Aber es waren seine Leute, die Afrokolumbianer in Aguablanca, für die er sich mit Herz und Seele eingesetzt hat, mit denen er in seiner unnachahmlichen Grobheit auch immer Tacheles geredet hat.


Alfredos Methode, mit der er in den vergangenen dreißig Jahren das Werk "Die Kinder von Cali" mit seinen vielen Einrichtungen und Arbeitsfacetten aufgebaut hat, widerspricht so ziemlich allen derzeit gültigen und offiziell anerkannten Kriterien einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit. Aber so etwas war Alfredo schnurzpiepegal. Und Alfredo hatte Erfolg, weil er Alfredo war. Weil er sich mit seiner Person, mit seinem Leben voll und ganz in diese Arbeit hineingegeben hat.


Im März 2011 habe ich Alfredo zurück nach Deutschland begleitet. Aber auch wenn Alfredo nicht mehr in Cali ist, werden wir weiterhin in seinem Sinne handeln. Nicht nur in Aguablanca, sondern auch an anderen Orten Kolumbiens und Lateinamerikas.


Der Alfred-Welker-Kinderfonds


Wir haben den Alfred-Welker-Kinderfonds gegründet, in den ab sofort alle Spenden für Alfredo fließen. Aus den Mitteln des Fonds werden wir vorrangig das Werk "Die Kinder von Cali" unterstützen, darüber hinaus jedoch auch andere Projekte für Kinder in Lateinamerika im Sinne von Alfredo fördern. Zum Beispiel die Arbeit der kolumbianischen Ordensschwester Luz in Cali mit Jugendbanden und gefährdeten Kindern. Schwester Luz ist mit ihrem Projekt seit fast dreißig Jahren in Aguablanca präsent und kennt Alfredo seit seinen Anfängen in El Retiro.


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Aber auch Projekte außerhalb Kolumbiens sollen aus dem Fonds gefördert werden. Zum Beispiel Manitos Creciendo, ein Projekt für Kinderarbeiter in Piura/Peru; die jesuitische Jugendorganisation Huellas in den Barrios im venezolanischen Caracas; die Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes mit Kindern und Jugendlichen in Cali, Bonaventura und auch in Panama, wohin viele afrokolumbianische Familien vor der Gewalt in Kolumbien geflohen sind. Dort im Slum Kurundú leben sie in Holzhütten, die auf Stelzen in stinkender Abwasserbrühe stehen. Ähnlich sah es in Aguablanca vor vielen Jahren aus. Hier leisten Ordensschwestern eine zupackende Pastoralarbeit.


Natürlich ist Alfredo mit seiner Art und seiner Lebenskonsequenz einmalig. Aber es ging ihm nie um seine Person, sondern immer um die Menschen, für die er da war. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie nicht nur Alfredo, sondern auch seinem Anliegen die Treue halten. Das wäre für ihn und für uns ein großes Geschenk!


30 Jahre Kinder von Cali. Pater Alfred Welker SJ und sein Werk. Hg. v. Klaus Väthröder. St. Ottilien: EOS 2011. Mit zahlreichen Farbbildern. 112 S. Gb. 19,95. - Der Erlös aus dem Buch fließt in den Alfred-Welker-Kinderfonds, aus dem die "Kinder in Cali" und ähnliche Projekte in Lateinamerika unterstützt werden.


Klaus Väthröther SJ, geb. 1960, ist Leiter der Jesuitenmission in Nürnberg (‹www.jesuitenmission.de›)


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