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Michael Sievernich SJ

Madonna mit Migrationshintergrund



Rafaels Sixtinische Madonna in Dresden hat einen doppelten Migrationshintergrund - um die unschöne Sprache der Politik zu gebrauchen. Als italienische Migrantin mußte sie damals, vom Geld eines deutschen Fürsten bewegt, nach Deutschland auswandern, wo sie bis heute als höchst erfolgreiche "Gastarbeiterin" tätig ist. Notgedrungen mußte sie zudem ihren angestammten Platz am sakralen Ort verlassen und sich in den säkularen Kontext eines Museums integrieren und so die Wandlung vom Kultbild zum ästhetischen Kult um ihr Bild durchmachen. Hängt die nachhaltige Faszination dieses Meisterwerks der Renaissance womöglich mit diesem Migrationsgeschick zusammen und mit der unaufdringlichen Synthese von Kunst und Religion, die autonom zusammenfinden?


Seit nunmehr 500 Jahren zieht die Sixtinische Madonna Menschen ästhetisch und spirituell in ihren Bann, im Jubiläumsjahr 2012 besonders zahlreich die Kunstbeflissenen. Schon ein Jahr zuvor fand anläßlich des Deutschlandbesuchs Papst Benedikts XVI. in Dresden ein marianisches Gipfeltreffen statt, als sich die beiden fast gleichaltrigen Schwester-Madonnen Raffaels im selben Raum begegneten, die Madonna di Foligno aus der Vatikanischen Pinakothek und die Sixtinische Madonna aus der Dresdner Gemäldegalerie Alter Meister.


Das doppelte Leben der sächsischen Sixtina ist schnell erzählt. Aus Dankbarkeit für das Kriegsglück vergab der Rovere-Papst Julius II. 1512 einen Kunstauftrag an den kaum 30jährigen Künstler Raffael aus Urbino, der es schon früh zu Meisterschaft und Ruhm gebracht hatte. Er sollte für den Hochaltar der neuen Klosterkirche San Sisto der Benediktiner in Piacenza ein großformatiges Altarbild malen.


Nach ihrer Fertigstellung stand die Sixtinische Madonna dort fast 250 Jahre als Andachtsbild auf dem Hochaltar, an dem in der Eucharistie das Mysterium der Wandlung gefeiert wurde. An diesem sakralen Ort verblieb das Marienbild, bis das Kloster es, um seine Schulden begleichen zu können, mit Erlaubnis des Papstes an einen ausländischen Investor veräußerte. Über seine Kunstagenten erwarb August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, das Bild 1754 für seine Kunstsammlung in Dresden. Dort steht es nun seit über 250 Jahren und wird in profaner oder verstohlen frommer Andacht kontempliert. Selbst bei ihrem kurzen Aufenthalt in Moskau lockte die Sixtinische Madonna als Ikone über eine Million Betrachter und Verehrer ins Puschkin-Museum.


Da die Sixtina als Kultbild einen religiösen Gehalt in höchster künstlerischer Qualität darbietet, hat sie einen hybriden Charakter, der verschiedene Betrachtungsweisen ermöglicht. Die einen nehmen die Einheit von Kunst und Religion wahr, andere blenden das religiöse Moment aus und heben den allgemein mensch-

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