Siefer, Gregor: Mosaiken.

Religionssoziologische Streiflichter.

Berlin: LIT Verlag 2011. 563 S. (Spuren der Wirklichkeit. 26.) Br. 44,90.


Etwa ab 1970 setzte parallel zur Aufsprengung der relativ homogenen "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky) der Nachkriegsjahre in multiplurale Lebenswelten eine dramatische Veränderung der bis dahin dominanten konfessionellvolkskirchlichen religiösen Landschaft ein, die noch heute anhält. Für die empirische Religionssoziologie bot sich damit die Chance und Herausforderung, diese neuen Phänomene vom gesamtgesellschaftlichen Befund her zu dokumentieren, zu kommentieren und verstehend zu deuten.


Zumindest dieses Buch ist der Aufgabe, den religiösen Wandel distanziert und informativ zu verarbeiten, voll und ganz gerecht geworden. Gregor Siefer, von 1961 bis 1991 Dozent und Professor für Soziologie an der Universität Hamburg, hat 25 Beiträge aus den Jahren 1968 bis 1998 versammelt und mit einem nachdenklichen, aber nicht pessimistischen Schlußwort über die Kirche in Deutschland im Jahr 2011 abgeschlossen.


Der Band widmet sich den Transformations- und Krisenerscheinungen in vielen Einzelausprägungen und Aspekten, die in fünf Abschnitte gegliedert sind: Institution Kirche, Priester, die Gläubigen und ihr Glaube, Ökumene, Dialog mit der Theologie. Zugute kommen dem Autor seine Nähe und Zugehörigkeit zum Untersuchungsfeld (er hat nach dem Krieg die Katholische Akademie in Hamburg mitbegründet; die Älteren kennen vielleicht noch seine Dissertation von 1952 über die "Arbeiterpriester" in Frankreich), aus denen heraus er seine Zeitdiagnosen stellt, den umfassenden, wenig hilfreichen theoretischen Rundumschlag aber glücklicherweise unterläßt.


Entstanden sind diese Beiträge großenteils aus Vorträgen, die sich an ein interessiertes (Fach-)Laientum richteten und entsprechend gut lesbar sind, und in denen man sich mit seinen eigenen Erfahrungen wiederfindet. Doch bleibt die Analyse stets im Rahmen seriöser Sozialwissenschaft und Kultursoziologie; nie gleitet sie in bloß unterhaltsames Feuilleton ab. So ist gleichsam eine bundesrepublikanische Religions- und Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte zusammengewachsen, die ganz und gar nicht antiquarisch wirkt, sondern nach wie vor gültige Relevanzstrukturen heraus kernt, wie etwa den Wandel der Jenseitsvorstellungen, die Rolle der Frau in der Kirche, den Priestermangel, den kirchenterritorialen Umbau als Folge der deutschen Einheit usw. Die Literaturangaben zu jedem Kapitel sind, nebenbei gesagt, eine Fundgrube für denjenigen, der sich noch näher mit den Problemen beschäftigen möchte, gleichgültig, welche Positionen er dazu bezieht.

Rainer Waßner


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