Andreas R. Batlogg SJ

Unterwegs zu Heilung und Erneuerung

Ausgewählte Literatur zum Thema "Sexueller Mißbrauch im kirchlichen Bereich"

Vom 6. bis 9. Februar 2012 findet an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom ein internationaler Kongreß über sexuellen Mißbrauch Minderjähriger durch Priester statt - hauptsächlich gedacht für Bischöfe und höhere Ordensobere: "Towards Healing and Renewal. A Symposium for Catholic Bishops and Religious Superiors on Sexual Abuse of Minors".


I. Ein internationaler Kongreß in Rom


Experten werden vor über 200 erwarteten Teilnehmern über ihre Erfahrungen mit der Betreuung von Opfern und über Möglichkeiten einer Vorbeugung und rechtlichen Ahndung solcher Fälle beraten, kündigte der Vizerektor der Päpstlichen Universität, der deutsche Jesuit Hans Zollner, an. Er leitet an der Gregoriana das Institut für Psychologie. Eine Homepage informiert über den von Zollner federführend organisierten Kongreß auf Englisch, Italienisch, Spanisch und Französisch: ‹www.thr.unigre.it›.


Neben dem Präfekten der im Vatikan für Mißbrauchsfälle zuständigen Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, werden auch Msgr. Charles J. Scicluna, der "Oberstaatsanwalt" (promotor iustitiae) der Kirche zu den Mißbrauchsfällen, sowie der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, referieren.


Das "Zentrum für Kinderschutz" - ein neues "E-learning-Center"


Das bayerische Erzbistum ist Kooperationspartner der Gregoriana und wird in den kommenden drei Jahren ein Internetportal zur Prävention und zum Umgang mit Mißbrauchsfällen für Bischöfe, Ordensobere und andere Verantwortliche in der katholischen Kirche einrichten. In München ist dazu ein Ableger des Instituts für Psychologie der Päpstlichen Universität Gregoriana gegründet und angesiedelt worden, das den Titel "Zentrum für Kinderschutz" trägt und von der Gregoriana, von privaten Sponsoren und vom Erzbistum getragen wird, das dafür 500 000 Euro zur Verfügung stellt.


Das "E-learning-Center" soll in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus dem Universitätsklinikum Ulm (Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie) entstehen - das wiederum im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) handelt: "Das E-Learning-Center", so der Finanzdirektor der Erzdiözese, Klaus Peter Franzl, "wird eine mehrsprachige Internetseite sein, die die aktuellsten Informationen und Hintergründe zum Thema sexueller Mißbrauch für Verantwortliche in der katholischen Kirche, nicht nur für Bischöfe und Ordensobere, bereit hält. Es baut auf die Arbeit der Konferenz auf und fungiert als ein Zentrum, das ein globales pastorales Konzept gegen Mißbrauch in der katholischen Kirche und in der Gesellschaft zu entwickeln hilft."


Auf der Homepage des Erzbistums sind u. a. die Statements von Kardinal Marx und P. Hans Zollner abrufbar (Download-Dokumente) (www. Erzbistum-muenchen.de). Nützliche Internetadressen in diesem Zusammenhang: Gregoriana: ‹www.thr.unigre.it›; Deutsche Bischofskonferenz: ‹www.praevention-kirche.de/›; Erzbistum München und Freising: ‹www.erzbistum-muenchen.de/page007538.aspx?newsid=22153›; Zentrum für Kinder- und Jugendschutz: ‹www.uniklinik-ulm.de/news/article/1119/sexuellen-mi.html›, ‹http://elearning-childprotection.com/›.


II. Ausgewählte Literatur


Die "Stimmen der Zeit" haben das Thema Mißbrauch bzw. sexualisierte Gewalt in verschiedenen Zusammenhängen und aus aktuellem Anlaß wiederholt aufgegriffen1. So schnell wird die Thematik, werden damit verbundene Problemfelder aus der Kirche nicht verschwinden und sollen auch nicht so schnell verschwinden. "Verjähren" kann allenfalls die juristische Seite dieser Schattenseite der Kirche(n) - "aus der Welt schaffen" lassen sich die Traumatisierungen der Opfer oder der Imageschaden für die Kirche nicht. Es gilt, Betroffenen zu helfen, verlorengegangenes und verspieltes Vertrauen wiederzugewinnen.


Aber "nachher" ist nie mehr wie "vorher". Eine Rückkehr zu einer wie auch immer gearteten Normalität kann es nicht geben. Der Tübinger Moraltheologe Franz-Josef Bormann beginnt einen ausführlichen Artikel mit der Feststellung: "Das Thema 'sexueller Mißbrauch' geht uns mittlerweile alle an - egal ob Priester, Priesteramtskandiaten, LaientheologInnen oder ReligionslehrerInnen. Wir alle sind schon deswegen (indirekt) betroffen, weil wir einer Kirche angehören, die in der öffentlichen Meinung de facto eng mit der Mißbrauchsproblematik in Verbindung gebracht wird."2


Es kann nicht verwundern, daß entsprechende Literatur mittlerweile zum festen Repertoire von Verlagen gehört. In den letzten Jahren sind viele ebenso qualifizierte wie brauchbare Bücher erschienen, teils als Ergebnis von Studientagen oder Symposien, die hochkarätig besetzt waren, aber erst durch die Veröffentlichung einer breiteren Leserschaft zugänglich wurden. Eine Auswahl muß sich also beschränken und ist, wie immer, subjektiv.


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1. Wunibald Müller, Gründer und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach, forscht seit langen Jahren im Spannungsfeld Sexualität - kirchliche Moral - Priestertum. "Wunden, die verschwiegen werden, obwohl sie da sind und zu meiner Wirklichkeit gehören", schreibt er in der Hinführung3, "schwären vor sich hin. Sie können nicht heilen. … Was augenblicklich in der katholischen Kirche in Zusammenhang mit dem Mißbrauch Minderjähriger durch Priester geschieht bzw. geschehen sollte, ist unter anderem auch ein Prozeß, der das Verschweigen von zugefügten Wunden zu unterbrechen versucht, damit die Wunden der durch sexuellen Mißbrauch direkt und indirekt Betroffenen heilen können" (11). Für ihn stellen die explosionsartig aufgekommenen Mißbrauchsfälle einen längst fälligen Dammbruch dar.


Müllers Buch gliedert sich in zwei Teile: "Sexuellen Mißbrauch in der Kirche erkennen und verhindern" (15-158) sowie "Verschwiegene Wunden" (159-216), denen jeweils vier bzw. fünf Kapitel zugeordnet sind: Sexuellen Mißbrauch erkennen, Sexualität und psychosexuelle Entwicklung, Erfahrung von Intimität und zölibatäres Leben, Zölibat und sexueller Mißbrauch, Homosexualität und sexueller Mißbrauch (Teil I); Die primären Opfer sexuellen Mißbrauchs, Die weiteren Leidtragenden, Der Täter, Die Kirche (Teil II) - abgeschlossen mit dem kurzen Epilog "Der verwundete Heiler, die verwundete Heilerin" (217-219) und Literaturhinweisen.


Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität wie Beziehungs- bzw. Intimitätsbefähigung sind herausragende Anliegen des Theologen, Psychologen und Psychotherapeuten, der eingangs betont, daß im Recollectio-Haus keine pädophilen Priester behandelt werden. Wunibald Müller kommt es vor allem auf Identitätsfindung an. Fallbeispiele veranschaulichen angesprochene Problematiken. In Richtung Amtskirche meint er, auf den Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Mißbrauch eingehend: "Will die Kirche diese schwere Krise, die sie augenblicklich im Zusammenhang mit den Mißbrauchsfällen durchlebt, überstehen und für sich fruchtbar machen, dann genügt es nicht, die Leitlinien zu überarbeiten und andere auf die Mißbrauchsfälle bezogenen Änderungen vorzunehmen. Sie muß die Sexualität, auch die Sexualität in den eigenen Reihen, aus dem Turm, manchmal auch der Dunkelkammer, herausholen, in die sie gesperrt worden ist und nun ein unwürdiges Leben vor sich hinfristet. So könnte die Sexualität, die im Augenblick in ihrer negativsten Ausprägung so eng mit der Kirche in Zusammenhang gebracht wird, wieder als das Geschenk Gottes gesehen und gewürdigt werden, das sie ist" (141).


Anselm Grün OSB benennt in seinem dem Buch mitgegebenen Vorwort (9-10) drei Ursachen für Mißbrauch: fehlende Integration der Sexualität in den Lebensvollzug der Menschen; restlose Identifikation mit dem archetypischen Bild des Helfers oder Heilers; und die tragische Tatsache, daß die Täter oft selbst Opfer gewesen sind und den als Kinder erlebten Mißbrauch unbewußt weitergeben.


Das Buch von Wunibald Müller ist verständlich und verständnisvoll geschrieben. Er schaut nicht nur auf Opfer und Täter, sondern hinterfragt auch kirchliche Strukturen, die ein Milieu schaffen oder begünstigen können, das Mißbrauch ermöglicht.


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2. Solche Faktoren thematisiert das von Michael Albus und Ludwig Brüggemann herausgegebene Buch "Hände weg!" sehr stark4. Eingangs wird der oft praktizierten These widersprochen, "die" Medien hätten die Skandale "angezettelt" und eine Tsunamiwelle ausgelöst. "Bei der Frage der sexuellen und anderen Gewalt in der katholischen Kirche", so Albus im Eingangskapitel "Redet Wahrheit!" (11-15), "handelt es sich nicht nur um bedauernswerte Vergehen von Einzelnen. Es handelt sich vielmehr um einen Systemfehler. Zugespitzt gesagt: Das System ist der Fehler. Die Kirche, die einen besonderen Anspruch erhebt, muß sich auch an ihm messen lassen. Wie sonst?" (11 f.)


Der vom damaligen Rektor des Canisiuskollegs in Berlin, Klaus Mertes SJ, an 600 ehemalige Schülerinnen und Schüler geschriebene Brief vom Januar 2010, der in Deutschland zum Auslöser wurde, ist im Wortlaut mit leichten Kürzungen abgedruckt (12-14): "Da hat einer endlich einmal nicht weggeschaut, den Finger in die Wunde gelegt und etwas angestoßen, was überfällig war" (14.)


Der zweite Herausgeber, der laisierte Priester und spätere Mediziner und Facharzt für psychosomatische Medizin Ludwig Brüggemann, meint in seinem Eingangsbemerkungen (16-26): "Gewalt sät Gewalt! Deshalb halte ich es für heilsam, daß über erlittene Gewalt geredet statt geschwiegen wird. Den Leidtragenden hilft es zur Heilung, den Leidbringenden auch" (26).


Dem Abschnitt "Ursachen erforschen" (29-157) sind Beiträge des irischen Maristenpriesters Seán Fagan ("Eine Ursache sexueller Gewalt: unsere schlechte Theologie": 29-43), der Psychotherapeutin Marie Keenan von der School of Applied Social Studies in Dublin ("Sie und wir. Das Täterbild des Opfers bei sexueller Kindesmisshandlung durch Kleriker": 44-85), des irischen, den Ryan-Report mitverantwortenden Redemptoristenpaters Tony Flannery ("Die katholische Sexuallehre - einige Ideen für einen neuen Denkansatz": 86-98), des Publizisten Peter Bürger ("Homophobie und Homosexualität in der römisch-katholischen Kirche": 99-118), des Pastoraltheologen Hanspeter Heinz ("Arroganz der Macht. Strukturelle Sünden der katholischen Kirche": 119-130), des Freiburger Religionspädagogen Werner Tzscheetzsch ("Mißbrauch von Menschen - Mißbrauch der Rolle - Mißbrauch der Institution. Fragen an die Organisationskultur der katholischen Kirche": 131-141) sowie des Jesuitenprovinzials Stefan Kiechle ("Menschen zu Gott führen lernen. Anmerkungen zum Priesterbild und zur Priesterausbildung": 142-157) zugeordnet.


Der Abschnitt "Vorbeugung ermöglichen" (159-239) enthält Beiträge des irischen Dogmatikers Eamonn Conway ("Die katholische Kirche Irlands und sexuelle Gewalt gegen Minderjährige. Beschreibung der Krise und Entwurf einer theologischen Agenda": 161-188), des in San Salvador lehrenden Jesuiten Jon Sobrino ("Überheblichkeit und Demut. Anmerkungen zum gegenwärtigen Zustand der Kirche": 189-199) und des emeritierten australischen Weihbischofs Geoffrey Robinson ("Einfache Lösungen bringen keine Lösungen. Die unmittelbaren Ursachen des Mißbrauchs": 200-205).


Den dritten Abschnitt "Umkehr wagen. Vom Herrschen und Dienen" (207-239) bestreiten die beiden Herausgeber mit den Überlegungen von M. Albus zu "'Bei euch soll es nicht so sein'. Ursachen und Konsequenzen einer Kirchenkatastrophe" (209-229) und von L. Brüggemann "Anleitung zur Heilung" (230-239).


Anmerkungen und Literaturhinweise zu jedem einzelnen der Beiträge, Autorenlegenden und ein Quellenverzeichnis beschließen diesen Band. Nur die Texte der beiden Herausgeber sind Originalbeiträge, die anderen Texte sind Nachdrucke und Übersetzungen aus Büchern und Zeitschriften - der Wert liegt in der Zusammenführung in einem Fachband. Hilfe und Information bieten Internetadressen am Ende des Bandes (253), der "Orientierung durch Diskurs" geben möchte - und dies auch tut, denn die Erfahrungen aus Irland, Australien oder El Salvador sind auch hierzulande hilfreich.


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3. Ein bereits 2003 und 2007 erschienener Band, der unter dem Titel "Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Anstöße zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung", herausgegeben von Michael J. Rainer und Herbert Ulonska, erschienen war, ist aufgrund der jüngsten Entwicklungen neu aufgelegt worden: "Sexuelle Gewalt"5. Frühere Fassungen aus dem ursprünglichen Band oder aus anderen Veröffentlichungen wurden von ihren Verfassern gesichtet, teils völlig überarbeitet und aktualisiert. Auf das Vorwort folgt ein Wiederabdruck des Artikels von Franz-Xaver Kaufmann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 26. April 2010: "Moralische Lethargie in der Kirche" (11-16).


Autoren und Themen sprechen für sich. Den Abschnitt "Bestandsaufnahmen" (17-81), "Opferperspektiven" (83-104) und "Verantwortung" (105-204) sind zugeordnet: Ursula Enders ("Sexueller Mißbrauch in Institutionen. Zur Strategie der Täter, zur Verantwortung der Institution und den Reaktionen der Kirche"), Werner Tzscheetzsch (mit dem Beitrag aus "Hände weg!"), Wunibald Müller ("Sexueller Mißbrauch Minderjähriger in der Kirche") und Herbert Ulonska ("Sexualisierte Gewalt im Kontext kritischer Priester- und Pfarrerforschung"); Barbara Haslbeck ("Der Stachel der Opfer. Zum kirchlichen Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt") und Maria Katharina Moser ("'Auf das Opfer darf sich keiner berufen'. Feministische Anmerkungen zur Debatte um Mißbrauch in der katholischen Kirche"); Hubertus Lutterbach ("Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern: Ein Angriff auf die christliche Tradition des Kinderschutzes"), Stephan Goertz ("Sexuelle Gewalt als individuelle Sünde gegen das sechste Gebot!? Marginalien zu blinden Flecken in der Moraltheologie"), Myriam Wijlens ("Bischöfe und Ordensobere und ihre Aufgabe hinsichtlich Sexuellen Mißbrauchs in der Kirche"), Eamonn Conway ("Die irische Kirche und sexuelle Gewalt gegen Minderjährige. Skizze der Krise - Entwurf einer theologischen Agenda") und Herbert Ulonska ("Selbstreflexionen im Umgang mit sexualisierter Gewalt").


Auch wenn nur die Beiträge von Barbara Haslbeck und Stephan Goertz Originalbeiträge sind, ist man für diese Zusammenstellung aus Zeitschriften und anderen Veröffentlichungen dankbar, weil die Bereiche Theologie und Kirchenrecht, Psychologie und Psychopathologie an einem Ort versammelt sind - präludiert durch die brillante Analyse des Bielefelder Soziologen Franz-Xaver Kaufmann.


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4. Ausschließlich Originalbeiträge enthält das Brixner Theologische Jahrbuch / Annuario Teologico Bressanone, der Nachfolgeeinrichtung des "Brixner Theologischen Forums"6. Hier kommen Brixner Professoren (Ermenegildo Bidese, Jörg Ernesti, Ulrich Fistill, Alois Gurndin, Martin M. Lintne, Michael Mitterhofer, Ivo Muser, Dorothea Rechenmacher, Arnold Stiglmair und Gottfried Ugolini) aus der jeweiligen Sicht ihres Faches (Philosophie, Altes Testament, Pastoraltheologie, Moraltheologie, Kirchenrecht, Dogmatik, Psychologie), zwei Professoren aus Innsbruck (Roman A. Siebenrock) und Trient (Cristiano Bettega) - Ausbildungsstätten, mit denen die Philosophisch-Theologische Hochschule Brixen zusammenarbeit - sowie aus akademischen Einrichtungen in Brixen (Paul Renner) und Linz (Michael Rosenberger) zu Wort7.


Der Hinweis auf diese Publikation soll lediglich zeigen, daß die Problematik des sexuellen Mißbrauchs auch kleinere Institutionen beschäftigt und präsentable Ergebnisse erzielt. Ziel dieser Publikation ist es herauszufinden, welche Lehren die Theologie aus den Skandalen ziehen könnte und inwiefern eine Kirche, die sich schuldig gemacht und versündigt hat, weiterhin "Heilige Kirche" genannt werden kann.


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5. Auf zwei Bücher, die weiter ausgreifen und grundsätzlich von Sexualität handeln, dabei dann aber natürlich auch auf sexuellen Mißbrauch und sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene sowie andere "sexuelle Verwirrungen in der Kirche" (R. J. Lawrence) zu sprechen kommen, sei exemplarisch hingewiesen. Beide Veröffentlichungen sind Übersetzungen und ursprünglich in einem anderen Sprach- und Lebensraum situiert, nämlich in den USA und in Australien: "Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Reform"8 von Geoffrey Robinson und "Sexualität und Christentum. Eine Geschichte der Irrwege und Ansätze der Befreiung"9 von Raymond J. Lawrence Jr.


Geoffrey James Robinson war von 1984 bis 2004 Weihbischof in Sydney und innerhalb der australischen Bischofskonferenz mit der Aufarbeitung der Mißbrauchsskandale im kirchlichen Bereich beauftragt. Sein Buch ist eine Art "Grundlagenanalyse", wie es im Vorwort "Sexualisierte Gewalt gegen Kinder - die Spitze des Eisbergs "Gewalt in der römisch-katholischen Kirche") der Herausgeber der deutschen Ausgabe, Harald Pawlowski (Verlag Publik-Forum), Martha Heizer (Plattform "Wir-sind-Kirche"-Österreich) und Christian Weisner (KirchenVolksBewegung "Wir-sind-Kirche" Deutschland), heißt. Das Buch ist für die deutschsprachige Leserschaft adaptiert10 und mag nach Ansicht der Herausgeber "aus fachwissenschaftlicher Sicht Schwächen aufweisen" (7). Doch es geht hier primär darum, aus Sicht des bischöflichen Autors "Stein für Stein umzudrehen und so gründlich wie irgend möglich die Ursachen jener ungeheuren Verbrechen zu erforschen, die über Generationen unzählige Opfer gefordert haben" (7 f.). Die Konsequenz kann nicht wirklich überraschen: "Für diese Bereitschaft ist Bischof Robinson ein Vorbild - für diese Bereitschaft wurde er vom Vatikan gemaßregelt" (8), nachdem zuvor die australische Bischofskonferenz eine Stellungnahme abgegeben hatte.


Robinson war Pfarrer, Professor für Kirchenrecht und am Ehegericht des Erzbistums Sydney beschäftigt. Er reichte vorzeitig, d. h. vor Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren, seinen Rücktritt ein. In seiner sehr persönlichen Einführung (9-28) betont er, es gehe ihm in seinem Buch weniger um den Mißbrauch von Minderjährigen, sondern "um eine bessere Kirche, wie sie nach all den Enthüllungen unbedingt erforderlich ist" (9). 1994 von der Bischofskonferenz mit einer führenden Aufgabe bei der Aufarbeitung betraut, kam er in neun Jahren dieser Tätigkeit zu der bestürzenden Erkenntnis: "Ich wurde ernüchtert durch die Art und Weise, wie - meiner Überzeugung nach - Verantwortliche auf allen Ebenen versuchten, das Problem zu 'verwalten' und unter den Teppich zu kehren, anstatt es wirklich anzugehen und auszumerzen" (9).


Robinsons Grundüberzeugung besteht darin, daß "sexualisierte Gewalt in erster Linie ein Machtmißbrauch in sexueller Form ist" (10). Er glaubt nicht, daß die Kirche bisher darauf vom Papst abwärts in adäquater Weise reagiert habe und verweigert sich monokausalen Erklärungen für die Ursachen der Ausübung sexualisierter Gewalt durch Priester und Ordensleute. Robinson spricht viele Faktoren an, die ins "System" eingreifen, etwa lebensbejahende oder lebensfeindliche Milieus in der Kirche (Priesterseminare, Noviziate, Ordensgemeinschaften), den Zölibat (als einer unter vielen Faktoren).


Robinson offenbart ebenso persönlich wie diskret, daß er als Jugendlicher selber Opfer sexualisierter Gewalt war: "Der Täter war weder Priester noch Ordensmann, noch sonst jemand aus der katholischen Kirche, und er war auch nicht mit mir verwandt. Ich gehörte zu den fünf Prozent Opfern der Fälle, in denen der Täter ein Fremder war" (26). Aus dieser besonderen Sensibilität heraus hat Robinson seinen Auftrag der Bischofskonferenz wahrgenommen und geriet dabei in die Mühlen des Vatikans (vgl. 27), was schlußendlich zu seinem Rücktritt als Weihbischof führte - unter anderem um das vorliegende Buch abfassen zu können.


Die einzelnen Abschnitte enden jeweils mit einer kurzen Meditation. Erst im zweiten Drittel kommt Robinson expressis verbis auf sexualisierte Gewalt zu sprechen ("Eine dunkle Gnade, eine strenge Barmherzigkeit": 217-233), nachdem zuvor diese Themen angeschlagen werden: Der menschlichen Entfaltung Raum geben, Die zwei Bücher Gottes: die Bibel und die Welt, Spirituelle Wahrnehmung, Gottes ewiger Plan, "In allem seinen Brüdern und Schwestern gleich", Im Dienst des Volkes Gottes und der Umgang mit Macht, Die Autorität "der Kirche", Frei und unverantwortlich, Eine Turbulenz und ein Strudel, Die Rückkehr zu einer ursprünglichen Sexualethik.


Fragen der katholischen Morallehre und Fragen der katholischen Glaubenslehre sind tangiert - und in einer ausgesprochen gewinnenden Art und Weise dargelegt. So gut wie alle "heißen Eisen" sind angesprochen: Empfängnisverhütung, Homosexualität, Unfehlbarkeit, Erbsünde, Geschiedene Wiederverheiratete usw.


In dem Kapitel "Eine Regierung, an der alle teilhaben" (267-294) sind Vorschläge nachzulesen, die hierzulande schon beim emeritierten Wiener Weihbischof Helmut Krätzl ähnlich zu lesen waren - und damit "outet" sich Robinson als fundamentaler Kritiker kirchlicher Methoden und Vorgangsweisen, die aus seiner Sicht den Zugang zur befreienden Botschaft Jesu eher verdunkeln als erhellen. Es ist in der Tat ein Buch der Kirchenreform, das das Thema des sexuellen Mißbrauchs mit strukturellen Veränderungen für eine zu erneuernde Kirche verknüpft - mit guten biblischen Argumenten. Es ist gut, daß Robinsons Überlegungen auch in deutscher Sprache zugänglich sind.


Ganz ähnlich steht es mit dem Buch von Raymond J. Lawrence Jr., der viele Jahre Direktor der Krankenhausseelsorge am Presbyterian Hospital des Medizinischen Zentrums der Columbia University in New York war und als Generalsekretär des "College of Pastoral Supervision and Psychotherapy" und Seelsorgedirektor am New Yorker Council of Churches tätig war. Es ist kein Zufall, daß die Überlegungen des Pfarrers in der Episkopalkirche sich in der Reihe "Editio Ecclesia Semper Reformanda" findet.


Kenntnisreich ist die Geschichte der Sexualität im Christentum beschrieben, mit manchmal skurrilen Details über Moralvorstellungen, angefangen bei der frühen Jesusbewegung und in der griechisch-römischen Kultur. Die Auswirkungen der Konstantinischen Wende und der Einfluß des Mönchtums haben für Lawrence den Moralkodex des Christentums wesentlich mitgestaltet.


Lawrence nennt sein im Anschluß an "The Poisoning of Eros: Sexual Values in Conflict" (1989) geschriebenes Buch "ein polemisches Buch", und das ist es - aber gerade deswegen regt es zum Nachdenken über schief gelaufene Traditionsbildungen des Christentums an. In Jesus von Nazaret sieht er "eine Art Vorkämpfer der sexuellen Befreiung" (279), ganz im Gegensatz zu den christlichen Kirchen, die sich auf ihn berufen. Das für das Christentum so zentrale Symbol des Fisches legt für ihn nahe "daß sich das Christentum als sexuelle Befreiungsbewegung verstand" (280). Die Geschichte des Christentums sei eine Bewegung hin zur negativen Einstellung von Lust und Sexualität, die Lust- und Leibfeindlichkeit geschaffen habe.


Indikatoren für Krisen und Problemfelder im 20. Jahrhundert sind benannt: "Die Frauenbefreiung - und die Weihe von Frauen zu Priesterinnen - und das coming out der Homosexuellen signalisierten den Anbruch einer neuen Ära. Zu stärkeren Gegenströmungen gegen die sexuelle Revolution kam es seitens einer wütenden männerhassenden Frauenfraktion, infolge einer Hysterie über eine herbeiphantasierte Epidemie des sexuellen Mißbrauchs von Kindern und einer virulenten Phobie gegen Homosexualität. In der Hitze dieses Konflikts sprach sich keine bedeutende Stimme mit Klarheit für die sexuelle Lust als große Gottesgabe aus sowie dafür, daß jeder Mensch den Anspruch auf einen reichlichen Anteil daran habe, was immer die grundlegende Ansicht des Judentums gewesen war" (286).


Fazit: "Das Christentum hat sich zur größten gegenüber der Sexualität negativ eingestellten Religion entwickelt und muß dringend einige ernsthafte und schwierige Korrekturen vornehmen, wenn es als glaubwürdige Weltreligion weiterexistieren will" (286). Raymond J. Lawrence Jr. sieht dafür nur einen Weg bzw. eine Option: Das Christentum müsse zu seinen jüdischen Ursprüngen zurückkehren und zu Jesus von Nazaret, dem pharisäisch-talmudischen Rabbi. Sein Buch ist ein einziges Plädoyer für sexuelle Lust als Geschenk und Gabe Gottes - es eckt an, es fordert über weite Strecken zum Widerspruch heraus, aber es scheint mir auch ein Gebot intellektueller Redlichkeit zu sein, sich solchen Analysen nicht von vornherein zu verweigern.


Die Glaubwürdigkeit des Christentums insgesamt wird oft durch die Unglaubwürdigkeit derer in Frage gestellt, die es repräsentieren und die kirchliche Autorität mit Machtgehabe verwechseln, das sich in Fragen der Aufdeckung und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt auf weiten Strecken als unfähig erwiesen hat. "Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung" kann eine kritische Reflexion über die Einstellung der Kirche(n) zur Sexualität nicht unterbleiben.


1 So im Juli 2002: A. R. Batlogg, Priester unter Generalverdacht? (220, 2002, 434); im Oktober 2005: ders., Priesterausbildung auf dem Prüfstand (223, 2005, 649-650); im April 2010: W. Müller, Sexueller Mißbrauch und Kirche (222, 2010, 229-240); im Dezember 2010: H. Zollner, Mißbrauch - Hat die Kirche dazugelernt? (228, 2010, 794-794); im Oktober 2011: St. Ackermann, Mut zu Wahrheit und Erneuerung. Reflexionen nach einem Jahr der Aufarbeitung sexueller Mißbrauchsfälle im Bereich der Kirche (229, 2011, 651-660).
2 F.-J. Bormann, Sexueller Mißbrauch: Daten, Fakten, Hintergründe aus ethischer Sicht, in: Theologische Quartalschrift 191 (2011) 385-404.
3 Müller, Wunibald: Verschwiege Wunden. Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern. Mit einem Vorwort von Anselm Grün. München: Kösel 2010. 222 S. Br. 14,95.
4 Hände weg! Sexuelle Gewalt in der Kirche. Hg. v. Michael Albus u. L. Brüggemann. Kevelaer: Butzon & Bercker 2011. 253 S. Gb. 18,90.
5 Sexuelle Gewalt. Fragen an Kirche und Theologie. Hg. v. Stephan Goertz u. Herbert Ulonska. Berlin: LIT 2010. 211 S. (Theologie. Forschung und Wissenschaft. 31.) Br. 19,90.
6 Heilige Kirche - Sündige Kirche. Hg. v. Jörg Ernesti, Ulrich Fistill u. Martin M. Lintner. Brixen: A. Weger / Innsbruck: Tyrolia 2010. 208 S. (Brixner Theologisches Jahrbuch. 1. Jahrgang 2010). Geb. 24,95.
7 Aus dem Rahmen fällt der Beitrag von Johann Kiem, eines Absolventen der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen, der ein anderes Thema anschlägt ("Rerum Novarum - Merans Arbeiterschaft zwischen Katholizismus und Sozialismus"). Herausragenden Absolventen wird die Möglichkeit geboten, im Jahrbuch Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vorzustellen.
8 Robinson, Geoffrey: Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation. Oberursel: Publik-Forum 2010. 318 S. (Publik-Forum Edition) Br. 18,90.
9 Lawrence, Raymond J.: Sexualität und Christentum. Geschichte der Irrwege und Ansätze zur Befreiung. Innsbruck: Tyrolia 2010. 290 S. (Editio Ecclesia Semper Reformanda. 5.). Gb. 19.95. 10 Der Originaltitel lautet: "Confronting Power and Sex in the Catholic Church. Reclaiming the Spirit of Jesus" (2007).

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