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Johannes Müller SJ

In „Sorge für das gemeinsame Haus“



Siebzehn Ziele für Nachhaltige Entwicklung („Sustainable Development Goals“: SDGs) für den Zeitraum 2015 bis 2030 haben die Vereinten Nationen im September 2015 beschlossen. Sie folgen auf die Millenniumsentwicklungsziele der Jahre 2000 bis 2015, die beachtliche Fortschritte gebracht haben, auch wenn sie vor allem in Afrika bei weitem nicht erreicht wurden. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die großen globalen Herausforderungen wie Armut, Klimawandel, Migration, Epidemien, Terrorismus, Kriege usw. nur durch eine gemeinsame Politik und gebündelte Anstrengungen zu bewältigen sind. Neu an dieser Agenda 2030 ist, dass sie Armutsbekämpfung und Umweltschutz sehr eng miteinander verknüpft.


Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) im Juni 1992 in Rio de Janeiro. Sie hat eine Reihe wichtiger Beschlüsse verabschiedet - vor allem die Klimarahmenkonvention und die Konvention zum Schutz der Artenvielfalt. Handlungsgrundlage sollte das sogenannte Rio-Prinzip sein, nämlich die „gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung“ der Staaten. Dieser Grundpfeiler internationaler Zusammenarbeit wurzelt in der Einsicht, dass die Staaten nur gemeinsam die genannten Probleme lösen und die hochgesteckten Ziele der Weltgemeinschaft erreichen können. Dabei tragen die wohlhabenderen Länder eine größere Verantwortung, zum einen weil sie Hauptverursacher vieler Probleme wie des Klimawandels sind, zum anderen weil nur sie über die nötigen finanziellen und technischen Mittel verfügen.


Zugrunde liegen die Menschenrechte, und zwar sowohl die bürgerlichen und politischen (Zivilpakt) wie die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte (Sozialpakt), die seit 1976 völkerrechtlich verbindlich sind. Auf dieser Basis hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Leitbild globaler Solidarität entwickelt, das der Unterstützung ärmerer Menschen, Regionen und Länder besondere Aufmerksamkeit schenkt. All das verlangt weltweite Zusammenarbeit, denn die Ziele sind in ihrer Gesamtheit auf das Weltgemeinwohl ausgerichtet. Mittlerweile ist auch unbestritten, dass diese Solidarität künftige Generationen einschließen muss, worauf der Begriff „Nachhaltigkeit“ verweist. Unbeschadet aller unbestreitbaren Defizite bei der Umsetzung ist dies im Miteinander der Nationen ein großer Schritt nach vorn.


Gegenwärtig lassen sich leider zunehmend Tendenzen feststellen, die dieses in langwierigen Prozessen geschaffene Sozialkapital der Weltgemeinschaft nicht nur infrage stellen, sondern in eine diametral andere Richtung weisen. Dies zerstört nicht nur gegenseitiges Vertrauen, sondern steht im krassen Widerspruch zu jeder Partnerschaft. Der neue, teils mit Gewalt verbundene Nationalismus auch in vielen westlichen Staaten, der Menschen diskriminiert und ausgrenzt, ist nur ein Indiz. Besonders besorgniserregend ist, dass sogar die USA als politische Führungsmacht des Westens von dieser Welle erfasst sind. Ein Motto wie „America first“ ist nicht nur politisch höchst fragwürdig, sondern stellt eine Denkhaltung dar, die in grundlegender Weise die Tradition globaler Solidarität gefährdet. Dies zeigt sich nicht zuletzt in einer Politik, die völkerrechtliche Verträge wie den in Paris im Jahr 2015 mühsam ausgehandelten Weltklimavertrag und internationale Institutionen wie die über Jahrzehnte gewachsene multilaterale Welthandelsorganisation WTO einfach zur Seite schiebt.


Grund zur Hoffnung sind gegenläufige Entwicklungen, vor allem das wachsende Gewicht einer Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Akteuren fast überall auf der Welt, die sich dem entgegenstellen und oft unter bewundernswertem Einsatz Solidarität vor Ort und Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg zeigen. Man denke nur an die „Weißhelme“ im syrischen Aleppo oder an das weltweite Engagement Freiwilliger für Flüchtlinge. Zu nennen sind auch die kirchlichen Hilfswerke, welche die Arbeit ihrer Projektpartner vor Ort unterstützen und anwaltschaftlich für deren Anliegen eintreten. Notwendig ist es in dieser Situation, solche Anstrengungen zu fördern und zu stärken, gerade in den kommenden Jahren. Dies ist nicht nur eine Voraussetzung für eine echte Demokratie, sondern auch für ein gedeihliches und humanes Miteinander in einer immer stärker multikulturellen und multireligiösen Welt.


Die Kirche als Weltkirche kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie ein globaler Akteur ist, der zugleich in der Vielfalt der Kulturen präsent und in den Ortsgemeinden den Menschen nahe ist. Papst Franziskus steht für diese Perspektive und setzt sich unermüdlich dafür ein. Im Sommer 2015 hat er die Sozialenzyklika „Laudato si’“ veröffentlicht. Sie spricht im Untertitel nicht ohne Grund von der „Sorge für das gemeinsame Haus“, womit die Weltgemeinschaft ebenso wie die Umwelt gemeint sind. Das päpstliche Schreiben enthält ein Kontrastprogramm zu den genannten politischen Trends. Es plädiert für einen ökologischen Ansatz, der „die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“ (LS 49). Im fünften Kapitel entfaltet es „Einige Leitlinien für Orientierung und Handlung“ und ruft zu einem Dialog auf, der auf das Wohl aller Menschen und besonders der Armen ausgerichtet ist. Sie ruft zu einem Dialog für eine menschliche Entfaltung zwischen Politik und Wirtschaft auf.


Die Katholische Kirche in Deutschland kann auf ein langes und über die binnenkirchlichen Grenzen hinaus anerkanntes weltkirchliches Engagement zurückblicken. Umso bedauerlicher und schwer verständlich ist es, wenn sie nun im Rahmen von Sparmaßnahmen ihre Mittel für weltkirchliche Aufgaben stark reduzieren und wichtige Arbeitsfelder nicht mehr unterstützen will, obwohl sie seit Jahren weit höhere Einnahmen aus Kirchensteuern erhält als erwartet. Gerade in der gegenwärtigen globalen Krisensituation sollte sie eigentlich ein Signal in die andere Richtung setzen und diese Mittel sogar erhöhen.


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