Berger, David: Der heilige Schein.

Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche.

Berlin: Ullstein 32010.306 S. Gb. 18,-.


Das Buch des katholischen Theologen, der sich immer noch als Katholik sieht, aber aus der Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts ausgetreten ist, wurde mittlerweile mehr als 23 000 mal verkauft und erreichte bisher sieben Auflagen. Die Taschenbuch-Ausgabe erschien Mitte April 2012. Die Verkaufszahlen erstaunen nicht. Denn angepriesen wurde das Werk als Schlüssel zu Vorgängen und Entwicklungen, mit denen der Katholizismus weltweit in die Schlagzeilen geriet. In der Tat streift David Berger in seinem Report unter anderem die weltweiten Mißbrauchsskandale und deren Echos im Vatikan, die Vorkommnisse im St. Pöltener Priesterseminar, die Diskussion über die ästhetischen Schwerpunkte des neuen Pontifikats und die Aufhebung der Exkommunikation der Piusbruderschaft.


Berger schildert seinen Werdegang zum Thomas von Aquin-Spezialisten und Redakteur der Zeitschrift "Theologisches", berichtet von seiner Karriere in konservativen Kirchenkreisen, und wie diese auf sein homosexuelles Coming out reagierten. Auf diesem Parcours öffnet er dem Leser nebenbei die Augen dafür, daß gewisse Reliquien-Verehrungen, die Bewunderung für die monarchische Staatsform oder Opernseligkeit heute bei kirchlichen Personen oft eine homosexuelle Komponente aufweisen oder daß der Handel mit tridentinischen Gewändern weitgehend in der Hand von Homosexuellen sei. Mit aufschlußreichen Beispielen belegt der Autor sowohl die Neigung von streng konservativen Katholiken, sich als Opfer zu inszenieren, als auch deren wachsendes Aggressionspotential. Auf diesem Weg erfährt man auch mehr über die Hintergründe von Bergers Attacken gegen das Werk und die Person Karl Rahners SJ.


Berger bringt in seinem Buch einige Analyse-Ansätze: Warum zum Beispiel homosexuell veranlagte Priester über die Ästhetik der Tridentinischen Liturgie eine Sublimierung ihrer erotischen Empfindungen anstreben. Er behauptet, daß das ästhetische Prinzip der "l'art pour l'art" die vorkonziliare Liturgie präge, und postuliert eine Identität zwischen diesem Prinzip und dem Grundprinzip, das nach Ansicht der katholischen Moraltheologie die Homosexualität bestimme: Beide Male fehle die Zielgerichtetheit. Er erörtert, warum die Art, wie Thomas von Aquin denkt, homosexuellen Thomisten zustatten komme. Dessen gesamte Philosophie und Theologie seien konsequent objektivistisch, ohne daß er das Subjekt in den Blick nehme. Er theologisiere von Gott und der Offenbarung her. Berger nennt auch Erklärungsansätze dafür, weswegen es unter konservativ-katholischen und kirchlichen Amtsträgern überhaupt viele homosexuell empfindende Menschen und gleichzeitig eine starke Homophobie gebe: Verdrängte eigene Eigenschaften, besonders solche, die in der eigenen Gruppe normwidrig sind, werden in einer Art Abwehrmechanismus auf andere Menschen projiziert. Indem man dann diese attackiere, glaube man die entsprechenden Probleme bei sich selbst bewältigt.


Bergers Reue über seine früheren Aggressionen und Teile seiner Aktivitäten wirkt ehrlich. Des öfteren schont er sich selbst nicht. Und daß er einer breiteren Öffentlichkeit die Agitationen katholischer Denunzianten aufzeigt, ist verdienstvoll. Doch so erhellend einzelne seiner Anekdoten sind, seine Reflexionen sind es in den meisten Fällen für Informierte nicht. Es fehlt die tiefere analytische Durchdringung der geschilderten Ereignisse und Fakten. Oft repetiert er, was Tageszeitungen bereits aufbereitet hatten. Allein das Phänomen, daß gerade homosexuelle Katholiken sich besonders papsttreu gebärden, verdiente eine ausführlichere Auseinandersetzung. Berger bearbeitet es bloß fragmentarisch an verschiedenen Stellen. Die Zusammenhänge zwischen Machtstreben und Homosexualität innerhalb der Kirche beleuchtet er kaum. Es fehlt dem Buch auch die Einordnung in aktuelle gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, wie etwa die Erwähnung des Zwiespaltes, daß Homosexualität in den letzten Jahrzehnten bürgerlich, auch rechtlich anerkannt wurde, in der Kirche aber immer noch als objektiv ungeordnet definiert wird. Häufig ist dem Bericht, der Züge einer Befreiungsschrift trägt, anzumerken, daß er eilig verfaßt wurde.


Eingangs schreibt Berger, das von ihm Erlebte sei exemplarisch für die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche. Da übertreibt er. Aber es ist exemplarisch für die Irrwege, die ein feinsinniger junger Mann mit einem starken religiösen Sensorium einschlagen kann, wenn er inmitten der aktuellen Unübersichtlichkeit nach echten Fundamenten für sein Denken und Leben sucht.

Franz-Xaver Hiestand SJ


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