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Thomas J. Reese SJ

Eine Präsidenten-(Un)Wahl

Wohin steuert Amerika unter Donald Trump?

Was ist von der US-Präsidentenwahl 2016 zu halten? Schock und Überraschung waren fast überall auf der Welt die Reaktion auf das Ergebnis der Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. So gut wie alle Experten lagen mit ihren Voraussagen falsch, dass Hillary Clinton die nächste Präsidentin würde. Warum lagen die Umfragen und die Experten falsch? Warum hat Donald Trump gewonnen? Und was sagt das über die Zukunft der amerikanischen Politik aus? Was wird ein Präsident Trump bewegen? Welche Rolle wird die Kirche in den nächsten vier Jahren spielen?



Volksabstimmung und Wahlmännergremium



Warum also lagen sowohl die Umfragen als auch die Experten falsch? Die nationalen Umfragen lagen eigentlich nicht falsch. Hillary Clinton hat die Volksabstimmung gewonnen. Diese war dichter dran, als die meisten Umfragen vorhergesagt hatten, aber die Ergebnisse waren innerhalb der Fehlertoleranz. Meinungsforscher befragen die Bevölkerung nur stichprobenartig, deswegen darf man nicht erwarten, dass sie immer vollkommen exakt liegen. Das wird oft dadurch ausgedrückt, dass man sagt, dass die Fehlertoleranz eine bestimmte Anzahl von Prozentpunkten bedeutet, etwa zwei oder drei Prozent. Die Fehlertoleranz soll die maximale Höhe messen, um die die Stichprobenergebnisse erwartungsgemäß von denen der tatsächlichen Bevölkerung abweichen.



Je nachdem, wie man die Umfragen bündelt, lag die Differenz zwischen der Volksabstimmung und der endgültigen Wahlgesamtsumme bei einem, zwei oder drei Prozent, was innerhalb der Fehlertoleranz angesiedelt ist. Nate Silver, der berühmteste Zahlenzauberer der Nation bei fivethirtyeight.com, behauptet, dass die letzten Umfragen annähernd so exakt waren wie vier Jahre zuvor, außer dass in jenem Jahr Obamas Sieg höher war als vorhergesagt. Die Menschen haben vergessen, dass seit dem Jahr 2000 jede Präsidentschaftswahl nur einen knappen Ausgang hatte. Bei jener Wahl gewann der Demokrat Al Gore die Volksabstimmung, verlor aber die Wahl im Wahlmännergremium (Electoral College) ebenso wie Clinton.



In fast jeder anderen Demokratie auf der Welt wären Gore und Clinton zum Präsidenten gewählt worden, aber in den Vereinigten Staaten zählt nicht die Volksabstimmung, sondern das Votum des Wahlmännergremiums. Das Wahlmännergremium jedes Bundesstaats wird anhand dessen Gesamtvertretung im Kongress festgelegt - zwei Senatoren für jeden Bundesstaat plus die Mitgliederanzahl jedes Bundesstaats im Repräsentantenhaus. Die Mitgliedschaft dort basiert auf der Bevölkerungsanzahl. Außer bei zwei kleinen Bundesstaaten sind die Voten des Wahlmännergremiums für den Gewinner der Volksabstimmung des jeweiligen Staats vorgesehen. Deshalb wurde die Wahl im Jahr 2000 von ein paar hundert Stimmen in Florida entschieden.



Während die nationalen Umfragen ziemlich akkurat waren, lagen die Bundesstaatenumfragen nicht so gut. Die Umfragen in Wisconsin beispielsweise zeigten Trump nie in Führung, aber er gewann diesen Bundesstaat. Die meisten Umfragen zeigten, dass Clinton Florida, North Carolina und Pennsylvania gewinnen würde, während es in Michigan noch etwas unsicher aussah. Während der letzten Wochen des Wahlkampfs wurden aber selbst die Umfragen in diesen Staaten unsicherer, und ein möglicher Trump-Sieg lag innerhalb der Fehlertoleranz; aber um zu gewinnen, musste Trump alle diese Staaten mit sich reißen. Keiner erwartete, dass er das tun würde. Während sich die Umfragen dem Ende näherten, konnten sich die Experten einfach keinen Trump-Sieg vorstellen. Sie hatten ihn das ganze Jahr über unterschätzt. Während der Vorwahlen sagten sie wöchentlich seinen politischen Niedergang voraus, aber er wurde dennoch von den Republikanern nominiert. Auf Seiten der Experten war das die reine Hybris.



Nate Silver gab zu, dass seine Voraussagen während der Vorwahlen falsch waren, weil er sich mehr als ein Experte ausgab als ein Statistiker und nicht glaubte, dass Trump gewinnen könnte. Zum Zeitpunkt der allgemeinen Wahl hatte er sein Denken justiert und wurde kritisiert, weil er Clinton nur eine Siegeschance von 71 Prozent einräumte, was bedeutete, dass Trump fast eine Ein-Drittel-Siegeschance hatte. Mit 71 Prozent Siegeschance steht man nicht auf der sicheren Seite, wie einem jeder Zocker erklären kann.



Andere sahen die Wahrscheinlichkeit eines Clinton-Siegs bei 85 Prozent (New York Times), 89 Prozent (Predict Wise), 92 Prozent (DailyKos), 98 Prozent (Huffington Post) und fast 99 Prozent (Princeton Election Consortium). Wettseiten sahen die Siegeschancen von Clinton bei 18 Prozent in der Nacht vor der Wahl.



„Die New York Times, die Huffington Post - all die anderen Kanäle, die dachten, sie hätten ihr eigenes Geheimrezept, den Wahlausgang vorauszusagen - lagen falsch“, sagt Mark Gray vom „Zentrum für Angewandte Forschung im Apostolat“ (Center for Applied Research in the Apostolate) der Georgetown Universität: „Sie werden die Schuld bei den Umfragen suchen, aber die Umfragen haben keine Siegeswahrscheinlichkeit von 98 Prozent gezeigt. Das funktioniert so einfach nicht. Diese Modelle beinhalten Annahmen, die diese Umfragewerte aufnehmen und in etwas transformieren, das sich meines Erachtens nach Wunschdenken anhören dürfte.“ Eine der Schlüsselannahmen in diesen Modellen ist die Wahlbeteiligung. Die meisten Umfragen überschätzten die Demokraten-Wahlbeteiligung und unterschätzten diejenige für Trump, was zur nächsten Frage führt.



I. Warum hat Trump gewonnen?



Als erstes muss man einräumen, dass sich Clinton beim Streben nach der Präsidentschaft einer hohen Barriere gegenübersah. Historisch betrachtet, bekommen die politischen Parteien in den Vereinigten Staaten nur ein oder zwei Amtszeiten im Weißen Haus, bevor die andere Partei die Präsidentschaft gewinnt. Eine seltene Ausnahme dieser Regel war die Wahl von George H. W. Bush im Jahr 1988 nach der Präsidentschaft von Ronald Reagan.



Clinton hatte die Geschichte gegen sich. Ohne eine kräftige Wirtschaft, die ihre Wahl unterstützte, war es schwierig, die Wählertendenz, den Wechsel zu wählen, zurückzudrängen. Obwohl sich die Wirtschaft in einem weitaus besseren Zustand befand als acht Jahre zuvor, kam die Besserung nur langsam voran, und die Leute waren unzufrieden. Sie wurde als ein „mehr desselben“ angesehen, während Trump der Kandidat des Umbruchs war. In der sich erholenden Wirtschaft hatten einige Erfolg, aber viele auch nicht. Besonders ausgeschlossen vom Wirtschaftsboom waren die weniger gebildeten, einfachen Arbeiter und die ländlichen Gebiete des ganzen Landes. Viele dieser einfachen Arbeiter hatten Barack Obama gewählt, aber sie hatten das Gefühl, dass sich ihr Leben nicht verbessert hatte. Sie erinnerten sich an die gute alte Zeit, als ein Fabrikarbeiter genug verdienen konnte, um zur Mittelschicht zu gehören. Sie machten sich auch Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, denen es, so ihre Angst, wirtschaftlich nicht so gut gehen würde wie ihnen selbst.



Diese Menschen fühlten sich von beiden Parteien betrogen und fallengelassen. Sie waren offen für Kandidaten wie Bernie Sanders und Donald Trump, die ihren Zorn auf das Establishment von Investoren, Bankern und Politikern ausdrückten, die ihre Belange ignorierten. Beide, Sanders wie Trump, attackierten die Globalisierung und den Freihandel wegen des Rückgangs an Fabrikjobs. Clinton tat schließlich dasselbe als Antwort auf politischen Druck. Der Konsens unter Wirtschaftswissenschaftlern, Washington-Experten und Politikern beider Parteien lag bei der Befürwortung des Freihandels. Aber wenig wurde für Arbeiter getan, die ihre Jobs an Mexiko und China oder an die verstärkte Mechanisierung der Arbeitsstätten verloren hatten, was, nach Einschätzung von Wirtschaftswissenschaftlern, mehr Arbeitsplätze gekostet hat als die Globalisierung.



Was auch immer der Grund für Arbeitsplatzverlust ist: Bei jeder Wahl versprachen die Parteien Hilfe für die Arbeiter des sogenannten „Rust Belt“ (Rostgürtel) des oberen Mittleren Westens, aber nichts verbesserte sich. Sie fühlten sich betrogen und missachtet. Sie fühlten sich von einem Kandidaten wie Donald Trump angezogen, der ihren Zorn in Worte fasste.



Die Experten waren überrascht, dass ein Milliardär aus New York zur Stimme des ländlichen Arbeiter-Amerikas werden konnte. In Wirklichkeit hassen diese Menschen Fachleute mehr als reiche Leute. Sie kommen selten in Kontakt mit Menschen, die so reich sind wie Donald Trump, aber sie treffen regelmäßig Fachleute, die ihnen beständig erklären, was sie tun sollen. Ärzte erklären ihnen, was sie essen sollen und was nicht. Lehrer erklären ihnen, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Regierungsbeamte erklären ihnen, was sie tun dürfen und was nicht. Rechtsanwälte schikanieren sie aus diesem oder jenem Grund. Hollywood und die Medien machen sich über ihre Religion und ihre Werte lustig. Alle diese Experten glauben zu wissen, was das Beste für diese Menschen ist und behandeln sie herablassend. Die Leute hatten genug von diesen arroganten Besserwissern.



Trump sprach eine Sprache, die sie verstanden. Er war direkt und grobschlächtig, übertrieb und verachtete politische Korrektheit. Er hätte leicht zu irgendeiner Stammtischkneipe oder Versammlungsstätte gepasst. Zum ersten Mal hat er diese Kultur bei den Arbeitern, die die Gebäude seines Vaters bauten, kennengelernt. Während sie nicht zu den Leuten gehörten, die in seinen hochpreisigen Hotels abstiegen, waren sie diejenigen, die seine Casinos besuchten und die Wrestlingwettkämpfe, die er sponserte, sowie diejenigen, die seine Fernsehprogramme schauten. Er wusste instinktiv, wie er ein Verhältnis zu ihnen aufbauen konnte.



Stammtisch- und Anti-Immigrations-Rhetorik



Die Experten unterschätzten den Enthusiasmus der Trump-Unterstützer. Mark Gray erinnert sich an eine Autofahrt durch Pennsylvania ein paar Monate vor der Wahl. Überall standen Trump-Schilder, aber kein einziges für Clinton. „Das waren zugegebenermaßen ländliche Gebiete, aber ich glaube nicht, dass viele Medienleute in diese Gebiete gehen und die vorhandene Energie wahrnehmen“, so Gray. „Ich stelle mir vor, dass dasselbe an Orten wie Michigan oder Wisconsin offen zutage lag“, fährt er fort, „über dieses ländliche Wahlvotum dachte bis zu einem gewissen Ausmaß niemand notwendigerweise nach. Es wurde nicht unbedingt exakt in den Umfragen eingefangen.“ Einige bezichtigten die Trump-Unterstützer des Rassismus. Es gab sicherlich einige Rassisten unter seinen Unterstützern, und sein Kampagnenteam tat wenig, um sie loszuwerden. Sicherlich zielte seine Anti-Immigrations-Rhetorik auf die Angst vor dem „Anderen“. Aber wenn sich die Leute Sorgen darum machen, ob sie einen Job bekommen, sollte es nicht überraschen, wenn sie vor jedem potenziellen Konkurrenten Angst haben.



Die Strategie der Demokratischen Partei war, durch das Ansprechen von Schwarzen, Lateinamerikanern, Lesbisch-Schwul-Bisexuell-Transsexuell-Queer-Menschen (LGBTQ) und Frauen ihre Basis zu erweitern. Wenn jemand aus der weißen Arbeiterklasse diese Rhetorik hört, hört er die Demokraten sagen, dass sie ihm seinen Job wegnehmen und jemandem von diesen Minderheiten geben. Oder er hat Angst, dass sie gegenüber dem eigenen Sohn beim Anstellungsverhältnis oder an der Universität bevorzugt werden. Wer kümmert sich um mich und meine Familie?, fragt er sich. Wenn er das laut äußert, wird er vom liberalen Establishment als Rassist angeklagt.



Die Republikaner haben spätestens seit der Zeit von Richard Nixon mit dieser Angst gespielt. Aber sie haben für die Arbeiterklasse wirtschaftlich wenig mehr getan als zu versprechen, dass Jobs geschaffen würden durch Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche. Das hat nicht funktioniert. In der Zwischenzeit haben die Demokraten berufliche Ausbildung versprochen, die nie adäquat finanziell gefördert wurde, und den Leuten vorgeschrieben, aus ihrer alten Nachbarschaft und Gemeinschaft wegzuziehen, um in den Teilen des Landes nach Arbeitsplätzen zu suchen, in denen sie sich kein Haus leisten konnten. Kein Wunder, dass die Arbeiterklasse alle paar Wahlen die Parteien wechselte.



Es ist nicht nur so, dass die Trump-Unterstützer enthusiastisch waren. Die Clinton-Unterstützer beteiligten sich nicht in dem Ausmaß an der Wahl, das sie gebraucht hätte. Beispielsweise hatten die Experten einen Tsunami lateinamerikanischer Wähler vorhergesagt, die Trump und andere Republikaner für ihre Anti-Immigrations-Rhetorik bestrafen würden. Die Wahlbeteiligung der lateinamerikanischen Wähler scheint leicht erhöht gewesen zu sein. Aber sie haben Trump nicht abgestraft. In Wirklichkeit haben sie etwas mehr für Trump gestimmt (29 %) als für Mitt Romney (27 %) vier Jahre zuvor. (Einige lateinamerikanische Meinungsforscher glauben, dass die Wählerbefragung durch die Medien am Ausgang der Wahllokale falsch sind und dass die Lateinamerikaner stärker für Clinton gestimmt haben, aber diese Debatte überlasse ich den Statistikern).



Es scheint, dass der lateinamerikanische Widerstand vor vier Jahren seinen Höhepunkt hatte. Viele vergessen, dass das lateinamerikanische Votum kein monolithischer Block ist. Kubanische Amerikaner tendieren eher dazu, republikanisch zu wählen. Als Flüchtlinge oder Kinder von Flüchtlingen haben sie einen speziellen Status und haben keine Angst, ausgewiesen zu werden. Ebenso sind Puertoricaner US-Bürger und unterliegen nicht der möglichen Ausweisung. Kubaner und Puertoricaner machen einen großen Teil der lateinamerikanischen Bevölkerung in Florida aus. Viele andere Lateinamerikaner sind seit Generationen einheimische Bürger und fürchten sich nicht vor Ausweisung.



Auch Schwarze haben sich nicht in dem Maß an der Wahl für Clinton beteiligt wie sie es für Obama taten. Ja, sie haben für Clinton gestimmt, aber nicht in ausreichend großer Anzahl. Beispielsweise war das Votum der Schwarzen in Städten wie Philadelphia und Detroit nicht hoch genug, um das ländliche Votum für Trump in ihren Bundesstaaten zu überstimmen. Schließlich haben Frauen nicht in der vorausgesagten Anzahl für Clinton gestimmt. Nur 51 Prozent der weißen Frauen mit Hochschulausbildung wählten Clinton. Die meisten Frauen glauben, dass sie es in ihrem Leben erleben werden, dass eine Frau zur Präsidentin gewählt wird. Daraus resultierte, dass sie nicht das dringende Bedürfnis empfanden, für eine Frau zu stimmen, in der Weise, wie sich Katholiken dazu getrieben fühlten, 1960 John F. Kennedy zu wählen und die Schwarzen dazu, 2008 für Obama zu votieren. Viele Frauen, besonders Republikanerinnen und weniger gebildete weiße Frauen, sagten, sie wollten eine Frau als Präsidentin, nur nicht gerade diese.



Das religiöse Wählervotum



Unterdessen votierten religiöse Konservative, besonders weiße Evangelikale, mehr für Trump (81 %) als im Jahr 2008 für Romney (78 %). Die meisten evangelikalen Anführer stellten sich bei den republikanischen Vorwahlen gegen Trump und unterstützten Kandidaten wie Senator Ted Cruz. Sie zweifelten die Ehrlichkeit seiner kürzlich vollzogenen Konversion zur „Pro-Life“-Bewegung an und waren entsetzt über seine Scheidungen und seine Casinos. Sie erkannten, dass Religion für Trump nicht wichtig war. Aber ihre Anhänger liebten Trump. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass die evangelikalen Anführer in den Jahren 2008 und 2012 auch nicht erfolgreicher waren. Sie erwiesen sich als Generäle ohne Truppen. Als Trump nominiert worden war, gingen viele dazu über, ihn zu unterstützen; Politik war wichtiger als Theologie.



Die Wahl hat sogar die meisten Evangelikalen dazu gebracht, ihre Sichtweise auf die Wichtigkeit persönlicher Moralität in der Politik zu ändern. Während der Präsidentschaft von Bill Clinton wurde sexuelle Unschicklichkeit von den Evangelikalen als Ausschlusskriterium eingestuft. Das hörte auf, als Donald Trump Kandidat war. Sie schenkten seinen Kritikern wenig Glauben und waren bereit, ihm sämtliche Indiskretionen zu verzeihen. Der Sieg von Trump war auch eine Niederlage für den politischen Strategen der Demokraten, der meinte, dass die Demokraten dadurch gewinnen könnten, dass sie ihre Basis durch den Gebrauch von Datenmobilisierung erweitern. Diese Strategie behauptet, dass, wenn man alle potenziellen Unterstützer (Schwarze, Lateinamerikaner, Frauen, LGBTQ-Menschen und andere Minderheiten) in eine Datenbank eingibt und diese Menschen regelmäßig kontaktiert, man diese dazu bringt, zur Wahl zu gehen. Das schien bei Obama in den Jahren 2008 und 2012 sehr gut zu funktionieren.



Clinton hatte eine enorm große Datenmobilisierungsmaschine, um das Votum in Schlüssel-Bundesstaaten zu bekommen. Trump hatte nichts Vergleichbares, aber er hat gewonnen. Das hat Mark Gray zu der Frage geführt, ob der Apparat oder der Kandidat die Ursache war, die die Wahl für Obama geholt hat. Der Apparat konnte nicht die Defizite von Clinton als Kandidatin aufwiegen. Trump hat keinen Apparat gebraucht. Seine Wähler kamen von sich aus.



II. Was bedeutet Trump als Sieger für die Zukunft der amerikanischen Politik?



Oberflächlich betrachtet sieht es nach einem republikanischen Wahlschwung aus, der es ihnen erlaubt, ihre Prioritäten gesetzlich zu verfügen. Aber der Wahlredner Trump war kein typischer Republikaner. Er trat gegen das republikanische Establishment an und vertrat Positionen bezüglich Handel, Wall Street, Infrastrukturausgaben und sozialer Sicherheit, die von den republikanischen Anführern abgelehnt werden. Die Themen „Homo-Ehe“ und Abtreibung waren keine zentralen Punkte seines Wahlkampfes. Viele republikanische Anführer lehnten ihn sogar noch nach seiner Nominierung ab; dennoch sind jetzt, da er gewonnen hat, die meisten übergelaufen.



Wird Trump als Präsident den Graben zwischen ihm und dem republikanischen Establishment überwinden und mit dem republikanischen Kongress zusammenarbeiten, um traditionelle republikanische Gesetze zu erlassen? Wahrscheinlich. Ohne Zweifel werden sie Steuersenkungen zustimmen - wie das aber mit ihrer Angst vor Defiziten harmonieren soll, bleibt abzuwarten. Ihr gemeinsamer Wunsch, Obamacare (Obamas Gesundheitssystem) abzuschaffen, wird der Beliebtheit einiger Eigenschaften davon entgegenstehen, beispielsweise dass von Versicherungsunternehmen gefordert wird, vorbestehende Krankheiten zu versichern. Wie sie diesen beliebten Bestandteil aufrechterhalten wollen bei gleichzeitiger Abschaffung der unbeliebten Forderung, dass jeder Versicherungen kaufen muss, bleibt abzuwarten.



Auf jeden Fall wird es schwierig für die Republikaner, da sie nun das Weiße Haus und beide Kongresshäuser kontrollieren, den Demokraten die Schuld an den Problemen des Landes in die Schuhe zu schieben. Die Demokraten werden sie für alles, was schiefläuft, verantwortlich machen. Trump hat das zusätzliche Problem, dass er den Anschein vermeiden muss, es gäbe einen Interessenskonflikt zwischen seinen ganzen in- und ausländischen Vermögensanlagen. Trump sieht sich mit dem gemeinsamen Problem aller Kandidaten konfrontiert: herauszufinden, wie er all seine unrealistischen Kampagnen-Versprechen einlösen kann. Er ist weniger ideologisch als der typisch republikanische Liberalist oder der religiöse Konservative. Er mag dazu fähig sein, Positionen zu wechseln oder Kompromisse bei Themen einzugehen, wo diese (die Liberalisten oder Konservativen) es nicht könnten. Er hat schon damit angefangen, von einigen seiner kontroverseren Versprechen Abstand zu nehmen, wie zum Beispiel Hillary Clinton ins Gefängnis zu bringen oder elf Millionen unregistrierte Immigranten abzuschieben.



Aber wenn Trump seine Versprechen nicht einlöst, wird er nur zu einem weiteren Politiker, der den Himmel versprochen und wenig geliefert hat. Wenn er bei seinen Unterstützern an Glaubwürdigkeit einbüßt, könnte er in vier Jahren sein Amt verlieren. Auf der anderen Seite hat jeder Trump unterschätzt, also schreibe man ihn nicht ab. Da ist auch die Frage, ob seine Unterstützer überhaupt erwarten, dass er alles tut, was er gesagt hat. Ein politischer Beobachter bemerkte, dass ihn seine Unterstützer ernst, aber nicht wörtlich genommen haben, während ihn seine Gegner wörtlich, aber nicht ernst genommen haben.



Wenn wir ihn beim Wort nehmen, werden unregistrierte Immigranten abgeschoben und Umweltregulierungen ausgeweidet, wird die globale Erwärmung ignoriert und von Muslimen der Beweis erwartet, dass sie keine Terroristen oder Terrorsympathisanten sind; werden NATO-Mitgliedsstaaten höhere Verteidigungskosten auffangen müssen und werden sich Handelsabkommen der Herausforderung stellen müssen, vorteilhafter für die Vereinigten Staaten zu werden. Die US-Geschäftsgemeinschaft ist in Panik, dass Trump das Land in einen Handelskrieg verstrickt, der die globale Wirtschaft zum Erliegen bringen könnte. Die amerikanische Wissenschaftsgemeinschaft hat Angst, dass er sämtliche Fakten ignoriert, die im Gegensatz zu seinen Meinungen stehen. Das amerikanische Sicherheitsestablishment befürchtet, dass er Alliierte vor den Kopf stößt und Putin um ihn herumscharwenzelt. Sie haben auch die Befürchtung, dass sich seine Anti-Muslim-Rhetorik in das IS-Narrativ einspeist, dass es einen Krieg gegen den Islam gibt.



Auf der anderen Seite gibt sich Trump stolz als Verhandlungspartner und Geschäftemacher. Könnten er und Putin einen weiteren Atomwaffenabbau aushandeln? Man erinnere sich, dass unter Ronald Reagan die Vereinigten Staaten und Russland zwei wichtige Waffenabbau-Verträge schlossen, den INF-Vertrag (1987) und START 1 (1991). Könnten sie die syrische Krise lösen? Könnten sie die Spannungen in Europa mildern?



Jedoch: Außer die Wirtschaft verbessert sich erheblich, werden die republikanischen Chancen, das Weiße Haus langfristig in Besitz zu nehmen, gering sein. Demographen weisen darauf hin, dass das Land vielfältiger wird und weniger „weiß“, nicht nur wegen der Immigration, sondern weil Minderheiten mehr Kinder bekommen als Weiße. Darüber hinaus denken junge Leute inklusionistischer als ihre Eltern. „Rote“ Staaten, wie Texas und Georgia, die jetzt noch republikanisch wählen, werden violett und letztendlich blau werden (Demokraten). Können die Republikaner diesen Verlust kompensieren, indem sie an der schrumpfenden Trump-Wählerschaft von weniger gebildeten Weißen festhalten? Können die Republikaner mehr Lateinamerikaner von den Demokraten wegziehen?



Obwohl die Demokraten-Zukunft für das Weiße Haus rosiger aussieht, ist sie für das Repräsentantenhaus noch düster. Das Problem liegt darin, dass die meisten Demokraten an den beiden Küsten und in den Stadtgebieten ansässig sind, wo ihre Wählerstimmen vergeudet sind. Unterdessen regiert in großen Abschnitten des Landes noch immer das ländliche Votum. Amerika wird auf hohen Parteigenossenlinien geteilt bleiben. Der Stillstand in Washington könnte weitergehen, wenn die Demokraten das Weiße Haus zurückerobern.



Katholisches Wählerverhalten



Es wird interessant sein, die Rolle der US-Bischöfe in den kommenden Jahren zu beobachten. Die Katholische Kirche ist eine der wenigen nationalen Institutionen mit einer annähernd gleichen Anzahl von Republikanern und Demokraten. Zu ihr gehören auch Lateinamerikaner, Weiße und Schwarze ebenso wie Mitglieder jeder Gehalts- und Bildungsschicht. Sie ist deswegen gut dafür geeignet, bei der Versöhnung zu helfen und die Spaltungen der Nation zu überwinden. Als er die Vereinigten Staaten besuchte, ermutigte Papst Franziskus die Bischöfe dazu, in den Dialog mit der Gesellschaft zu treten und dabei schroffe und spaltende Rede zu vermeiden. Viele Demokraten glauben aber, dass die Bischöfe in den letzten Jahren zu den Republikanern hin umgeschwenkt sind.



Amerikanische katholische Bischöfe befürworten traditionellerweise keine Kandidaten oder politische Parteien, jedoch haben einige indirekt ihre Unterstützung für die Republikaner signalisiert wegen ihrer Ablehnung von Abtreibung und „Homo-Ehe“. Trump wäre nicht in höherem Maß ihr bevorzugter Kandidat gewesen als er der bevorzugte Kandidat evangelikaler Anführer gewesen wäre. Sie misstrauten seiner kürzlich vollzogenen Konversion weg von der Einstellung „Pro-Choice“ (Gegenbewegung zu „Pro-Life“, die Abtreibung ablehnt; „Pro-Choice“ ist eine soziale Bewegung, die sich für die reproduktiven Selbstbestimmungsrechte von Frauen einsetzt). Und sie waren entsetzt von seiner Anti-Immigrations-Rhetorik. Die Bischöfe erkennen, dass die Zukunft des US-Katholizismus bei den Lateinamerikanern liegt, da 54 Prozent der „Millennials“-Katholiken (diejenigen, die 1982 oder später geboren wurden) Lateinamerikaner sind.



Doch sobald Trump nominiert war, brachte die Antipathie gegen Clintons Positionen zu Abtreibung und den Rechten Homosexueller einige Bischöfe dazu, Stellungnahmen abzugeben, dass es für einen katholischen Gläubigen falsch sei, jemanden zu wählen, der „Pro-Choice“ ist. Sie zitierten den Paragrafen 34 ihres Dokuments „Forming Consciences for Faithful Citizenship“ (Gewissensbildung für gläubige Bürgerschaft), in dem es heißt: „Ein Katholik kann keinen Kandidaten wählen, der eine politische Linie befürwortet, die eine in sich schlechte Handlung fördert, wie beispielsweise Abtreibung, Euthanasie, assistierter Suizid, vorsätzliches Unterjochen von Arbeitern oder Armen in unmenschliche Lebensbedingungen, eine Umdefinition der Ehe auf eine Art und Weise, die ihre wesentliche Bedeutung verletzt, oder rassistisches Verhalten, falls es die Absicht des Wählers ist, diese Position zu unterstützen.“



Sie leugneten, dass solche Stellungnahmen Trump unterstützen sollten, aber sehr oft ließen sie den Paragrafen 35 weg, in dem steht: „Zu bestimmten Zeiten mag sich ein Katholik, der die inakzeptable Auffassung eines Kandidaten zurückweist, selbst zu Positionen, die eine in sich schlechte Handlung fördern, vernünftigerweise entscheiden, diesen Kandidaten aus anderen moralisch schwerwiegenden Gründen zu wählen.“



Offensichtlich dachten diese Bischöfe nicht, dass es andere moralisch schwerwiegende Gründe gab, die Clintons Unterstützung der Abtreibung aufgewogen hätten. Knapp über die Hälfte (52 %) der Katholiken stimmten für Trump, laut der Medienumfrage beim Verlassen der Wahllokale. Beim Jahrestreffen der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten (USCCB) in Baltimore nach der Wahl, schienen die Bischöfe genauso überrascht vom und unvorbereitet auf den Sieg von Trump zu sein wie andere Amerikaner. Kardinal Daniel DiNardo aus Galveston-Houston, der neugewählte Präsident der US-Bischofskonferenz, meinte, die Bischöfe wären froh über juristische Bestimmungen der Trump-Präsidentschaft. Die Bischöfe dachten, die Republikaner seien empfänglicher für ihren Widerstand gegen Regierungsprogramme, die katholische Institutionen dazu zwingen, gegen ihr Gewissen zu handeln, besonders auf dem Gebiet der Bioethik.



Doch die Bischöfe erstellten auch einen Brief mit dem Aufruf an den neuen Vorsitzenden, „damit fortzufahren, die angeborene Würde von Flüchtlingen und Migranten zu schützen“. Die Bischöfe wählten auch Erzbischof José Gomez aus Los Angeles, einen mexikanischen Immigranten, zum Vizepräsidenten der Bischofskonferenz. Ohne Zweifel wird er in drei Jahren zum Präsidenten der Konferenz gewählt. Da die beiden Vorsitzenden der Bischofskonferenz aus Kalifornien und Texas kommen, die beiden Staaten mit den meisten Immigranten, wird das Thema Immigration bei den US-Bischöfen nicht in den Hintergrund treten.



Weltweite Reaktionen



Die internationale Reaktion auf einen Präsidenten Trump ist gemischt. Europäische Oberhäupter machen sich Sorgen wegen seiner Kritik an der NATO und an den Handelsabkommen. Sie befürchten auch, dass sein Sieg rechte Anti-Einwanderungs-Parteien in Europa mobilisiert. Asiatische Länder machen sich Sorgen wegen seiner Zurückweisung des „Trans-Pacific Partnership Agreement“ (Transpazifisches Partnerschaftsabkommen), das einen freieren Handel zwischen ihren Ländern und den Vereinigten Staaten fördert. China preist sich selbst nun als Weltführer im freien Handel an.



Unterdessen begrüßt Russland diese Wahl ebenso wie viele Menschenrechtsverletzer in Afrika und Asien. Es herrscht das Gefühl vor, dass eine Trump-Präsidentschaft weniger kritisch mit Regierungen umgeht, solange sie dabei helfen, den Terrorismus zu bekämpfen, und solange sie gute Handelspartner sind. Demokratie und Menschenrechte zu fördern hätte unter einer Präsidentin Clinton eine höhere Priorität gehabt als unter Präsident Trump.



Es bleibt abzuwarten, wie die Trump-Präsidentschaft aussehen wird. Während sich der Übergang vollzieht und es mehr und mehr Ernennungen in Bezug auf Schlüsselpositionen in der Regierung gibt, wird es sich beginnen zu klären. Trump mag sich ruhig auf Botschaften und das große Ganze konzentrieren, während seine Ernannten mit den Regierungsmechanismen beschäftigt sind. Viele im republikanischen Establishment glauben, dass sie Trump kontrollieren können. Er ist sicherlich vom Establishment abhängig, wenn es um die Besetzung der Administration geht. Aber niemand hat jemals dadurch gewonnen, dass er Donald Trump unterschätzt hat.



(Aus dem Amerikanischen übersetzt von Astrid Schilling.)


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