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Andreas R. Batlogg SJ

Ist das Konzil schuld?



Die einen wie die anderen, Bewunderer wie Verächter des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), benutzen oft dieselbe Feststellung, verstehen diese aber diametral entgegengesetzt: "Das Konzil ist schuld!" Kritik, ja Fundamentalkritik, verbinden damit die einen - Begeisterung, tiefen Dank die anderen. Dem letzten Konzil, so die einen, verdanken wir einen grundsätzlich positiven Zugang zur Welt, von deren Sicht eines feindlichen, gar zu bekämpfenden Gegenübers sich die Kirche verabschiedet hat - ein für allemal, wie man hoffte. Das letzte Konzil, so die anderen, ist schuld am Niedergang der Kirche, am galoppierenden Säkularismus, an der seit dem 19. April 2005, zum Auftakt des letzten Konklaves beschworenen, vielzitierten "Diktatur des Relativismus".


Wo man schwarzweiß malt und nur nach Bewunderern oder Verächtern und Kritikern Ausschau hält, wird leicht eine dritte Gruppe übersehen, und sie bildet die Mehrheit in der Kirche: die durchschnittlichen Gläubigen, darunter viele vor Ort Aktive, für die das alles Theologengezänk ist, ein Streit um des Kaisers Bart - weil für sie das Konzil weit weg ist, ein (nur) mehr historisches Ereignis, das wenig zu tun hat mit den Problemen und Herausforderungen kirchlichen Alltagslebens.


Die Eröffnung am 11. Oktober 1962 durch Papst Johannes XXIII. beendete, schon rein atmosphärisch, den Reformstau der "pianischen Epoche". Fünfzig Jahre später: Wem gehört das Konzil? Es gehört der ganzen Kirche, nicht einzelnen Gruppen oder Gruppierungen in ihr. Papst Benedikt XVI. hat wiederholt betont, daß es kein Zurück hinter das Konzil geben könne. Seine liturgischen Präferenzen und theologischen Optionen wecken bei manchen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Aussagen.


In seiner Ansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der Römischen Kurie beim ersten Weihnachtsempfang (22. Dezember 2005) entwarf Benedikt XVI. eine Blaupause seiner Konzilsinterpretation: "Welches Ergebnis hatte das Konzil? Ist es richtig interpretiert worden? Was war an der Rezeption des Konzils gut, was unzulänglich und falsch?" Der neugewählte Papst unterschied dabei zwei unterschiedliche Konzilsrezeptionen: die "Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches", die sich "nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie" habe "zunutze machen" können; und die "Hermeneutik der Reform … unter Wahrung der Kontinuität". Alles hänge ab "von einer korrekten Hermeneutik".


Es lohnt, sich seine Argumentation dafür in Erinnerung zu rufen: "Die Hermeneutik der Diskontinuität birgt das Risiko eines Bruches zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche in sich. Ihre Vertreter behaupten, daß die Konzilstexte als solche noch nicht wirklich den Konzilsgeist ausdrückten. … Unter diesen Umständen entsteht natürlich ein großer Spielraum für die Frage, wie dieser Geist denn zu umschreiben sei, und folglich schafft man Raum für Spekulationen. Damit mißversteht man jedoch bereits im Ansatz die Natur eines Konzils als solchem."


Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat in Zusammenhang mit den Bemühungen um eine Aussöhnung mit der Piusbruderschaft vor einem akademischen Streit um einen (abgestuften) Verbindlichkeitsgrad der einzelnen Konzilstexte gewarnt, sonst "droht man hinter das Konzil zurückzufallen." Der emeritierte Bischof von Sitten wiederum, Kardinal Henri Schwery, erinnerte aus Anlaß seines 80. Geburtstages in einem Interview daran, daß Liturgie gar nicht der Knackpunkt bei den Problemen mit dem schismatischen Erzbischof Marcel Lefebvre gewesen sei: "In Rom gibt es auch heute noch Personen, die nicht verstanden haben. Es geht eigentlich um eine politische Frage. Bei der Piusbruderschaft handelt es sich um Leute, die nicht akzeptieren, daß sich die Beziehungen zwischen der Kirche und der Gesellschaft - oder der 'Autonomie der zeitlichen Realitäten' wie es im Konzilsdokument 'Gaudium et Spes' heißt - verändert haben. Da drückt der Schuh!"


Im Vorwort für das Bändchen "Dem Konzil begegnen" (Innsbruck 2012) des Redemptoristen Martin Leitgöb betont Herbert Vorgrimler, der "Rückgriff auf das, was das Konzil eigentlich wollte und sagte", sei "kein Allheilmittel, aber er hilft gegen manche Enttäuschungen. Das Konzil war ein Vorbild für das freie Wort in der Kirche". Die 16 Texte wertet er als "Ergebnisse harter, aber fairer Auseinandersetzungen". Natürlich sind diese nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden in Textwerkstätten mühsam formuliert, nachdem die Konzilsväter zuvor die in Rom vorbereiteten Schemata abgelehnt hatten, die sie in einem inszenierten Blitzkonzil (concilio lampo) nach Meinung römischer Schultheologen lediglich hätten absegnen sollen. Es wurde aber gerade kein "Konzil der Kopfnicker" oder eine "Akklamationsveranstaltung".


Wieder und wieder steht das Erbe des Konzils auf dem Spiel - seine Texte ebenso wie sein Geist. Karl Rahner SJ sah in einem Vortrag am 12. Dezember 1965 in München weitsichtig voraus: "Das Konzil hat einen Anfang für den aggiornamento, für die Erneuerung, gesetzt, ja sogar für die immer fällige Buße und Bekehrung: den Anfang des Anfangs. Das ist viel. Aber eben nur den Anfang des Anfangs. Alles, fast alles ist noch Buchstabe, aus dem Geist und Leben, Dienst, Glaube und Hoffnung werden können, aber nicht von selbst werden. Die Kirche hat sich zu einer Aufgabe bekannt, aber sie muß erst noch erfüllt werden. Und diese Kirche, das ist eine grundlegende Aussage aus Geist und Feuer, sind wir alle selber."


Dazu ist die Kirche, wie es scheint, immer noch unterwegs. Apropos: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils - für den deutschen Distriktsoberen der Piusbruderschaft "das größte Unglück dieses Jahrhunderts" - arbeitete Karl Rahner anfangs eng mit einem 23 Jahre jüngeren Konzilsperitus zusammen, der heute Papst ist. Es geht jetzt auch um die Reputation des Theologen Joseph Ratzinger.


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