Epiphane Kinhoun SJ

Zur Frage der Flucht von Afrika über das Mittelmeer

Eine afrikanische Perspektive

Am 11. und 12. November 2015 fand in La Valletta auf der Insel Malta die „Valetta Conference on Migration“, ein EU-Afrika-Gipfel statt. Dort wurde über die Frage der Flucht aus Afrika nach Europa debattiert, aber auch vor allem darüber, wie diese zu verhindern sei. Die afrikanischen Politiker sind dazu aufgerufen, mit Europa über dieses schwierige Thema nachzudenken. Endlich, kann man sagen, da dies in Afrika keine Frage ist, mit der man sich beschäftigt.


Europa redet, Afrika schweigt


Die Fakten sind allgemein bekannt. Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. In Afrika hört man von offizieller Seite kein Wort über diese Situation. Wie der senegalesische Autor Abasse Ndione schon gesagt hat, bemüht sich niemand in Afrika, die Migrationswilligen zu halten.1

Migration ist kein Thema. Die Politik schweigt, die Religion betet, und das Leben geht weiter.


In Europa spricht man viel darüber, und die Frage bleibt, wie man mit dem massenhaften Sterben der Flüchtenden umgehen kann. Man sucht nach Lösungen und meint, den Flüchtlingen so viel wie möglich helfen zu müssen. Die italienische Marine mit dem Rettungsprogramm „Mare Nostrum“ hat bis Oktober 2014 zum Beispiel über 150.000 Personen aus humanitären Gründen im Mittelmeer gerettet. Man denkt auch darüber nach, wie man die Grenzen von Europa undurchlässiger bzw. durchlässiger machen kann. Die Schutzvorkehrungen an den Grenzen unter dem Namen „Triton“ werden von der Grenzschutzagentur „Frontex“ durchgeführt. Sie sind wichtiger geworden, da Europa so viele Flüchtlinge nicht auf einmal aufnehmen kann. In Europa wird also schon viel unternommen, und wir in Afrika sollten das anerkennen.


Manche glauben auch, sich der Situation mit einer Notaktion stellen zu müssen. Als Prävention ist es nach Meinung einiger Personen beispielsweise nötig, eine Mauer an der europäischen Küste zu bauen. Aber die tieftraurige Realität ist: Auch wenn eine Mauer mit einer Höhe von 25 Metern gebaut würde, werden immer noch Flüchtlinge nach Europa kommen! Das Problem muss anders angegangen werden. Denn auch, wenn man versucht zu verhindern, dass Flüchtlinge nach Europa kommen, werden sie weiter kommen wollen, und das ist das Kernproblem.


Der „Europahunger“ der Afrikaner


Ist den Migranten aus Afrika bewusst, was sie auf dem Weg nach Europa ertragen müssen? Die Antwort lautet: Ja! Sie wissen, dass die meisten von ihnen entweder in der Wüste oder dann auf dem Mittelmeer sterben werden. Trotzdem werden es immer mehr. Wenn man sie fragt, warum sie unbedingt nach Europa wollen, ist die Antwort die gleiche, egal woher sie kommen (aus Somalia, Nigeria, dem Kongo oder dem Senegal): Sie suchen ein besseres Leben. Diese Sehnsucht ist stärker als der Tod, sodass keine Gefahr sie abschrecken kann. Dass Europa ihnen dieses bessere Leben schenken kann, ist für die meisten keine Frage - es ist eine feste Überzeugung. Die erste wichtige Frage ist demnach: Was begründet diesen „Europahunger“ der Afrikaner? Warum verlassen so viele ihre Heimat und ihre Familien, um sich in einem tödlichen Abenteuer zu engagieren?


Es gibt hierfür mehrere Gründe. Die afrikanischen Gesellschaften sind bekanntlich zerstört durch Kriege, durch eine instabile Politik und eine geschwächte Ökonomie. In den afrikanischen Ländern gibt es etwas, das man als eine „Brandkatastrophe“ bezeichnen könnte: Sie „verbrennt“ traditionelle Lebensformen sowie jedwede Sicherheit. Leben scheint deshalb nur möglich, wenn man so schnell es geht aus dieser Situation flieht. Es gibt in Afrika keine Garantie für ein menschenwürdiges Leben. Das heißt, hier müsste eine neue Gesellschaftsordnung aufgebaut werden. Aber die männlichen Jugendlichen fliehen, um ein neues Leben zu suchen.


Zerrissene Menschen


Doch die afrikanische Situation ist komplexer; obige Darstellung der äußeren Situation trifft den gesamten Sachverhalt nur oberflächlich. Werfen wir einen Blick auf die Lebensgeschichte der Menschen!


Der junge Afrikaner, die junge Afrikanerin ist ein zerrissener Mensch, der schon am Anfang seines Lebens ein Drama erlebt, da er lernt, die Welt mit den Augen der anderen zu betrachten und zu begreifen. Er erlebt von Geburt an, dass Menschsein für ihn bedeutet, wie die Weißen zu sein, d. h. seine Bildung ist von Anfang an auf ein anderes Ziel ausgerichtet - sie ist extravertiert. Nach Europa zu gehen war oft schon der unerfüllte Traum der Eltern und das Kind will deshalb dieses Ziel mit dem Segen der Eltern und mit der Hilfe der ganzen Familie erreichen. Dass sich dieser Wunsch schon als Kind formt, liegt einerseits an den Medien, aber mehr noch am Bildungssystem, das überall in Afrika in gleicher Weise funktioniert. Dies ist der zentrale Nerv, den wir treffen müssen, wenn wir eine wirksame Lösung für die Veränderung der Situation finden wollen.


Die Antwort auf die Frage, warum es jetzt so viele Flüchtlinge aus Afrika gibt, ist demnach nicht einfach damit zu beantworten, dass die äußeren Umstände belastender als früher sind. Die heutigen Flüchtlinge sind vielmehr dazu erzogen worden, nach Europa gehen zu müssen. So schockierend diese Antwort ist, beschreibt sie doch eine Realität, die wir nicht verleugnen dürfen, wenn wir eine bessere Lösung finden wollen.


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Das Schulsystem in den afrikanischen Ländern ist so aufgebaut, dass der/die ausgebildete Afrikaner/in in der westlichen Welt gut „funktioniert“, und nicht so, dass er/sie in Afrika für seine Gesellschaft nützlich sein kann. Insbesondere die Geschichte Afrikas wurde von den Kolonisatoren geschrieben, sodass der junge Afrikaner sich selbst mit den Augen der einstigen Unterdrücker zu erkennen lernt, was seine widersprüchliche Ausgangssituation bedingt. Seine eigene Kultur wird zudem als „Folklore“ bezeichnet; die „wirkliche“ Kultur ist für ihn, was von außerhalb, also aus der westlichen Welt kommt. Seine ursprüngliche Religion wird in diesem System ebenfalls verteufelt; die „richtige“ zu Gott führende Religion wurde ihm vom Westen gegeben bzw. vorgeschrieben.


Er/Sie hat zudem gelernt, dass die besten Konsumartikel von dort kommen und dass das, was in seinem Land produziert wird, minderwertig ist. Viele afrikanische Unternehmen operieren deshalb unter einer europäischen Deckidentität, weil für die inländischen Konsumenten mehr wert ist, was aus dem Westen kommt. Zudem treten Einheimische, wenn sie aus Europa zurückkommen - sei es auf Besuch oder dauerhaft - als erfolgreiche und glückliche Menschen auf. Sie bestätigen die Annahme, dass das Leben in Europa besser ist, dadurch, dass sie für große Autos, große Häuser und große Feste im Dorf immense Summen ausgeben. Deshalb gilt die Tatsache, ein Familienmitglied in Europa zu haben, in vielen afrikanischen Kulturen als ein Zeichen für ein gelungenes Leben.


Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass es bei der Lösung der Flüchtlingsproblematik hauptsächlich um eine Neubewertung des Lebens in Afrika für die Afrikaner gehen muss. Und diese muss bei der Bildung ansetzen.


Der Schlüssel: Neukonzeption des Bildungssystems


Das oktroyierte Bildungssystem in Afrika baut auf dem europäischen Binom auf, dass ein Individuum nach Wissen strebt. In diesem System kommt das Kind in die Schule, um Wissen zu erlangen, damit es sein Leben meistern kann. In der Annahme der westlichen Welt führt Wissen zu einer „Vertiefung“ der Realität für das Individuum, welches nach Erkenntnis „hungert“ - der faustische Gedanke. Das Binom „Individuum - Wissen“ ist hier also logisch und strukturell sowohl in der Bildung als auch in der Gesellschaft verankert. Somit gibt es eine Kohärenz zwischen dem Bildungssystem und der sozialisierten Charakterstruktur des westlichen Menschen. Mensch-Sein in dieser Welt bedeutet durch den Diskurs „Individuum - Wissen“ geformt zu werden.


Dieser inkulturierte Diskurs passt aber nicht zu der Lebensauffassung des Afrikaners, der sich grundlegend als in die Kraft des Lebens eingebunden versteht. Ihn bewegt statt des „Wissens“, statt der Sehnsucht nach der Wahrheit das „Leben“. Er will vom Leben profitieren, das Leben „verbrauchen“, wie man es in mehreren Sprachen Afrikas ausdrückt. Diese Auffassung vom Leben ist zutiefst in den Kollektivgedanken eingelassen; sie betrifft niemals isoliert das einzelne Individuum, sondern immer die Familie und die Gesellschaft.


Man muss also bei der Neukonzeption eines Bildungssystems für die Menschen Afrikas diese Realität berücksichtigen, um zu verhindern, dass die Jugendlichen nach einem Leben in Europa hungern. Wir brauchen ein neues System, das sich auf die Realität und die ursprüngliche Struktur der Afrikaner einstellt. Wir brauchen demnach ein anderes zentrales Binom, das ein Leben in Afrika für junge Afrikaner attraktiv erscheinen lässt.

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Was ist zu tun? Es muss damit begonnen werden, ein zielgerichtetes Bildungssystem zu entwickeln, welches genuin afrikanische Werte berücksichtigt und den, in jedem Afrikaner/jeder Afrikanerin inhärenten Kampf der Kulturen zu einem offenen Dialog werden lässt. Hierbei soll niemals der Blick auf die Anwendung dieser Ausbildung in der eigenen Gesellschaft aus dem Fokus geraten. Hierfür ist der geduldige Einsatz von mindestens zwei Generationen Jugendlicher nötig. Von diesen Gedanken ausgehend hat der Jesuitenorden die „Fakultät für Sozialwissenschaften und Management“ an der Katholischen Universität von Zentralafrika in Jaunde, Kamerun, ins Leben gerufen.


Wir Jesuiten sind von diesem Projekt überzeugt und stellen unsere Fakultät als Rahmen für ein neues afrikanisches Bildungssystem vor2.


Wir glauben, dass Impulse für die Zukunft auch aus Afrika kommen können. Auch aufgrund des grundsätzlich kollektiveren Denkens ist die Potenzialität des Kontinents sehr groß. Afrika könnte zu einer Art Eldorado für ein neues Denken werden, in dem sich eine Generation für die Zukunft der eigenen Gesellschaft einsetzt. Diese Generation kann nur unsere sein. Die Türen meiner Fakultät stehen für Interessierte offen.


Anmerkungen


1 Vgl. Abasse Ndione, Ministersöhne fliehen nicht, in: Süddeutsche Zeitung, 18. 8. 2015 (www.sueddeutsche.de/kultur/migration-ministersoehne-fliehennicht-1.2612169?reduced=true ).

2 Université Catholique d‘Afrique Centrale




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Epiphane Kinhoun SJ, Dr. phil., geb. 1973 im Benin, seit 2003 Jesuit, hat seit 2009 an der Hochschule für Philosophie in München ein Promotionsstudium absolviert und wurde hier 2011 auch zum Priester geweiht. Er lehrt heute an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Management an der Katholischen Universität Zentralafrikas (Université Catholique d‘Afrique Centrale - UCAC) in Jaunde, Kamerun. 1991 gegründet, hat sich die UCAC zu einer Exzellenzuniversität entwickelt, die junge Führungspersönlichkeiten für die gesamte Region Zentralafrikas ausbildet.


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