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Wolfgang Frühwald

Der Traum von einer besseren Welt.

Zum 75. Todestag des Dramatikers Ernst Toller

Im Münchner Stadtteil Schwabing steht im Park der Katholischen Akademie das kleine Schloss Suresnes. In den Jahren 1716/18 - nach dem Vorbild des Château de Suresnes bei Paris - erbaut für Franz Xaver Ignaz von Wilhelm, den vertrauten Kabinettsekretär des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, spiegeln sich in seiner wechselvollen Nutzung 300 Jahre der Stadtgeschichte Münchens. Auch wenn sich die Feuerwand des Zweiten Weltkrieges, die uns von dieser Geschichte trennt, nur mühsam durchdringen lässt, so öffnen doch auch kurze Episoden den Blick in eine Zeit, deren Andenken die Nationalsozialisten aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen suchten.


Ein Schauplatz in München


Das Schlösschen an der Werneckstraße blieb bis 1756 im Besitz der zuletzt hoch verschuldeten Familie Wilhelm und wechselte dann achtundzwanzigmal den Besitzer, ehe es im Jahr 1937 vom Korbiniansverein der Erzdiözese München und Freising erworben und nach Bombenschaden und Wiederaufbau 1969 der Katholischen Akademie zur Nutzung überlassen wurde. Diese ließ Schloss und Garten renovieren und hat in einem der schönsten Räume des Hauses die Privatbibliothek Romano Guardinis aufgestellt.


Die in dem kleinen Schloss und dem umgebenden Park spielende Episode der Verhaftung des damals (1919) 26 Jahre alten Studenten Ernst Toller umfasst nur wenige Wochen im Mai und im Juni dieses Jahres und blieb doch in der Erinnerung aller Beteiligten so fest verankert, dass sie ihren Kindern und Enkeln davon erzählten. Schloss Suresnes galt in München seit der Wende zum 20. Jahrhundert als ein charakteristisches Schwabinger Künstlerhaus - ein "richtiges Spuk- und Kubinhaus" hat es der in der Nachbarschaft wohnende Maler und Schriftsteller Richard Seewald genannt. In den in Atelierwohnungen unterteilten Räumen arbeiteten Musiker wie Christian Lahusen, der Kapellmeister und Komponist an den Münchner Kammerspielen war, der Komponist Harburger und im ersten Stock der Maler Hans Reichel, neben dessen Wohnung Paul Klee einen Atelierraum gemietet hatte.


München war damals kein sicherer Platz. "Die Stadt", meinte der Augenzeuge Oskar Maria Graf 1927, habe "ein bösartiges Gesicht." Paul Klee floh aus dem von "weißen" Truppen Anfang Mai eroberten München am 11. Juni 1919 in die Schweiz, der Dichter Rainer Maria Rilke hat München fluchtartig am gleichen Tag verlassen und ist nie mehr dorthin zurückgekehrt. Noch waren die blutigen Kämpfe zwischen den Anhängern der Räterepublik und den von der bayerischen Landtagsregierung zu Hilfe gerufenen Truppen in schreckhafter Erinnerung. Rund 1000 Tote wurden in München nach den Straßen- und Häuserkämpfen zwischen dem 1. und 3. Mai gezählt. Wie viele Menschen den wilden Erschießungsaktionen zum Opfer fielen, wird nie mehr ganz zu klären sein. Seit dem tödlichen Attentat auf Kurt Eisner, den Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern, am 21. Februar 1919, war der politische Mord auch in Bayern eingezogen. Als am 30. April im Luitpoldgymnasium, zur Vergeltung für die Erschießung "roter" Sanitäter, zehn Geiseln erschossen wurden, brachen einzelne Einheiten der Belagerungstruppen am 1. Mai aus dem um München geschlossenen Ring aus und begannen mit den Straßenkämpfen. Der böse und sinnlose Gefangenenmord - so urteilt der Revolutionshistoriker Allan Mitchell - verwandelte "den Bürgerkrieg in ein wahres Gemetzel".


Eine geschichtliche Episode …


Von den verantwortlichen Führern der bayerischen Revolution 1918/19, zu denen Ernst Toller ohne Zweifel gehörte, entkamen nur wenige der Verfolgung, der Lynchjustiz, den Zuchthaus- und Festungsstrafen. Die Zahl der in München wegen Hochverrats verhafteten Personen soll Ende Mai 1919 annähernd 1500 betragen haben, einen Monat später, am 24. Juni, wurden noch immer 17 Personen wegen des gleichen Vergehens gesucht. Albert Schwarz hat ausgerechnet, dass sich die von Stand- und Volksgerichten in Bayern seit dem Ende der Kämpfe im Mai 1919 verhängten Freiheitsstrafen (Zuchthaus, Gefängnis, Festungshaft) "auf insgesamt 6000 Jahre [beliefen], von denen drei Viertel verbüßt wurden". Der Kampf zwischen den Anhängern einer Räterepublik (gleichgültig ob nach anarchistischem oder sowjetischem Muster) wurde im Bürgerkrieg blutig entschieden.


Aber noch am 1. Mai 1919 hoffte Lenin, der zwischen 1900 und 1902 unter verschiedenen Decknamen in Schwabing gelebt hatte, auf einen europäischen Rätebund, der von München über Österreich und Ungarn bis zum Moskauer Kreml reichen sollte "Hass und Ekel" notierte Thomas Mann am 30. April als seine Reaktion auf die Zustände in München in sein Tagebuch; und am 1. Mai:


"Die Münchener kommunistische Episode ist vorüber; es wird wenig Lust vorhanden sein, sie zu erneuern. Eines Gefühls der Befreiung und Erheiterung entschlage auch ich mich nicht."


Am 7. Mai aber unterzeichnete er, zusammen mit einer großen Zahl von Münchner Künstlern und Intellektuellen, einen öffentlich "warnenden Aufruf gegen Übermut und gefährliche Gewalttätigkeit", denn der Bürgerkrieg erneuerte sich am 2. und 3. Mai heftig, blutig und grausam. Gustav Landauer, von den anarchistischen Friedensdenkern der friedlichste, wurde im Hof des Gefängnisses Stadelheim am 2. Mai von Freikorpssoldaten erschlagen; am gleichen Tag wurden 53 bei Pasing festgenommene, russische Kriegsgefangene, die keine Möglichkeit hatten, in ihre Heimat zu kommen und bei der Roten Armee in Bayern gedient hatten, umstandslos von einem Standgericht zum Tode verurteilt und in einer Sandgrube bei Gräfelfing erschossen; Rudolf Egelhofer, der Kommandant der Roten Armee, wurde am 3. Mai ohne Gerichtsurteil erschossen; am 6. Mai wurden 21 Mitglieder des Gesellenvereins St. Joseph in München, die sich zu einer Theaterprobe getroffen hatten, als Spartakisten denunziert und von einer aufgebrachten Soldatenmeute niedergemetzelt. Nach Eugen Leviné, dem Anführer der in der zweiten Aprilhälfte nur wenige Tage überdauernden Kommunistischen Räterepublik, wurde Anfang Mai intensiv gefahndet. Er wurde am 13. Mai 1919 verraten und festgenommen.


An eben diesem 13. Mai wurde auch der Steckbrief gegen Ernst Toller ausgestellt, in dem eine Belohnung von 10 000 Mark für seine "Ergreifung und für Mitteilungen, die zu seiner Ergreifung führen", ausgesetzt wurde. Der Prozess gegen Leviné vor dem standrechtlichen Gericht München endete am 3. Juni mit einem Schuldspruch. Er wurde "einstimmig eines Verbrechens des Hochverrats gem. § 81 Ziff. 2 StGB schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt". Sein politisches Handeln, heißt es in der Urteilsbegründung, sei "ehrloser Gesinnung entsprungen". Am 4. Juni abends bestätigte der bayerische Ministerrat, im Widerspruch zu einer unter anderem von Albert Einstein, dem Publizisten Hellmut von Gerlach, von Hugo Haase, Maximilian Harden und Karl Kautsky unterstützten Petition, das Todesurteil. Leviné wurde am 5. Juni in Stadelheim erschossen. Toller hat intern und öffentlich nie gezögert, dieses Urteil und seinen Vollzug als "Justizmord" anzuklagen.


Nach Levinés Hinrichtung war Toller - Anfang April sieben kurze Tage lang Erster Vorsitzender des Zentralrats der bayerischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, also im revolutionären Südbayern die höchste politische Instanz und später Abschnittskommandeur der Roten Armee bei Dachau - der prominenteste Gefangene im Gefängnis Stadelheim. Die bürgerliche Öffentlichkeit in ganz Deutschland erwartete, dass auch gegen ihn ein Todesurteil ausgesprochen würde. Der Fahndungsdruck auf den in München versteckten Toller, den Repräsentanten des Rätegedankens, hatte im Laufe des Mai enorm zugenommen. Beleg dafür ist unter anderem ein von Peter de Mendelssohn festgestellter Schreibfehler in Thomas Manns Tagebucheintrag (vom 3. Juni 1919), in dem dieser ein Leumundszeugnis für den mit ihm befreundeten Studenten Trummler mit einem Zeugnis für Toller verwechselte: "Ich stellte dem jungen Toller [recte: Trummler] brieflich ein Zeugnis aus, das ihn vor weiteren Verhaftungen schützen soll." Toller aber war an diesem 3. Mai noch nicht verhaftet, und erst am 4. Juli hat Thomas Mann dann über dessen Erstlingsdrama "Die Wandlung" (1919) ein Gutachten geschrieben, das die Verteidigung in Tollers Hochverratsprozess verlesen hat: "Dies ist eine Art Gebet, dieser Dichter ist auf seine Art fromm."

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