Keller, Albert: Grundkurs des christlichen Glaubens.

Alte Lehren neu betrachtet. Hg. v. Andreas R. Batlogg u. Nikolaus Klein.

Freiburg: Herder 2011. 518 S. Gb. 29,95.


Hier läßt sich frei atmen! Gegenüber einer allgegenwärtig-unkritischen Gläubigkeit möchte Albert Keller SJ so wenig glauben wie möglich. Wer "glaubt, er glaube nichts, der kann gewiss das, was er glaubt, nicht kritisch prüfen" (43). Kellers Grundkurs zeichnet das Christentum als Gegenteil jeder Verabsolutierung von Weltlichem, wie sie im Fanatismus oder im Tabu des Sakralen vorliegt. Auch die Kirche, besonders ihr Umgang mit Macht und Gehorsam, muß sich der Kritik durch Vernunft und Bibel stellen. Seinen christlichen Standpunkt will Keller philosophisch begründen, ohne die Bibel als wahr vorauszusetzen. Indes hält er diesen Anspruch nicht durch, etwa in der Trinitätstheologie.


Kellers selbstbewußte Analyse zeigt die denkerischen Alternativen zum Christentum als widersprüchlich und wenig verantwortlich. Das gelingt ihm brillant. Umfassende Skepsis "läßt sich allerdings nicht vertreten, denn wer sie vertritt, dem ist sie nicht gleichgültig" (108). Und auch Atheisten müssen angeben, was sie unter Gott verstehen! Da die Verabsolutierung innerweltlicher Gegebenheiten unverantwortbar ist, bleibt nur, sich auf ein transzendentes Absolutes einzustellen. "Es geht also dabei nicht darum, die 'Existenz Gottes' zu beweisen, sondern zu begreifen, dass ohne Gottesbezug kein menschliches Leben gelingt" (114).


Die eigenständige und schlüssige Ethik Kellers baut darauf, daß die Freiheit sich in der verantwortlichen Entscheidung immer auch selbst bejaht: "Handle so, daß du in allem die größtmögliche Freiheit auf Dauer anzielst!" (217). Ethik soll sich vor allem um dieses große Ziel kümmern, weniger um das Tun und Lassen im einzelnen. Der Mensch hat ja nicht nur Neigungen, sondern besitzt selbst eine Ausrichtung, aus der sich sein letztes Ziel ablesen und alles ethische Sollen begründen läßt (vgl. 217 ff.). Keller denkt von der individuellen Freiheit her, in diesem Sinn liberal und tastet von hier aus nach der Erfüllung in der Liebe (vgl. 323 f.).


Das Verwurzeltsein der Person in zwischenmenschlichen Beziehungen bleibt im Schatten. Die Begründung des anderen als notwendigem Objekt der Freiheit (vgl. 227 ff.) ist plausibel, allerdings nachträglich gegenüber dem Umstand, daß der Mensch sich immer schon von Beziehungen getragen findet. Und erwächst der Hingabeglaube, wird ihm nichts in den Weg gelegt, von allein (vgl. 51) - oder doch nur in nahen Beziehungen? Relationale und personale Kategorien wie Unbegreiflichkeit oder Geheimnis treten weit zurück. Keller versteht Offenbarung als Information (vgl. 66, 495) und vermeidet die Kategorien "Nähe" oder "Selbstmitteilung" (vgl. 251 ff.). Beispiele wählt er eher aus der Technik, etwa dem Bau einer Brücke. Die Erfahrung des Heiligen Geistes spielt kaum eine Rolle, auch nicht, wo der Mensch als Partner Gottes eine Neuschöpfung erfährt (vgl. 263, 280).


Keller fragt: Wie verhält es sich? Er fragt nicht: Wie lebst Du, oder, worauf können wir uns verständigen? Wahrheit fragt nicht nach dem anderen und mir, sondern nach einem Etwas, das in worthafter Objektivität klar begriffen werden kann. Keller setzt eine objektive Wahrheit voraus, die durch Begriffe überzeugen, nicht durch Erfahrung oder Mystagogie gewinnen will. Er spricht von einem festen Standpunkt aus, den er durch abstrahierende Reflexion, nicht durch Dialog gewinnt. Zum Beispiel soll die Kirche auf die Sprache der Zeit hören - aber inhaltlich hat sie dabei nichts zu lernen (vgl. 70). Hier steht die Sprache zur Debatte, nicht aber der existentielle Standpunkt hinter ihr. Das ist weniger als die katholische Lehre von den "Zeichen der Zeit". Keller sieht entsprechend in der Geschichte Israels nur immer neue Verfehlung und Strafe, aber nicht die Erziehung, in der Israel reift (vgl. 121).


Langweilig kann Albert Keller nicht schreiben! Bequem auch nicht: Er läßt dem Leser keine Ruhe, bis er seine Positionen wirklich durchdacht hat. Wer Lust an denkerischer Auseinandersetzung mitbringt, liest Kellers klugen und analytisch starken "Grundkurs" mit Freude und Gewinn.

Thomas Philipp


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