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Andreas R. Batlogg SJ

Ist die Kirche besser als ihr Ruf?



Katholische Kitas, Kindergärten, Schulen und Internate sind zunehmend gefragt, Tendenz steigend. Ordensspitäler und kirchlich geführte Sozialeinrichtungen genauso. Die Caritas und andere kirchliche Großinstitutionen arbeiten so professionell, dass manche damit Kirche gar nicht in Verbindung bringen (können), weil man der Exzellenz oder Qualitätsmanagement gar nicht zutraut. Kurz: Die Katholische Kirche in Deutschland ist um Längen besser als ihr Ruf.



Und das trotz der Erblast der 2010 bekannt gewordenen, jahrzehntelang vertuschten oder verschwiegenen Missbrauchsfälle. Trotz aller Skandale. Trotz der XXL-Pfarreien, die zurzeit aus Gründen der „Strukturbereinigung“ oder wegen Personalmangels gebildet werden. Trotz misslungener PR-Kampagnen. Trotz „Limburg“ … - die Liste wäre zu ergänzen. Und, ja: Überforderung und Fehleinschätzungen gehören dazu. Kirche besteht aus Menschen, und Menschen machen Fehler, Auch schwere. Aber auch hier gilt: Wer nichts tut, kann auch keine Fehler machen.



Dazu gehört indes auch, dass Kirche nach wie vor als Heimat erlebt wird, als Ort des Aufatmens, der Ermöglichung, als Raum für Unterbrechung in der Hektik des Alltags wie angesichts des Tempos unserer Erlebnisgesellschaft mit ihrem Jugend-, Körper- und Schönheitskult, als Resonanzrahmen für die unausrottbare Transzendenz-Sehnsucht des Menschen, als Ort der Anbetung. Die „Marke Kirche“ ist keineswegs unbeschädigt. Aber sie bürgt weithin nach wie vor für Qualität. Was Priester, pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ehrenamtliche leisten - darauf möchte (und kann) der säkulare Staat nicht verzichten, der ohne den Beitrag der Kirche(n) manchem Grundauftrag gar nicht nachkommen könnte.



Dazu kontrastiert, seit Jahren, eine Stimmung der Miesmacherei, des Jammerns und des Abkanzelns - vor allem innerkirchlich. Was in manchen katholischen Printmedien, die sich päpstlicher als der Papst geben, wie die „Tagespost“, oder in Blogs aus der rechten, restaurativen Ecke, losgelassen wird, ist, gelinde gesagt, unappetitlich. Das Internet entbindet: Es setzt neue, teils sehr aggressive, sehr polemische Kräfte frei. Zum Beispiel kath.net: Da wird schnell eine Verdächtigung, eine Anschuldigung, eine Abrechnung gepostet - irgendetwas wird schon hängenbleiben. So wird Stimmung gemacht - und gesteuert.



Manche vermissen verstorbene „katholische Hardliner“, die „klare Kante“ gezeigt haben - und mit ihrer Direktheit beeindrucken konnten. Aber wen? Da wurde oder wird andererseits polemisch von einer „Lehmann-“, einer „Kasper-“ oder von einer „Marx-Kirche“ gesprochen. Da werden Kirchenaustrittszahlen hochgespielt - ihnen werden neue Gemeinschaften entgegengehalten, die auf der Basis von Eventkultur Zehntausende zusammenbringen können. Ganz zu schweigen von pseudotheologischen Debatten, die „Sorge“ um die Kirche vorgeben, um ihre Polemiken loszuwerden. Geradezu anachronistisch wirkt in dem Zusammenhang, dass ein globaler Sympathieträger massiv zum positiven Image der Katholischen Kirche beiträgt: Papst Franziskus. Dass er außerhalb seiner Kirche oft positiver wahrgenommen wird als innerhalb, gehört schon wieder zur Tragik der Kirche. Franziskus wird als „Luther unserer Tage“ denunziert.



Unterstützung erhielten düstere Stimmen - von Papst Johannes XXIII. seinerzeit und von Franziskus heute „Unglückspropheten“ genannt - von hoher Warte aus, nämlich vom zurückgetretenen Papst Benedikt XVI. Dessen Interviewer, Peter Seewald, hat im Herbst 2016 das Wort vom „Papst-Bashing“ in Umlauf gesetzt, das „in Deutschland einige Großmeister hervorgebracht“ habe. In dem Buch „Letzte Gespräche“, das - aus guten Gründen - nicht ungeteilte Zustimmung gefunden hat, findet sich heftige Kritik an der deutschen Kirche. Sie war in der Sache nicht neu. Aber der Zeitpunkt, sie zu wiederholen, war bewusst gewählt und offenbar Anlass, alte Rechnungen wieder aufzutun. Nicht neu, weil davon auch in der Freiburger Rede vom September 2010 unter dem Stichwort „Entweltlichung“ die Rede war - von vielen, so Seewald, nicht verstanden. Im Grunde genommen ist die Ratzinger-Kritik jedoch eine Neuauflage kritischer Einlassungen aus der Zeit der Würzburger Synode (1971-1975), dem groß angelegten Versuch einer Implementierung des Zweiten Vatikanischen Konzils in Deutschland: „Ich setze nicht auf Gremien, sondern auf prophetische Existenz.“ Jetzt wurde sie unter der singulären Autorität eines zurückgetretenen Papstes aus dem Off seines „Klösterchens“ im Vatikan heraus wiederholt.



„In Deutschland haben wir diesen etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten“: Gut sechs Milliarden Euro Kirchensteueraufkommen allein für die Katholische Kirche ist gewiss nicht wenig. Aber ich möchte mir unsere Kirche nicht vorstellen ohne großartige Hilfswerke wie „Missio“, „Misereor“, „Adveniat“ oder „Renovabis“, die international so viel ermöglichen. Ganz zu schweigen davon, dass der Peterspfennig, der von Deutschland in den Vatikan fließt, anders ausschaut als der von Ungarn oder Uganda. Kirchliche Gehälter orientieren sich am Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes. Hochbezahlt sind leitende Kleriker wie Domkapitulare und Bischöfe, die der (staatlichen) B-Besoldung unterliegen. Kirche lebt auf weite Strecken vom Ehrenamt: in den Gemeinden, aber auch in übergeordneten Einheiten. Warum hat sich kein einziger deutscher Bischof öffentlich verteidigend vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestellt?



Eine als Zerrbild oder Feindbild gezeichnete deutsche Kirche ist nicht attraktiv. Tratsch und Klatsch, Dämonisierungen und Verketzerungen, mediale Gehässigkeiten über Tweets schaden der Kirche enorm. Und fördern gerade nicht das, was Papst Franziskus mit seinem programmatischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (2013) so wichtig war und was eine vitale Kirche mit seriöser Streit- und Debattenkultur ausmacht: die Freude des Evangeliums.


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