Wallnöfer, Elsbeth: Geraubte Tradition.

Wie die Nazis unsere Kultur verfälschten.

Augsburg: Sankt Ulrich 2011. 172 S. Gb. 19,95.


Daß die Nationalsozialisten die katholische Kirche auf verschiedenen Ebenen bekämpften und hartnäckig versuchten, ihren Einfluß auf die Bevölkerung zu unterminieren, ist eine bekannte Tatsache. Daß der Angriff auf das katholische Brauchtum integraler Bestandteil dieses Kampfes war und wie sehr sich die damals entwickelten pseudowissenschaftlichen Theorien der Nazis bis heute in den Köpfen festgesetzt haben, ist weit weniger bekannt. In ihrer knappen, aber material- und quellenreichen Studie nimmt sich die promovierte Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer genau dieses vernachlässigten, bis heute nachwirkenden Kapitels des NS-Kulturkampfes an.


Die thematischen Schwerpunkte setzt sie auf die Umdeutungsversuche von Bräuchen und Gestalten des weihnachtlichen Festkreises und von heiligen Männern der Christenheit. Den Abschluß bilden zwei Kapitel, die exemplarisch aufzeigen, wie die abstrusen Brauchtumstheorien der Nazis das allgemeine Bewußtsein bis heute prägen und in der (Populär-)Wissenschaft, in der Esoterik und in Zweigen des Feminismus unterschwellig fortwirken. Belegt wird dies anhand so verschiedener Phänomene wie der pseudohistorischen Einschätzung der Hexenverbrennungen, der von den Nazis durchgeführten erotisierenden Veränderung der weiblichen Tracht ("Dirndl"), sowie der Mär, Kirchen seien meist auf alten heidnischen Kultplätzen oder "Kraftorten" errichtet worden, um die alten "vitalen" Religionen zu verdrängen (vgl. dazu auch die Richtigstellung in LThK³, Bd. 10, Sp. 963 f.).


All dem schickt die Autorin mehrere Kapitel voraus, in denen sie die historische Ausgangssituation sowie die parteipolitischen, religionssoziologischen und theologischen Grundlagen des nationalsozialistischen Kampfes gegen das tief im Volk verwurzelte christliche Brauchtum herausarbeitet. Ihre scharfsichtigen Analysen machen deutlich, daß die Angriffe der Nazi-Ideologen letztlich auf eine "Heidnisierung aller Kultur" (23) abzielten. Es habe sich um ein Gewaltregime gehandelt, "das den Menschen von einer grundsätzlich moralisch gestützten Religion abzubringen gedachte" (29). Diese These leuchtet auf dem Hintergrund von Wallnöfers Deutung des christlichen Brauchtums sofort ein. Sie sieht dieses in beständiger Beziehung zur Transzendenz und zur biblischen Offenbarung: "Die Brauchtage christlicher Rituale korrespondieren im Wesentlichen mit der Offenbarung der Erzählung Christi und Gottes, nicht mit der Angst oder Ehrerbietung vor der Natur durch das Individuum" (26). Oder: "Der Brauch ist hier das pars pro toto des transzendenten, des mystischen Ganzen, er ist die Phänomenologisierung der Offenbarung" (19).


Das christliche Brauchtum und besonders das von diesem geprägte Kirchenjahr müßten daher als "Kulturalisierungsprozess gelesen" (17) werden, als eine "an die Schrift gebundene Zivilisierung" (17 f.). Kenntnisreich schildert Wallnöfer, welche Personen und Institutionen (u. a. das SS-Ahnenerbe) dieses Brauchtum zu untergraben und umzuschreiben trachteten und mit welchen Methoden dies geschah. Im deskriptiven Teil des Buches erschüttern einen vor allem die ebenso plumpen und hohlen wie düsteren und propagandagesättigten Visionen einer "germanischen" Weihnacht, die das christliche Festgeheimnis verdrängen sollte. Zwar konnte sich das neu kreierte "Julfest" (dieser Name war in Deutschland vor den Nazis fast nirgends belegt, vgl. 72) nicht durchsetzen. Dennoch ist es den NS-Pseudowissenschaftlern erstaunlich oft gelungen, alte Bräuche bleibend umzubenennen und ihnen einen neuen Inhalt zu geben. Bis heute werden am Johannestag wie selbstverständlich sogenannte Sonnwendfeuer entzündet, obwohl jeder wissenschaftliche Anhaltspunkt dafür fehlt, daß die früher üblichen Johannifeuer alte heidnische Sonnenriten verdrängt hätten.


Anhand vieler solcher Beispiele belegt Wallnöfer, wie beträchtlich der Rücklauf von NS-Pseudowissen in die heutige Alltagskultur, aber auch in die moderne Wissenschaft ist. Ihr Buch leistet hier wichtige Aufklärungsarbeit.

Paul Hellmeier OP


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