Andreas Wittrahm

Gut behütet, funktional versorgt oder einfach vernachlässigt?

Altenpflege zwischen pastoralem Anspruch und kollektiver Überforderung

"Es gibt realistisch für die Zukunft der Altenpflege nur drei Möglichkeiten: Entweder wir importieren massenhaft Pflegekräfte, oder wir exportieren die Alten dorthin, wo man sich um sie kümmern kann, oder wir überlassen sie (und ihre Angehörigen) auf Dauer sich selbst" - so schätzt ein Verantwortlicher eines Wohlfahrtsverbandes die Perspektiven für die Existenzsicherung pflegebedürftiger alter Menschen in unserem Lande ein.


Selbst wenn es sich hier um eine bewußte Provokation handelt - der Sozialstaat Bundesrepublik Deutschland steuert hinsichtlich der Versorgung der alten Mitbürgerinnen und Mitbürger aufgrund der demographischen und sozialen Veränderungen auf eine Krise (im wörtlichen Sinn: auf einen Wendepunkt) zu. Denn die Lösung dieser Aufgabe erfordert die Anstrengungen aller professionellen und zivilgesellschaftlichen Kräfte, verlangt zugleich aber eine Besinnung, was die Würde des Lebens im Alter ausmacht und was die Bewahrung dieser Würde jedem einzelnen und dem Gemeinwesen insgesamt wert ist (und kosten darf). Gefordert ist darüber hinaus nicht nur ein hoher Einsatz materieller und personeller Ressourcen - in Konkurrenz zur Sicherung anderer gesellschaftlicher Werte und Ziele -, sondern vor allem auch die Bereitschaft zur gemeinsamen Erarbeitung neuer Lösungen jenseits der eingangs genannten Alternativen. So steht unsere Gesellschaft vor einer Nagelprobe auf ihre humanen Grundwerte und ihre wohlfahrtsstaatliche Erneuerungsfähigkeit, denn mit einem "Mehr des Gleichen", da ist dem zitierten Experten recht zu geben, wird es nicht gehen.


Auf diesem Hintergrund sollen im folgenden (1) die quantitativen und qualitativen Ansprüche detaillierter beschrieben werden. Sodann gilt es, (2) die aktuellen und sich künftig abzeichnenden Lösungsmöglichkeiten darzustellen und (3) sie zu bewerten, um am Ende abzuschätzen, (4) welchen Beitrag die christliche Diakonie, ob in gemeindlicher oder verbandlicher Verfaßtheit, dazu beizutragen vermag.


Die Kehrseite des langen Lebens: Angewiesenheit auf Achtsamkeit, Unterstützung und Pflege im hohen Alter


In vielen Regionen der Welt, besonders in den mittel-, nord- und westeuropäischen Ländern, entwickeln sich aufgrund komplexer Folgen der Modernisierung "Gesellschaften des langen Lebens". Hier setzt sich die kontinuierliche Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung immer noch ungebrochen fort1.


Um die Konsequenzen dieser Veränderung für das Leben im Alter abzuschätzen, ist allerdings weniger die durchschnittliche Lebenserwartung insgesamt als vielmehr die fernere Lebenserwartung ab 60 Jahren genauer zu betrachten: Sie betrug 2009 in Deutschland für Frauen 24,8 Jahre und für Männer 21 Jahre. Bleibt die Entwicklung stabil, werden 60jährige Frauen in knapp zehn Jahren noch 26 Jahre und im Jahr 2040 sogar 28 weitere Jahre zu leben haben; 60jährige Männer haben 2020 im Durchschnitt noch gut 22 Jahre und 2040 24,5 Jahre vor sich2. Das sind zunächst erfreuliche Entwicklungen, weil mit diesem enormen Anstieg der Lebenserwartung voraussichtlich auch Verbesserungen des Gesundheitszustandes - subjektiv wie objektiv - einhergehen und auch für die Zukunft erwartet werden3.


Alter, sogar Hochaltrigkeit (also ein Alter jenseits der 80) ist weder hinreichende noch notwendige Voraussetzung für chronische Erkrankungen, ob des Körpers oder des Geistes. Anderseits wirken sich mit zunehmenden Lebensjahren die Belastungen des bisherigen Lebenslaufs vermehrt dysfunktional aus. Die Fehler in der Zellteilung nehmen zu und können vom Organismus immer schwerer kompensiert werden. Die Wahrscheinlichkeit, ernst- und dauerhaft zu erkranken und auf Hilfe angewiesen zu sein, steigt also im Alter, wenn auch nicht wegen des Alters: Von den älter als 80jährigen ist jeder Dritte spürbar erkrankt. 2009 waren allerdings nicht mehr als etwa 1,15 Millionen Frauen und Männer der damals gut vier Millionen Angehörigen dieser Altersgruppen als pflegebedürftig gemäß den Regeln der Sozialen Pflegeversicherung (SGB XI) eingestuft - das entspricht gerade einmal 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung.


Ob die steigende Lebenserwartung zu einer Erhöhung der Krankheits- und Pflegebedürftigkeitsquote unter den immer älteren Frauen und Männern führt, ist keineswegs ausgemacht. Entsprechenden Prognosen aus Biologie und Medizin steht die ebenfalls gut begründete "Kompressionshypothese" gegenüber, die davon ausgeht, daß sich parallel zu der steigenden Lebenserwartung auch die Gesundheit im Alter verbessert und der höchste Einsatz an medizinischen und pflegerischen Ressourcen immer im letzten Lebensjahr anfällt, wann auch immer Menschen dieses letzte Jahr erleben4.


Der Problemdruck entsteht an anderer Stelle: Aufgrund der demographischen Entwicklung der Nachkriegszeit sind in den Jahren zwischen 1950 und 1970 in Deutschland besonders viele Menschen geboren worden, die von Dezimierungen durch Kriege verschont blieben und in den Genuß der immer besseren Lebensbedingungen kamen. Wenn sie ab 2030 ins hohe Alter aufrücken, werden sie den Anteil der Pflegebedürftigen allein aufgrund ihrer hohen Ausgangszahl voraussichtlich mehr als verdoppeln auf dann etwa 2,5 Millionen pflegebedürftige Menschen im höheren und hohen Alter - bei einer auf circa 75 Millionen insgesamt gesunkenen Bevölkerung.


Auch wenn die einfache - und recht zuverlässige - zahlenmäßige Gegenüberstellung von Pflegebedürftigen und gesamter Bevölkerung den Handlungsbedarf schon eindrucksvoll dokumentiert, gilt es doch, spezielle strukturelle Herausforderungen noch genauer zu beschreiben.


Strukturelle Veränderungen und Herausforderungen


Da ist zunächst der Wandel der Familienstrukturen in den Blick zu nehmen: Durch die zunehmende Auflösung der Familien in der zweiten Lebenshälfte sowie die drastische Abnahme der Kinderzahl und schließlich die erhöhte Mobilität sowie die Konkurrenz zwischen Familien- und außerhäuslicher Berufstätigkeit reduziert sich die Verfügbarkeit der Familienangehörigen als dem "größten Pflegedienst" massiv. Die künftige Versorgung der Alten kann deutlich weniger auf die selbstverständliche Familientätigkeit zählen als noch in der Gegenwart und bedarf eines erheblichen Ausbaus zumindest der familienergänzenden, aber auch -ersetzenden Dienste5.


Weiter zeichnet sich bereits gegenwärtig eine starke Stadt-Land-Differenzierung ab: Gerade in dünner besiedelten ländlichen Regionen verbleiben alte Frauen und Männer nicht nur wegen ihrer biographischen und sozialen Bindungen, sondern auch, weil häufig ihr Vermögen in selbstgenutztem Wohneigentum gebunden ist. Ein Aufgeben dieses Eigentums kommt also aus emotionalen wie aus wirtschaftlichen Gründen nicht infrage, zugleich steht kaum eine Infrastruktur für haushaltsnahe Dienstleistungen, Pflege und medizinische Versorgung zur Verfügung. Noch findet sich zwar eine deutlich höhere informelle Unterstützung durch Angehörige und Nachbarn als in der Stadt, doch die fortschreitende Landflucht insbesondere in den nördlichen und östlichen Regionen, aber auch etwa in der Eifel oder im Südschwarzwald wird diese Kapazitäten in mittlerer Zukunft massiv reduzieren.


Schließlich ist die erste Alterskohorte der Arbeitsmigranten aus dem Süden und Osten im Alter der erhöhten Unterstützungs- und Pflegebedürftigkeit angekommen. In dieser Gruppe vollziehen sich, wenn auch etwas abgemildert und verzögert, ähnliche familiäre Differenzierungsprozesse wie in der deutschen Bevölkerung. Hinzu kommt aber, daß diese alten Frauen und Männer aufgrund ihrer überdurchschnittlich belastenden Berufstätigkeit mit erhöhten Gesundheitseinschränkungen zu tun haben und wegen ihrer häufig geringen deutschen Sprachkenntnisse, die zudem mit dem hohen Alter verblassen, auf muttersprachliche Betreuung angewiesen sind.

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