Schweiggert, Alfons: Karl Valentin und die Politik.

Mit einem Vorwort von Gerhard Polt.

München: Sankt Michaelsbund 2011. 192 S. Br. 14,90.


Das Interesse an Karl Valentin hat sich in jüngster Zeit deutlich belebt. Liegt es daran, daß Valentins Humor alles andere als harmlos ist, daß er gut in unruhige Zeiten paßt, daß er manchmal sogar inmitten von Mißhelligkeiten und Katastrophen aufblüht?


Unter den heutigen Valentin-Kennern ist der Münchener Pädagoge und Schriftsteller Alfons Schweiggert einer der kompetentesten. Er hat bereits mehrere Valentin-Bücher geschrieben. Hier nimmt er sich den politischen Valentin vor. Karl Valentin, 1882 geboren, Sohn eines hessischen Vaters und einer sächsischen Mutter, wuchs in der Münchener Vorstadt Au auf und wurde im Lauf der Zeit zu einem Münchener Original, wohl vertraut mit der Welt der Armen, der gescheiterten Künstler, der Unbekümmerten und Leichtsinnigen, der Kraftprotze und Halbkriminellen, die er hier in seiner Jugend kennenlernte und aus denen er später seine Theaterfiguren formte. Aber Valentin rieb sich auch lebenslang am geliebten München - und erst recht an den Widersprüchen und Ungereimtheiten seiner Zeit. Sein Wortwitz war spitzer, intellektueller, aggressiver als der seiner bayerischen Komiker-Kollegen. Er packte Hörer und Zuschauer unmittelbar und unwiderstehlich.


Schweiggert verfolgt den Weg Valentins durch sein Jahrhundert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Dem Ersten Weltkrieg entging der Komiker wegen seines Asthmaleidens. Auf seiner Bühne vermied er den damals üblichen Patriotismus, gab eher dem sich seit 1916 verstärkenden Überdruß am Krieg Raum. Ohne Sympathien für die Rätediktatur, aber mit früher Abneigung gegen den in München sich ausbreitenden Nationalsozialismus überstand er die Jahre der Weimarer Republik. Schwierig wurde die Zeit nach 1933 - nicht nur, weil Komiker im Dritten Reich sich entweder anpassen oder verstellen mußten (emigrieren konnten sie wegen ihrer regionalen Verwurzelung kaum - besonders Valentin, ein Münchener Hypochonder, hielt es schon in anderen deutschen Städten nur wenige Tage aus!). Bei Valentin kam hinzu, daß der Theater- narr Hitler zumindest anfangs für seine Kunst durchaus empfänglich war und ihm Komplimente machte - die Valentin entrüstet zurückwies.


Spätestens im Zweiten Weltkrieg mußte er seine politischen Witze einpacken. (Sie fanden dennoch ihren Weg von Mund zu Mund, so das berühmte "Ich sag gar nix! - Dös wird man doch noch sagen dürfen.") Sein Leben lang war Valentin ein entschiedener Pazifist, alles, was mit Krieg zu tun hatte, war ihm tief zuwider. Noch nach Stalingrad schrieb er eins seiner berüchtigten Ritterspiele mit dem Titel "Das letzte Aufgebot". Von Freunden auf das Gefährliche des Titels hingewiesen, schlug er eine Alternative vor: "Auf zum Endsieg!"


Ein Verdienst des Buchs liegt darin, daß es die Vermutungen, Behauptungen - auch Verleumdungen - über Karl Valentin im Dritten Reich Punkt für Punkt untersucht und aufklärt. Fazit: "Valentin sah sich als Opfer des Nationalsozialismus; sich zum aktiven Gegner des Regimes zu stilisieren wäre ihm allerdings nie in den Sinn gekommen ...Valentin wußte nicht, ob er 'ein zaghafter Held' oder ein 'mutiger Angsthase' war. Gelang es ihm wegen Hitlers Bewunderung für seine Komik zunächst nicht, sich der Nähe zur NS-Führung aktiv zu widersetzen, so hielt er doch stets innere Distanz zur NS-Ideologie" (136 ff.). Schweiggert zitiert abschließend den stets um Gerechtigkeit bemühten Carl Zuckmayer, der in seinem für den amerikanischen Auslandsgeheimdienst verfaßten Geheimreport über Künstler im Dritten Reich über den Münchener Komiker schrieb: "Valentin ist ein Spintisierer, Eigenbrödler, Hypochonder wie viele Komiker, und natürlich kein politischer Kämpfer, sondern im Grund ein bayerischer Partikularist, der am liebsten südlich der Mainlinie seine Ruh haben möchte und dem preußischer Tonfall körperlich weh tut wie einem Hund ein hoher Sopran" (185).

Hans Maier


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