Original-Beitrag als PDF bestellen

Thomas Fornet-Ponse

Für eine arme Kirche!

Der Katakombenpakt von 1965 als Beispiel der Entweltlichung

Seitdem Papst Benedikt XVI. in seiner Rede am 25. September 2011 im Konzerthaus in Freiburg im Breisgau bei der "Begegnung mit engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft" für die "wahre Entweltlichung" der Kirche plädiert hat, wird darüber diskutiert, was genau unter "Entweltlichung" zu verstehen ist1. Denn während die Forderung nach Entweltlichung vielfach als berechtigt angesehen wird, werden doch ganz unterschiedliche Konsequenzen daraus gezogen. So wurden einerseits die Aufgabe des deutschen Kirchensteuerwesens und/oder die Abschaffung der Staatsleistungen gefordert sowie, damit verbunden, die zahlreichen Institutionen der katholischen Kirche in Deutschland und anderswo in Frage gestellt. Auf der anderen Seite unterstützt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, das Anliegen der Entweltlichung, sieht aber keine Aufforderung zu einer "grundstürzend neue(n) Verfassung" und entsprechend auch nicht zur Abschaffung der Kirchensteuer, zumal diese kein Privileg, sondern "die institutionelle Ausgestaltung der Religionsfreiheit"2 sei.


Auch von evangelischer Seite wurde das Stichwort mit Zustimmung aufgenommen und mit nochmals anderen Folgerungen verbunden:


"Eine Kirche, die sich der Welt chamäleonartig anpaßt, verliert ihre Freiheit und Unabhängigkeit und kann nicht Salz der Erde und Licht der Welt sein."3


Die Entweltlichung sei weiterzudenken und betreffe auch die hierarchisch-sakramentale Verfassung der Kirche, die aus evangelischer Sicht nicht konstitutiv für das Kirche-Sein sei. Hier soll es aber weder darum gehen, einen weiteren Beitrag zur Debatte um das deutsche Kirchensteuerwesen oder andere strukturelle Fragen zu leisten. Noch können die ganz unterschiedlichen Facetten der Entweltlichung - vom damit verbundenen Kirchenbild über die konkrete Ausgestaltung des Weltauftrags der Kirche (vor allem auf der Basis von "Gaudium et spes") bis hin zum Verhältnis von Staat und Kirche oder der Angemessenheit des Begriffs selbst - betrachtet werden.


Vielmehr soll ein Aspekt herausgegriffen werden, indem gezeigt wird, welche Konsequenzen die Entweltlichung der Kirche für ihr Verhältnis zum Reichtum hat. Als bedeutendes und richtungweisendes Beispiel einer solchen Entweltlichung wird der von etwa 40 Bischöfen am 16. November 1965 geschlossene Katakombenpakt vorgestellt.


Die Entweltlichung der Kirche und ihre Konsequenzen


Wenngleich Benedikt XVI. keine konkreten Vorschläge nennt, mit denen seine Forderung der Entweltlichung der Kirche umgesetzt werden könnte, lassen sich seiner Rede und früheren Schriften einige Perspektiven entnehmen. Dies zeigt sich schon an seiner Diagnose, es gebe neben dem fortwährenden Dienst an der vom Herrn empfangenen Sendung auch die Tendenz, "daß die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht"4. In diesem Fall trete die Berufung zur Offenheit auf Gott hinter ihre Organisation und Institutionalisierung zurück.


Entweltlichung in diesem Sinne bedeutet also zunächst einmal die Offenheit der Kirche auf Gott und die Freiheit der Kirche von weltlichen Maßstäben und Verhaltensweisen. "Welt" ist hier - wie bei den frühen Überlegungen Joseph Ratzingers vor und während des Zweiten Vatikanums5 - im Sinne entsprechender neutestamentlicher Aussagen zu verstehen. Neben der zentralen Stelle Joh 17,16 ist dies insbesondere die Mahnung des Paulus aus dem Römerbrief an die Christen, sich nicht der Welt anzugleichen, sondern sich zu wandeln und ihr Denken zu erneuern, um den Willen Gottes zu erkennen: "Die erstrebte Unterscheidung im Geist erstreckt sich vornehmlich auf die Abhebung falscher von richtiger Sorge in der Welt (vgl. Lk 12, 22-32; Mt 6, 25-33)."6 Dem Glaubenden soll es zunächst und zumeist darum gehen, das Reich Gottes in allen Dingen zu suchen und zu finden sowie des eschatologischen Vorbehalts und der eschatologischen Ausrichtung des christlichen Glaubens eingedenk zu sein. Dann können sie tatsächlich "Salz der Erde" und "Licht der Welt" sein. Sie sollen sich nicht aus der Welt zurückziehen, sondern in ihr aus der Offenheit auf Gott leben und wirken: "Was es heißt, Kirche in der Welt zu sein, hat der Papst in der Freiburger Rede allerdings kaum entfaltet."7


Der Papst beschränkt sich aber nicht darauf, von der Offenheit der Kirche auf Gott zu sprechen, sondern nimmt im Rekurs auf die Säkularisierungen explizit auch den Reichtum der Kirche in den Blick (gemeint ist unter anderem die Säkularisation von 1803). Die materiellen Bindungen der Kirche sind ein zentrales Element der Verweltlichung nach Benedikt XVI. - und korrespondierend dazu die weltliche Armut als Ausdruck der Entweltlichung. Sein Vergleich mit dem Stamm Levi, der ohne eigenes Erbland blieb, kann als Hinweis darauf verstanden werden, wie radikal diese weltliche Armut zu verstehen ist. Die Entweltlichung als Lösung von materiellen Bindungen hat nach Benedikt XVI. in zahlreichen geschichtlichen Beispielen das missionarische Zeugnis der Kirche klarer werden lassen:


"Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben."8


Dies sei möglich, weil die missionarische Sendung der Kirche, die Menschen zu Gott und damit zu sich selbst zu führen, in einer entweltlichten Kirche nicht mit dem Bemühen einer Institution verwechselt werden könne, Unterstützung für ihre eigenen Machtansprüche zu erhalten. Ähnlich, aber anders akzentuiert, hatte Joseph Ratzinger in einem ursprünglich 1958/59 erschienenen Beitrag geschrieben, es sei verständlich, heute danach zu fragen, ob die Kirche angesichts einer neuzeitlichen Kirche, die aus Heiden bestehe, die sich zwar noch Christen nennten, aber eigentlich Heiden geworden seien, nicht wieder eine Überzeugungsgemeinschaft werden solle:


"Das würde bedeuten, daß man auf die noch vorhandenen weltlichen Positionen rigoros verzichtet, um einen Scheinbesitz abzubauen, der sich mehr und mehr als gefährlich erweist, weil er der Wahrheit im Wege steht."9


Auch wenn die Kirche damit wertvolle Vorteile verlöre, die sie aus ihrer heutigen Verflechtung mit der Öffentlichkeit zöge, sei es nötig, diese äußeren Positionen zurückzunehmen, da dieser Prozeß auch ohne ihre Zustimmung stattfände. Dabei seien die Ebenen des Sakramentalen, der Glaubensverkündigung und des persönlichen Verhältnisses zwischen Gläubigen und Ungläubigen zu unterscheiden. Die Kirche sei zwar von der kleinen Herde zur Weltkirche geworden und habe sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt gedeckt, aber diese Deckung sei nur noch Schein und dieser Schein behindere die Kirche bei ihrem missionarischen Wirken:


"So wird sich über kurz oder lang mit dem oder gegen den Willen der Kirche nach dem inneren Strukturwandel auch ein äußerer, zum pusillus grex [kleinen Herde], vollziehen."10


Während Ratzinger in diesem Beitrag den Akzent auf den Glauben der Christen setzt und die Entweltlichung der Kirche aus dieser Perspektive als notwendigen Prozeß ansieht, der letztlich zu einer geringeren Zahl überzeugter Christen führe, die dadurch aber ihr missionarisches Wirken stärker entfalten könnten, verbindet er nicht nur in der Freiburger Konzerthausrede dieses missionarische Wirken viel direkter mit der weltlichen Armut; schon in einem anderen frühen Beitrag zog er den Umkehrschluß, wirklich missionarisch kann nur eine entweltlichte, also arme Kirche sein:


"Erst in dieser Armut einer entweltlichten Kirche, die sich zur Welt geöffnet hat, um sich von ihrer Verstrickung zu lösen, wird auch ihr missionarisches Wirken wieder vollends glaubhaft werden und sich wieder unübersehbar von jeder Interessenvertretung weltlicher Mächte unterscheiden: Sie wirbt nicht für sich, sondern für den, dessen Los sie gezogen hat"11.

Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...