Die verratene Prophetie.

Die tschechoslowakische Untergrundkirche zwischen Vatikan und Kommunismus. Hg. v. Erwin Koller, Hans Küng u. Peter Krizan.

Luzern: Edition Exodus 2011. 248 S. Kt., 24,-.


Waren Petr Fiala und Jirí Hanuš, die Autoren der bisher wichtigsten in deutscher Sprache vorliegenden Arbeit über die Ecclesia Silentii in der CSR bzw. CSSR ("Die Verborgene Kirche. Felix M. Davídek u. die Gemeinschaft Koinótes, Paderborn 2004), vor allem bestrebt, ein möglichst zuverlässiges Bild der umstrittenen und zwangsläufig schlecht dokumentierten Vorgänge zu bieten, so ist die Zielsetzung des vorliegenden Sammelbandes eine grundsätzlich andere, wie schon der pointierte Titel zu erkennen gibt. Die Publikation wurde unterstützt von der "Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche" und erschien anläßlich der Verleihung des Herbert-Haag-Preises an die "Verborgene Kirche" am 2. April 2011 in Wien. Nicht die Retrospektive war hier das leitende Interesse, sondern die Frage: Was kann von der lokalen Untergrundkirche und ihren Nachfolgern in eine allgemeine Kirchenreform eingebracht werden?


Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, daß sie nichtsdestoweniger um größtmögliche Fairneß bemüht waren und beispielsweise Jirí Hanuš als einen der Autoren gewonnen haben. Der Vielfalt der Untergrundkirche wird breiter Raum gewidmet, ihre Verzahnungen mit der offiziellen Kirche werden nicht geleugnet und ihre Aktivitäten werden in größere Zusammenhänge eingebettet. Besonders aufschlußreich ist diesbezüglich Petr Slámas Betrachtung der "katholischen Untergrundkirche im Blickwinkel der tschechischen Protestanten", die ihr einerseits attestiert, daß sie "mit beiden Beinen im Raum der römisch-katholischen Auffassung vom Priestertum blieb"; anderseits aber "die Selbstverwaltung und die kollektive Verantwortung für das Gemeindeleben" zumindest in der "Prager Gemeinde" als "evangelischen Zug" würdigt.


Ein Manko des ansonsten so umsichtig zusammengestellten Sammelbandes betrifft höchstens die Übergehung der Tschechoslowakisch-Hussitischen Kirche, die im breiten Spektrum der reformatorischen Kirchen Tschechiens und der Slowakei eine Sonderstellung einnimmt. Gegründet und angeführt von Mitgliedern des niederen katholischen Klerus, lehrte sie durch ihr rasches Anwachsen in der Ersten Republik die Hierarchie das Fürchten und hat in dieser ein bis heute nachwirkendes Trauma hinterlassen. Aber auch Weihbischof Václav Malý, der im vorliegenden Sammelband einen anderen, keine Strukturen bildenden Zweig der Kirche im Untergrund repräsentiert, nimmt auf dieses Trauma nicht Bezug.


Seine Absage der Teilnahme an der Buchpräsentation begründete Malý, einst Sprecher der "Charta '77" und in der "Samtenen Revolution" von 1989 des "Bürgerforums", mit der Befürchtung, für eine Agitation zugunsten bestimmter kirchlicher Reformen mißbraucht zu werden. Daß Malý, der von Geheimbischof Jan Konzal im Buch als eine der "lichten Ausnahmen" unter den tschechischen Bischöfen von heute gerühmt wird, vor seinen Kollegen in die Knie gehen mußte, bestätigte unwillkürlich Konzals Diagnose, daß sich die tschechische Kirche, und wohl nicht nur sie, "im Zustand einer evidenten Nekrose" befinde: "Ihre Zellen und Gewebe sterben am lebendigen Organismus ab." Die Rezepte, die Konzal für eine Genesung des Leibes Christi anzubieten hat, unterscheiden sich kaum von der Communio- und Gemeindetheologie westlicher Provenienz: Orientierung an der Bibel, radikale Diakonie, Kollegialität der Getauften, vor allem aber Umkehr statt Alibi-Buße.


Bleibt neben hervorragenden theologischen Expertisen wie jener des Mit-Preisträgers Walter Kirchschläger über "Kirchenbild und Kirchenpraxis der Verborgenen Kirche" in Gestalt einer "neutestamentlichen Relektüre" sowie erschütternden Lebenszeugnissen wie jenem von Margita Marková über das Leben in der Familie eines Geheimpriesters das Thema der Frauenordination. Die erste von Geheimbischof Felix Davídek geweihte Priesterin und langjährige Generalvikarin der Untergrundkirche, Ludmila Javorová, gibt in einem umfangreichen Interview Aufschluß über ihre Überzeugungen und Erfahrungen. Was sie über das Priestertum der Frau zu sagen hat, ist von Befürwortern wie Gegnern gleichermaßen auf die Goldwaage zu legen und ihr exemplarisches, auch nach 80 Lebensjahren nicht abgeschlossenes Ringen mit der Gehorsamsfrage hat, so wie das ganze Buch, mit dem Ausbruch der "Ungehorsamsdebatte" in Österreich zusätzliche Brisanz und Aktualität erhalten.

Wolfgang Bahr


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