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Andreas R. Batlogg SJ

Homosensuelle Priester



„Ich danke Ihnen für einige Worte und Gesten, die Sie als Pontifex in Bezug auf Homosexuelle gesagt oder gemacht haben. Doch Ihre Worte werden nur dann wirkliche Bedeutung haben, wenn Sie all die kränkenden und brutalen Erklärungen aus der Welt schaffen, die das Sant’Uffizio in Bezug auf Letztere von sich gegeben hat, und wenn Sie nicht die obszöne Anweisung für ungültig erklären, mit der Benedikt XVI. die Zulassung von Homosexuellen zum Priesteramt untersagt hat. Bis dahin müsste der Klerus, dem eine riesige Schar Homosexueller angehört, die aber gleichzeitig rasend homophob sind, sich an diese herzlose Anweisung halten: Alle schwulen Kardinäle, Bischöfe und Priester müssten den Mut haben, dieser unmenschlich gefühllosen, ungerechten und gewalttätigen Kirche den Rücken zu kehren.“


So kann nur ein tiefverletzter, gekränkter Mensch schreiben: anklagend, polemisch, unfair, ungerecht und ungehörig. Inhaltlich mag manches nachempfindbar sein, ist aber auch inkorrekt, etwa was die Linie von Papst Benedikt XVI. betrifft. Die Zeilen stehen in dem Brief, den der polnische Priester Krysztof Charamsa, ein hochrangiger Mitarbeiter der Glaubenskongregation, am 3. Oktober 2015 dem Papst geschrieben hat, als er sich auf einer Pressekonferenz als Homosexueller outete. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: ein Tag vor Beginn der Familiensynode im Vatikan. Charamsa wurde umgehend von seinem Posten abberufen, verlor seine beiden Dozenturen und wurde als Priester suspendiert. Ob Franziskus den Brief, der in Charamsas Buch „Der erste Stein“ (Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“: München 2017) abgedruckt wurde, je zu Gesicht bekommen und wenn ja, ob er darauf reagiert hat, ist nicht bekannt. Auf einen Papst Druck ausüben geht nicht, mag man einwenden. Charamsa, der ehemalige „Möchtegern-Großinquisitor“, sah keine andere Möglichkeit - anders als David Berger ist er jedoch Priester, ein doppelter „Tabubruch“ also.


Ob es stimmt, dass der Anteil von Homosexuellen unter Priestern weit über dem Durchschnitt bei der Gesamtbevölkerung liegt, bei der man von fünf bis zehn Prozent ausgeht, lässt sich zwar nicht statistisch belegen. Aber dass es Homosexuelle, die in homophoben Gesellschaften nach wie vor stigmatisiert werden und in manchen Ländern sogar mit der Todesstrafe rechnen müssen, in der katholischen Kirche schwer haben, dass angehende Priester, wenn sie zu ihrer homosexuellen Orientierung stehen, damit rechnen müssen, nicht zur Weihe zugelassen zu werden - ist gängige (wenn auch nicht durchgängige) Praxis. Dabei geht es in der priesterlichen Seelsorge doch vor allem um Empathie, Sprachfähigkeit, Unterstützung und Dasein für Andere - spielt es da eine Rolle, ob ein Priester hetero- oder homosexuell bzw. homosensuell ist?


Außerdem tut man so, als handele es sich nur um junge, attraktive Männer, als hätten bereits geweihte Priester keine Sexualität, ganz zu schweigen von hochrangigen Klerikern. Wenn ein Priester Probleme mit dem Zölibat hat, gilt das als „normal“, wenn es dabei um eine Frau geht. Bei einem Mann hingegen schrillen die Alarmglocken.


Die Verlogenheit, das Verdächtigen, das Bespitzeln und Denunzieren, die (vom Vatikan und vielen Priesterausbildnern) scharf beobachtete gay-Kultur, die zu Seilschaften führen kann und junge Männer auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität in Darkrooms, Saunen oder ins Internet verbannt, führt zu menschlichen Dramen, oft auch zu Suizid(-fantasien). Klischees, Vorurteile, Stereotype, biologistische Fehlschlüsse und ein überholtes Naturrechtsverständnis fördern Diskriminierung, bis hin zu dem strafrechtlich relevanten Tatbestand der üblen Nachrede, Homosexualität sei identisch mit Pädophilie. Schwulenhass, erst recht in der katholischen Kirche, hat oft mit Problemen mit sich selbst zu tun, die auf andere projiziert werden. Ideologisch aufgeladene Ressentiments verletzen und führen nicht weiter.


In Italien, so Charamsa, finde das Schwulenleben oft „nicht auf der Straße […] statt, sondern in den päpstlichen Salons“. Solche Aussagen treffen ins Mark einer Institution. Sie reagiert, systemkonform, mit Abwehr und Ausschluss, mit Verbalattacken, wie der afrikanische Kardinal Robert Sarah auf der Familiensynode 2015 mit seinem unsäglichen Nazi-Vergleich. Da lassen Äußerungen von Papst Franziskus - schon im ausführlichen Interview mit Antonio Spadaro SJ oder auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio - hoffen. Aber wie sich sein Hinweis, auf den Menschen zu schauen und nicht auf eine „Veranlagung“ oder ein „Problem“, einschreibt in die Organisationsstruktur der Kirche, in Mentalitäten, in Grundhaltungen - das bleibt die Frage. Das Reduzieren auf Genitalität widerspricht der Menschenwürde, eine „Don’t ask, don’t tell“-Politik behindert affektive Reife. Schwule (Priester) wollen Anerkennung, nicht Mitleid. Die sexuelle Orientierung eines Priesters ist letztlich nicht der Punkt. Es geht, wie bei jedem Menschen, um verantwortlich gelebte Sexualität. Wie dieser bei homosexuellen Priestern Raum geben zur (vielleicht noch zu findenden) lebensfähigen Entfaltung? Darüber sollte nachgedacht werden.


Welchen Begriff auch immer man favorisiert - Homosexualität oder, wie neuere, sprachsensiblere Termini sagen, Homosensualität oder Homoaffektivität: Wollen wir uns nicht von großen Teilen des Klerus verabschieden, sollten wir die damit verbundenen Fähigkeiten auch schätzen lernen. Will die katholische Kirche wirklich und wirksam „Expertin alles Menschlichen“ sein, muss sie sich radikal ändern! „Die Kirche ist zweihundert Jahre lang stehen geblieben. Warum bewegt sie sich nicht? Haben wir Angst? Angst statt Mut?“: Das hielt ihr Kardinal Carlo Maria Martini SJ († 2012) in seinem letzten Text vor. Zuletzt warb auch der prominente, als „Homo-Lobbyist“ denunzierte US-amerikanische Jesuit James Martin in seinem von den Kardinälen Kevin Farrell und Joseph W. Tobin CSsR (ehemaliger Sekretär der vatikanischen Ordenskongregation) empfohlenen Buch „Building A Bridge“ (2017) um mehr „Respekt, Compassion und Sensibilität“.



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