Dehe, Astrid - Engstler, Achim: Kafkas komische Seiten.



Göttingen: Steidl 2011. 324 S. Gb. 29,80.


Franz Kafka lachte beim Vortrag des ersten Kapitels seines "Proceß"-Romans "so sehr, dass er weilchenweise nicht weiterlesen konnte" (9), erinnert sich Max Brod. Als Autor wollte Kafka andere zum Lachen bringen und hat vieles geschrieben, was auf einen komischen Effekt hin berechnet ist. Selbst beim Pessachfest mit der Familie überkamen ihn zwanghafte Lachkrämpfe. Der Beamte Kafka wurde zur Legende durch einen Lachanfall, der ihn bei seiner Ernennung zum Koncipisten der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt schüttelte. Der feierliche Karriereschritt blieb für ihn ein Vorgang, wie es sein Abitur, sein Jura-Studium oder seine Promotion gewesen waren: etwas, das zu seiner Verblüffung gelang, das er aber nur wie im Zuschauerraum wahrnehmen konnte. Dort "darf man lachen, wenn" - wie hier - "Komödie gespielt wird" (37). So erläutern Astrid Dehe und Achim Engstler diesen Vorfall in ihrer 2011 erschienenen "bei weitem kompetentesten Einführung in Kafkas Komik", wie der Kafka-Biograph Reiner Stach auf dem Buchcover zitiert wird.


Der Beruf war eben nicht sein Leben, er war nicht einmal Arbeit; in Kafkas Augen zählten letztlich nur seine Versuche zu schreiben. Kafka fehlte jedes Interesse an Karriere, nur dem Gehalt galt sein Augenmerk, wie sieben erhaltene Gesuche zeigen, in denen es ihm sowohl um Anhebung seines Gehalts ging als auch um Einreihung in eine höhere Rangklasse - was in einem seltsamen Kontrast zu Kafkas Einschätzung seiner Arbeitsleistung steht. Milena Jesenská schrieb er, sein Dienst sei "lächerlich und kläglich leicht … ich weiß nicht wofür ich das Geld bekomme" (115).


Drei Mal war er verlobt, geheiratet hat er nie; er wollte die Ehe, zugleich aber wollte er Reinheit und graute sich vor dem fleischlichen Drama, das die Ehe für ihn bedeutet hätte - daß die Ehe das Schreiben gefährden könnte, war ein zusätzliches Argument gegen sie. Das Hin und Her zwischen Unentschlossenheit und Erträumen bildet ein regelrechtes Muster in Kafkas Beziehung zu Frauen, die sich vor allem in Briefen realisierte. Sich jemandem gegenüber auf die Zukunft hin festlegen zu müssen, dazu war Kafka nicht in der Lage. Gegen jede Festlegung über einen Zeitraum hin, und seien es wenige Tage, wehrte er sich mit Händen und Füßen: "Wenn man sich festgelegt hatte, am Dienstag, dem 29. Juni, in Wien zu sein, und jetzt war Freitag - wie sollte man die Tage dazwischen durchleben? Alles fror gewissermaßen ein durch einen solchen Entschluss" (62).


Dehe und Engstler bleiben jedoch nicht bei Marotten oder der eher banalen Psychologie eines Pedanten stehen, vielmehr verweisen sie immer wieder auf die besondere Wirklichkeitserfahrung des Künstlers: Was nahe scheint, solange es nur absichtslos gesehen wird, wird unerreichbar, sobald die Absicht sich darauf richtet. Genau diese Erfahrung macht K. im "Schloß"-Roman. "Man darf als später, von Kafkas Briefen nicht adressierter Leser darüber lachen, wie er zögert, zurückzieht, Hindernisse vorschützt und bis zum letzten Moment seine Unentschiedenheit behauptet. Will man Kafka verstehen, sollte es beim Lachen nicht bleiben" (64).


Ausgehend von Schlüsselzitaten aus Kafkas Schriften, Tagebüchern oder Briefen bahnen Astrid Dehe und Achim Engstler in 36 erhellenden Kurzessays - etwa über Kafkas Vorliebe fürs Lichtluftbaden, für Zimmergymnastik ("Müllern") und vegetarische Ernährung oder die verblüffenden Spuren seiner Casanova-Lektüre im "Proceß"- Roman - originelle Wege zum Menschen zwischen Leben und Werk. Zu Recht resümieren die Autoren ihr ebenso kenntnisreich recherchiertes wie feinfühlig erschließendes Lesebuch, dem zahlreiche Abbildungen, Querverweise und Quellenangaben beigegeben sind: "Auch der komische Kafka ist lediglich eine Facette. Mag Kafka komisch sein und komisch sein wollen, bleibt er doch Kafka, ein ruheloser, immer aufs neue und fast zwanghaft scheiternder Mensch, ein Schriftsteller, zu dessen Kosmos Folter- und Suizidphantasien gehören, Parabeln unabschließbarer Suche und Maschinen, die durch Schrift töten. Lachen befreit, Kafka nicht" (9).

Christoph Gellner


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