Novotný, Vojtech: Maximální kret'anství.

Adolf Kajpr SJ a list Katolík.

Praha: Karolinum 2012. 446 S. Br. ca. 13,93.


"Ohne die Entscheidung der Kirche vorwegnehmen zu wollen, wage ich zu sagen: er starb als einer der heiligen Märtyrer unserer Zeit", schrieb der katholische Priester Alexander Heidler, seit 1951 Leiter der Religionsabteilung des damals noch in München untergebrachten Senders Radio Free Europe, als er im Winter 1959 vom Tod des tschechischen Jesuiten Adolf Kajpr erfuhr. Unwillkürlich denkt man, wenn man diesen Bericht wieder liest, an die Enzyklika "Tertio millenio adveniente", in der Papst Johannes Paul II. fast ein halbes Jahrhundert später daran erinnerte, wie deutlich die Kirche "am Ende des zweiten Jahrtausends erneut zur Märtyrerkirche geworden" war. Er sprach von einem Zeugnis, "das nicht vergessen werden darf": "In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekehrt, häufig unbekannt, gleichsam 'unbekannte Soldaten' der großen Sache Gottes."


Nun ist im Verlag der Prager Karlsuniversität eine fast 450 Seiten umfangreiche tschechische Darstellung des Lebensweges von Kajpr erschienen. Der Autor Vojtech Novotný, Dozent der Theologischen Fakultät, stellt in der kurzen Einleitung dar, wie sehr er selbst überrascht war, als er nach und nach die Bedeutung dieses Jesuiten entdeckte, der im Alter von nur 57 Jahren im Gefängnis der tschechischen Stasi verstarb. Der Verfasser hatte sich mit Josef Zverina, dem weitaus originellsten tschechischen katholischen Theologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befaßt und festgestellt, das dessen Haltung und Denken maßgeblich von jenem des heute selbst in Böhmen fast vergessenen Jesuiten geprägt war. Eines Jesuiten, dessen Lebenslauf nicht zuletzt deshalb ungewöhnlich ist, weil er von 1941 bis 1945 in Gefängnissen der nationalsozialistischen Besatzer und 1950 bis zu seinem Tod in kommunistischen Gefängnissen verbrachte.


Kajpr, der auf den Namen des hl. Adolf von Tecklenburg getauft worden war, war ab seinem vierten Lebensjahr Vollwaise; er wurde von einem Onkel und dessen Frau, die in der Nähe von Prag einen kleinen Gasthof betrieben, erzogen. Die Ärmlichkeit seiner Pflegeeltern veranlaßte ihn, sich als Hilfsmüller ausbilden zu lassen, doch ein Onkel (ein Gymnasiallehrer) brachte ihm die Grundlagen der lateinischen und griechischen Sprache bei, so daß er mit 22 Jahren in die 5. Klasse des von Jesuiten betriebenen Prager Erzbischöflichen Gymnasiums aufgenommen werden konnte. 1928 wurde er Jesuitennovize, zwei Jahre später begann er sein Studium in Louvain, wo ihn vor allem Joseph Maréchal SJ beeindruckte, danach studierte er vier Jahre lang Theologie in Innsbruck. Als er im Herbst 1937 nach Böhmen zurückkehrte und sich an der Karls-Universität im Fach Soziologie einschrieb, war er eben 35 Jahre alt geworden.


Warum genau bzw. unter welchem Vorwand Kajpr im März 1941 von der Gestapo verhaftet wurde und die Zeit bis zum April 1945 zunächst in Mauthausen und dann in Dachau in Konzentrationslagern verbringen mußte (die durchschnittliche Überlebensdauer eines Häftlings betrug damals sechs Monate), ließ sich nicht mehr im einzelnen rekonstruieren. In einem Mitte 1946 erschienenen Aufsatz über Henri de Lubacs SJ "Le drame de l'humanisme athée" sprach der Jesuit in diesem Zusammenhang schlicht von "Pflichten eines Priesters".


Ungleich mehr erfahren wir über Kajprs Zeit in kommunistischer Gefangenschaft; das erstmals veröffentlichte Protokoll des ersten Stasi-Verhörs im März 1950 ist mehr als 33 Seiten lang. Insgesamt wurden am selben Tag drei Jesuiten, ein Franziskaner, zwei Zisterzienser und ein Salesianer verhaftet; die vorgeschobene Begründung lautete: "verräterischer, in vatikanische Propaganda verpackter Imperialismus". Angesichts möglicher Proteste der Bevölkerung trauten sich die kommunistischen Funktionäre offenbar noch nicht, kirchliche Autoritäten, zumal Bischöfe, zu verfolgen. Innerhalb von zwei, drei Tagen waren über 15 Geistliche verhaftet und wenige Wochen später zu je zwölf Jahren "schwerer Gefängnisstrafe, je vierteljährlich durch hartes Bett verschärft", verurteilt worden. Jeder Verurteilte mußte zudem 20 000 Kronen für die Kosten des Gerichtsverfahrens begleichen; wer dazu nicht in der Lage war, dessen Gefängnisstrafe wurde automatisch um mehrere Monate verlängert.


Während der nicht ganz fünf Jahre zwischen der Zeit in deutschen Konzentrationslagern und den kommunistischen Gefängnissen war Kajpr zunächst Chefredakteur der Zeitschrift Katolík, die allerdings schon wenige Tage nach der kommunistischen Machtergreifung im Februar 1948 verboten wurde, und wirkte danach als vielbeachteter Prediger und von vielen Gläubigen hochgeschätzter Beichtvater. Für den Katolík schrieb er Hunderte von Beiträgen selbst, wobei ihm unter anderem seine Sprachkenntnisse, verbunden mit seinem Interesse an Literatur, zu Hilfe kamen; durch ihn erfuhren viele Leser zum Beispiel erstmals über Graham Greene. Es waren Jahre, in denen unter tschechischen Intellektuellen nur wenige über die Grenzen ihres Landes hinaus denken konnten; Kajpr versuchte bewußt, dem entgegenzuwirken. Unter anderem brachte er wiederholt seinen Abscheu über die gewaltsame Vertreibung fast der gesamten deutsch sprechenden Bevölkerung zum Ausdruck.


Schade, daß diese glänzend belegte Biographie vermutlich den meisten deutschen Lesern nie zugänglich sein wird.

Nikolaus Lobkowicz


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