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Gustav Schörghofer SJ

Braucht die Kunst die Kirche?



Wenn es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Begegnung von Künstlern mit Päpsten gekommen ist, war immer wieder davon die Rede, dass die Kirche die Kunst brauche. Kommentatoren haben das zur Kenntnis genommen, dann aber oft umgekehrt gefragt: Braucht die Kunst die Kirche? Nein, war die Antwort, das mag früher so gewesen sein, heute aber sei es anders. Die Kunst komme sehr gut ohne die Kirche aus, sie sei heute nicht mehr auf die Kirche angewiesen. Oberflächlich betrachtet stimmt das sicherlich. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass dieses „Wir kommen ohne die Kirche aus“ weitreichende Konsequenzen hat.



Kunstwerke sind auf Betrachter angewiesen und werden erst durch Betrachter im geschichtlichen Raum real. Ohne betrachtet zu werden ist jedes Kunstwerk ein bedeutungsloser Gegenstand. Erst der Betrachter macht es zum Träger von Bedeutung und Sinn, zum Ort von Erfahrung, Erschütterung, Unterhaltung, Verstörung und Trost. Im Umgang mit Kunstwerken hat in den vergangenen Jahrzehnten die Kunstvermittlung eine immer größere Bedeutung bekommen. Das Wissen um die Inhalte alter Kunst ist verloren gegangen, der Zugang zur gegenwärtigen Kunst ist keineswegs schon durch die Zeitgenossenschaft von selber gegeben. Beim Lesen von Texten zu den Arbeiten lebender Künstlerinnen und Künstler fällt mir immer wieder auf, wie eng der Kontext ist, in dem die Arbeiten wahrgenommen werden. Kunst- und geistesgeschichtlich gesehen ist es ein Zeitraum von fünfzig bis maximal hundert Jahren. Die Konsequenz ist eine Verflachung der Wahrnehmung. Die Kunstwerke werden zwar nicht bedeutungslos, aber bedeutungsarm. Es ist so, als würde ein kunstvoll zubereitetes Gericht nur unter dem Gesichtspunkt der Nahrhaftigkeit wahrgenommen werden.



Die Verflachung in der Wahrnehmung von Kunstwerken zeigt sich sehr deutlich im Überhandnehmen des Spektakulären. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kunst von Damien Hirst, der zurzeit in Venedig ausstellt. Zeitgenössische Musik bietet leicht eingängige und mitreißende Kompositionen. Die Verflachung zeigt sich auch im Tempo der Kunstbetrachtung. Bezeichnend ist ja, dass die einzige im vergangenen Jahrhundert neu erfundene Kunstgattung, der Film, den Betrachter zum langen Verweilen anhält. Hier wird einer Verflachung entgegengearbeitet. Allerdings meist um den Preis eines gewaltigen Aufwands. Auch hier macht sich das wuchernde Spektakuläre breit.



Die Kunst braucht die Kirche, da diese gemeinsam mit dem Judentum die einzige geistige Gemeinschaft der westlichen Welt ist, die eine Tradition von mehr als zwei Jahrtausenden lebendig pflegt. Was in diesem geistigen Raum betrachtet wird, gibt weitere und tiefere Bedeutungen zu erkennen. Was in diesen geistigen Raum gestellt wird, zeigt ganz neue und überraschende Qualitäten. Es kann sich allerdings auch als belanglos herausstellen. Die Kunst braucht daher die Kirche auch, um ihre eigenen Qualitäten besser wahrnehmen zu lernen. Die Kunst braucht die Kirche, da sie einen weiten Echoraum bietet, in welchem das Tun der Kunst auf eine einzigartige Weise den Bezug zu einer tiefen Wirklichkeit findet. Manche charakteristischen Phänomene der Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart bekommen so gesehen besondere Bedeutung. Dazu zählt etwa die Monochromie. Nie zuvor hat es in der europäischen Kunst Bilder gegeben, die gänzlich einfarbig, rein weiß oder blau, waren. Piero Manzoni oder Yves Klein haben solche Werke geschaffen. Andere Künstler wie Barnett Newman oder Mark Rothko haben die Elemente ihrer Bilder auf das Äußerste reduziert und überwältigende Farbräume geschaffen.



Wer diese Kunst im Kontext dessen wahrnimmt, was Schweigen und Stille innerhalb der Religion und innerhalb der Kirche bedeuten, der wird ahnen, welch mächtige Realität sie gegenwärtig setzt. Er wird auch davor bewahrt bleiben, in jedem einfarbigen Stück Leinwand gleich ein großartiges Kunstwerk zu erkennen. Wer es vermag, einem Werk der Kunst in Schweigen und Stille zu begegnen, und zwar in langem Schweigen, langer Stille, der wird das Gewicht der Dinge, ihren Bezug zu einer großen Realität erkennen.



Eine andere Besonderheit der Kunst des 20. Jahrhunderts ist die Aufmerksamkeit, die sie scheinbar bedeutungslosen Dingen und Menschen schenkt. Beide Bereiche wurden auch in der Kunst vorher wahrgenommen. Doch nie zuvor wurden sie so sehr in den Mittelpunkt gestellt, wurden sie in diesem Maß als kunstwürdig betrachtet, wie in der modernen und gegenwärtigen Kunst. Das beginnt mit Cézanne, van Gogh und Gauguin, die das wenig Bedeutende noch thematisch behandeln, es malen und zeichnen.



Von außerordentlicher Bedeutung ist Kurt Schwitters, der in seiner Merz-Kunst das Unbedeutende nicht nur thematisch aufgreift, sondern Kunstwerke aus dem, was anderen als Abfall galt, hervorgehen ließ. Er malte Müll nicht mehr, sondern machte ihn selbst zum Material seiner Kunst. „Aller Anfang ist Merz - von Kurt Schwitters bis heute“ hieß eine Ausstellung, die den Folgen der Kunst von Schwitters gewidmet war (Katalog im Jahr 2000 erschienen im Berliner Hatje Cantz Verlag). Wer diese Eigenart der Kunst unserer Zeit im Zusammenhang mit der auffallenden Vorliebe Jesu Christi für unbedeutende Dinge, in den Himmelreichgleichnissen etwa, oder für unbedeutende Menschen, für Arme, Kranke und Sünder betrachtet, wird erstaunliche Parallelen entdecken. So wie die Jesuiten unserer Tage eine Option für die Armen getroffen haben, so hat die moderne Kunst ihrerseits schon längst eine Option für den Müll unserer Gesellschaft, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn, getroffen. In diesem Kontext betrachtet, gewinnen diese Phänomene der Kunst eine überraschende und tiefe Bedeutung, weit über ästhetische Qualitäten hinaus. Sie haben Bezug zu einer großen Realität.



Die Kunst braucht die Kirche. Diesem Anspruch darf sich die Kirche nicht entziehen, wenn sie ihren Auftrag heute erfüllen will.


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