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Markus Inama SJ

Die Botschaft der Straßenkinder



Isus war unter den ersten Besuchern des Sozialzentrums, das wir im Winter 2008/09 in Sofia eröffnet hatten. Er kam, um sich zu waschen, etwas Warmes zu essen und im Notquartier zu übernachten. Es war ihm anzusehen, dass er Drogen konsumierte. Am nächsten Morgen verließ er das Haus heimlich über den Notausgang. Die neuen Turnschuhe seines Zimmerkollegen nahm er mit, wahrscheinlich um sich durch deren Verkauf seinen nächsten Schuss zu finanzieren. Kurz darauf kam die Nachricht von seinem Tod. Als wir vom Begräbnis erfuhren, war es schon zu spät. Er war am Vortag in einem Armengrab auf einem Friedhof bestattet worden. Mir kam das Gedicht von Andreas Knapp mit dem Titel „Straßenkind“ in den Sinn: „das frühe Grab - dein erster ordentlicher Wohnsitz“.


Bevor ich nach Bulgarien zog, um für die Stiftung „CONCORDIA Sozialprojekte“ ein Sozialzentrum für Kinder und Jugendliche aufzubauen, hatte ich zwölf Jahre lang in Jugendzentren der Jesuiten in Wien und Innsbruck gearbeitet. Erkenntnisse der Jugendkulturforschung belehrten mich, dass Jugendliche wie Seismografen sind, die als erste gesellschaftliche Veränderungen wahrnehmen und darauf reagieren. Welche Veränderungen in der Gesellschaft hat wohl Isus wahrgenommen?


Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa zogen viele Menschen in die Großstädte. Neben Gebildeten und solchen, die sich eine Wohnung leisten konnten, kamen auch Arme, die auf dem Land keine Überlebensmöglichkeit sahen. Sie zogen in Abbruchhäuser oder errichteten auf leerstehenden Grundstücken Hütten und Baracken. Illegale Armensiedlungen entstanden. In einer dieser Siedlungen wohnte die Familie von Isus.


Ohne legalen Wohnsitz konnten sie sich nicht registrieren, der Zugang zu sozialen Dienstleistungen und medizinischer Versorgung wurde ihnen erschwert oder unmöglich gemacht. Isus wuchs mit sechs jüngeren Geschwistern bei seiner alkoholkranken Mutter auf. Der Vater hatte Gelegenheitsjobs und war nur selten zuhause. Ihre Hütte bestand aus einem einzigen Raum, kärglich eingerichtet, und schon als Bub wurde Isus von seiner Mutter betteln geschickt. Wahrscheinlich hat er damals begonnen, Klebstoff zu schnüffeln. Weil Isus der Älteste war, musste er sich um die kleineren Geschwister kümmern. Er hatte keine Zeit, die Schule zu besuchen. Als er fünfzehn war, brachte seine Mutter seine jüngste Schwester, ein schwer behindertes Mädchen, zur Welt. Damals lebte er bereits mehr oder weniger auf der Straße und nahm Drogen. Die Botschaft, die Isus vermittelt bekam, war: Für dich ist hier kein Platz, dein Leben ist nichts wert.


Weltweit gibt es eine Milliarde Kinder und Jugendliche, denen elementare Kinderrechte wie das Recht auf Freizeit, Spiel und Entfaltung, oder für gehandicapte Kinder das Recht auf Integration vorenthalten werden. Die Umstände, warum 100 Millionen Kinder (davon allein 19 Millionen in Indien) zeitweise oder dauernd auf der Straße leben, unterscheiden sich von Land zu Land. Die häufigste Ursache: Armut und Migration. Manche Straßenkinder haben ihre Eltern nie kennengelernt und sind aus Heimen geflohen. Allen fehlt es an Rückhalt und Anerkennung. Wie reagieren sie auf die Situation? Manche sind Einzelgänger. Sie haben gelernt, dass sie sich auf niemand verlassen können. Andere suchen in Banden die Geborgenheit und Anerkennung, die sie in ihrer Familie nie erfahren haben. Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs, Betteln und Diebstahl über Wasser. Nicht jedes Kind ist solchem Überlebenskampf gewachsen: „Das Leben in Bulgarien ist wie im Dschungel, die Schwachen werden von den Starken gefressen. Ich möchte nicht schwach sein.“ Was würde helfen?


1. Sich an Ort und Stelle ein Bild machen. Eine Journalistin weinte, als sie in einem Viertel die Kinder vor den Baracken sah. Mir sind die Kinder und Jugendlichen aus Sofia ans Herz gewachsen, gerade auch jene, die früh verstorben sind. Sie haben mir von ihren Träumen erzählt, und ich musste feststellen, wie wenig Chancen sie haben, diese Träume zu verwirklichen. Je mehr Menschen von der Situation dieser Kinder wissen, umso leichter wird es, etwas an ihrer Situation zu ändern.


2. Partei ergreifen. Auch Staaten, die die Kinderrechtskonvention ratifiziert haben, finden immer wieder Ausreden, wieso deren Forderungen nicht umgesetzt werden. In Bulgarien haben Kinder (und ganze Bevölkerungsschichten) keine Stimme. Es ist wichtig, Partei zu ergreifen für jene, die selbst noch zu jung sind, um ihre Rechte einzufordern. Viel Überzeugungsarbeit in der Politik ist nötig: Denn die wirksamste Weise, in die Zukunft eines Landes zu investieren, ist die, Kinder zu unterstützen, ob sie nun zu einer Minderheit gehören oder nicht.


3. Früh beginnen. Wenn Versuche, Jugendliche und junge Erwachsene zurück in ein „normaleres“ Leben zu begleiteten, scheiterten, stellten unsere Sozialarbeiter fest, dass die fehlende Zuneigung und Förderung während der ersten Lebensjahre nur schwer wettzumachen sind. Deshalb ist es wichtig, möglichst früh zu intervenieren und den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Einfache Lösungen gibt es nicht. Das Beste ist, wenn Kinder ihre Herkunftsfamilien gar nicht erst verlassen müssen. Manchmal braucht es Übergangslösungen, damit sie einerseits den Kontakt zu ihren Familien nicht verlieren oder dieser wieder hergestellt wird, und damit sie andererseits die Schule besuchen und eine Berufsausbildung machen können.


Es gibt Fortschritte bei der Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Seit 2011 gibt es einen internationalen „Tag der Straßenkinder“ (11. April). Aktuelle Entwicklungen - etwa die Situation von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen, die sich auf eigene Faust oder in Absprache mit ihrer Familie auf den Weg nach Europa gemacht haben und in illegalen Unterkünften in Belgrad gestrandet sind - lassen vermuten, dass es immer wieder Kinder und Jugendliche geben wird, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist. Sie sind auf Hilfe angewiesen.


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