Roman Herzog

Jesuiten in Deutschland



Vor zwanzig Jahren, am 29. September 1997, organisierte die Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen aus Anlass des 400. Todestages des heiligen Petrus Canisius SJ (1521-1597) einen Festakt in der Frankfurter Paulskirche, bei dem der damalige Generalobere der Gesellschaft Jesu, Peter-Hans Kolvenbach SJ (1928-2016), den Festvortrag über Petrus Canisius als Humanisten und Europäer hielt. Die verschiedenen Grußworte und Reden wurden in einer nicht im Buchhandel erhältlichen Schrift veröffentlicht1.



Ein bemerkenswertes Grußwort („ein Stück Wiedergutmachung für die schwärzeste Stunde, die ein deutscher Staat den Jesuiten bereitet hat“) sprach der damalige Bundespräsident, Professor Dr. Roman Herzog (1934-2017), zuvor Präsident des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe2. Er erinnerte daran, dass ein niederbayerischer Protestant auch anders über den Jesuitenorden reden und urteilen könnte, hob aber die Verdienste einzelner Jesuiten wie des gesamten Ordens für Deutschland hervor. Aus aktuellem Anlass - Roman Herzog verstarb am 10. Januar 2017 - drucken wir diese Rede hier nach. (Red.)



Der 400. Todestag von Petrus Canisius gibt uns heute den Anlass, die über 400-jährige Präsenz des Jesuiten-Ordens in Deutschland überhaupt zu feiern und an die Tätigkeit so vieler Generationen Ihres Ordens zu erinnern, vor allem im Bereich von Bildung und Erziehung.



Es ist keineswegs selbstverständlich, dass ein deutsches Staatsoberhaupt zu diesem Anlass das Wort ergreift - und auch noch in der Absicht, die Arbeit des Ordens positiv zu würdigen. Manches frühere Staatsoberhaupt und die damaligen deutschen Regierungen hätten das mit größtem Befremden zur Kenntnis genommen.



„Das Deutsche Reich befindet sich mit dem Jesuiten-Orden im Kriegszustand!“ So hatte ein enger Mitarbeiter Bismarcks, Hermann Wagener, am 19. Juni 1872 im Deutschen Reichstag gesagt, als die sogenannten Jesuiten-Gesetze beraten wurden. Diese Formulierung Wageners war der klarste Ausdruck einer Strömung, der eigentlich die ganze katholische Kirche im preußisch dominierten Reich nicht geheuer war.



Sie wollte deshalb an der vermuteten Speerspitze des reichsfeindlichen Ultramontanismus ein Exempel statuieren. Nach dem Unfehlbarkeitsdogma von 1870 waren die Katholiken in den Verdacht einer zumindest doppelten Loyalität geraten. Der Widerstand des Zentrums, namentlich der Abgeordneten von Mallinckrodt und Windthorst, vermochte die Mehrheit des Reichstages nicht davon zu überzeugen, dass mit der Verabschiedung der Jesuiten-Gesetze das junge Deutsche Reich nicht gerade auf dem Weg der Rechtsstaatlichkeit war.



Auch die sarkastische Frage des Oppositionsführers, wie denn zweihundert Menschen, die nichts anderes hätten als das Evangelium und die Waffen des Geistes, einem Staat von vierzig Millionen Menschen und einer Million Soldaten gefährlich werden könnten, blieb ohne Antwort. Die Jesuiten-Gesetze wurden beschlossen und der Kulturkampf erreichte seinen Höhepunkt.



Letztlich ist die Strategie Bismarcks nicht aufgegangen. Im Gegenteil: Schon bei der nächsten Wahl konnte das Zentrum seine Stimmen verdoppeln, und die Katholiken fanden langsam ihren Platz im Reich.



Dass das Verbot der Jesuiten im Grunde ein symbolischer Akt war, hat auch Heinrich Heine gesehen. Der ansonsten zu jedem Spott aufgelegte Beobachter der deutschen Zustände sagte es mit ungewöhnlicher Sympathie: „Arme Väter der Gesellschaft Jesu! Ihr seid der Popanz und der Sündenbock der liberalen Partei geworden; man hat jedoch nur Eure Gefährlichkeit, aber nicht Eure Verdienste begriffen.“



Vielleicht als ein Stück Wiedergutmachung für die schwärzeste Stunde, die ein deutscher Staat den Jesuiten bereitet hat, will ich also nun ein wenig diese Verdienste würdigen. (Wobei der niederbayerische Protestant Roman Herzog keinen Augenblick vergisst, dass die Societas Jesu ursprünglich einmal auch ein gegenreformatorischer Orden war.)



Die Verdienste, von denen ich hier sprechen will, beginnen natürlich bei dem Mann, der heute im Mittelpunkt steht, bei Petrus Canisius. Ihm wird gleich der Pater General eine ausführliche Ansprache widmen, so dass ich mich hier kurz fassen kann. Canisius ist - neben all dem, was er innerkirchlich bedeutet hat - vor allem das gewesen, was man heute einen Bildungsreformer nennt, übrigens von einem Format, das man heute wohl selten findet. Ich frage mich, warum seine Bildungsinitiativen, warum seine Gründungen und Reformen von einer so großen und nachhaltigen Wirkung waren - wie übrigens auch diejenigen seines protestantischen Kollegen, wie ich es einmal ökumenisch-friedlich formulieren will, nämlich Philipp Melanchthons. Warum waren beide so erfolgreich?



Zunächst einmal waren beide selbst hochgebildet, was für Bildungsreformer offenbar kein Nachteil ist. Zum zweiten hatten sie eine Vorstellung vom Menschen und von seinem - entschuldigen Sie das große Wort - Heil. Das heißt, es stand für sie nicht zuerst die Funktionstüchtigkeit eines Systems im Vordergrund, sondern der einzelne Mensch und die Bildung seiner Persönlichkeit. Dennoch sind aus den Absolventen seiner Schulen und Hochschulen ganz tüchtige, Gesellschaft und Kirche prägende Leute hervorgegangen. Es ist zwar richtig, wenn wir zur Zeit überlegen, wie unsere Bildung junge Menschen besser „fit“ machen kann für die Herausforderungen der Zukunft. Das kann aber nicht alles sein, was unter Bildung zu verstehen ist. Das jesuitische Motto „iuvare animas“, nach dem Canisius arbeitete, gehört recht verstanden dazu: das Vermitteln von Werthaltungen, Orientierung und sozialer Kompetenz.



Dass in diesem Geist heute noch an Schulen gearbeitet wird, die von Jesuiten geleitet werden, davon konnte ich mich vor wenigen Tagen am Canisius-Kolleg in Berlin überzeugen, das nur ein paar Schritte von meinem Amtssitz Schloss Bellevue entfernt ist. Und dass man dort trotz des 400-jährigen Erbes ganz auf der Höhe der Zeit ist, sieht man schon daran, dass mich die Schüler via Internet eingeladen hatten.



So könnte man auch von Petrus Canisius aus durch die Geschichte die Verdienste von Jesuiten für die Gesellschaft und unser Land nachzeichnen. Ich habe allerdings nur ein Grußwort zu sprechen, und so möchte ich mich auf einige Jesuiten unseres Jahrhunderts beschränken. In den einzelnen Personen wird jeweils etwas vom Geist und von der Aktivität des Ganzen lebendig.



Natürlich waren den Nationalsozialisten auch die kirchlichen Orden und besonders die Jesuiten ein Dorn im Auge. Viele landeten in Dachau und anderen Konzentrationslagern. Stellvertretend für sie, auch für die Verbindungen zum deutschen Widerstand, erinnere ich an Pater Alfred Delp, der noch „im Angesicht des Todes“ (so der Titel seiner Aufzeichnungen) über die Gestalt eines künftigen Deutschland nachgedacht und geschrieben hat. Diese Verbindung von Lebensmut und intellektueller Schärfe kann auch heute noch vorbildlich sein.



Ein anderer deutscher Jesuit, nur achtzehn Jahre nach Bismarcks Jesuiten-Gesetzen geboren, hat in seinem mehr als ein Jahrhundert umfassenden Leben die Gestalt unseres Sozialstaates maßgeblich mitgeprägt: Oswald von Nell-Breuning. Als Berater von Regierungen und Gewerkschaften, als akademischer Lehrer und unermüdlicher Autor ist er sozusagen die personifizierte Bestätigung dafür, dass man mit Jesuiten durchaus „Staat“ machen kann. Das soziale Klima im Nachkriegsdeutschland verdankt seinen Überlegungen und Interventionen mehr als vielen Politikern, die in der ersten Reihe standen. Noch im neuesten „Sozialwort“ beider Kirchen, das hoffentlich nicht so rasch zu den Akten gelegt wird, sind der Geist und die Arbeit Nell-Breunings gegenwärtig. Deutschland hat ihm viel zu verdanken.



Auch wenn sie nicht direkt an gesellschaftspolitischen Fragen arbeiten, können Theologen Einfluss nehmen. Indem sie das Klima und die geistige Atmosphäre der Kirche prägen, mischen sie sich indirekt auch in die gesellschaftliche Auseinandersetzung ein. Pater Karl Rahner, sicherlich einer der ganz großen Theologen dieses Jahrhunderts, hat in unzähligen Aufsätzen und Vorträgen immer wieder die intellektuelle Durchdringung des christlichen Glaubens geleistet und ist keiner Frage ausgewichen. Nichts ist in unseren Zeiten der banalen Zerstreuungen vielleicht zeitgemäßer als Rahners skeptische und nüchterne Einschätzung. Es sei durchaus möglich, dass die Menschen jede transzendente Wirklichkeit verleugnen oder schlicht vergessen könnten. Dann allerdings hätten sie sich zu „findigen Tieren zurückgekreuzt“, wie er es drastisch formulierte. Den Sinn der Menschen offenzuhalten für das, was über Konsum, Produktion und Politik hinausweist, ist die bleibende Aufgabe der Theologen.



Selbstverständlich sind es nicht die Berühmten allein, die die hohen Verdienste des Jesuiten-Ordens ausmachen. Auch die vielen Schulleiter und Lehrer, Journalisten und Prediger, Studentenseelsorger und Theologen haben dazu beigetragen, dass die Jesuiten zu den lebendigen und fruchtbaren Kräften unserer Gesellschaft gehören. Sie sind weder für ihre eigene Kirche noch für die Gesellschaft Jesu immer bequem. Aber ein bequemer Jesuiten-Orden wäre wohl ein Widerspruch in sich.



Einen Aspekt will ich noch zum Schluss betonen: von Anfang an waren die Jesuiten eine internationale Gemeinschaft. Zwar leben wir alle im Zeitalter der Globalisierung und der Allgegenwart des Fernsehens, aber dennoch fehlt uns oft der Blick für die konkrete Wirklichkeit in anderen Ländern, für die geistige Atmosphäre und die tatsächlichen Konflikte anderswo. Ich kann mir vorstellen, dass das Kommunikationssystem in einer weltweit verbreiteten, aber doch relativ kleinen Gemeinschaft für einen internationalen und auch interkulturellen Austausch sehr fruchtbar ist.



Diese Arbeit wird in Zukunft wichtiger denn je, und ich weiß, dass in Ihrem Orden sehr stark auch an diesem Thema gearbeitet wird. Gerade weil hier so viele internationale Gäste anwesend sind, möchte ich Sie alle dazu ermuntern, sich dieser Aufgabe weiter zu widmen, für die Sie so prädestiniert sind wie wenige andere.



ANMERKUNGEN



1 Petrus Canisius, Humanist und Europäer. Reden in der Frankfurter Paulskirche. Hg. v. d. Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Frankfurt am Main 1997. 74 S. (Sankt Georgener Hochschulschriften. 1.) Kt.
2 Roman Herzog: Grußwort, in: ebd. 25-29.
  • vorige Seite
  • nächste Seite
Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...