Seidel, Johannes: Schon Mensch oder noch nicht?

Zum ontologischen Status humanbiologischer Keime

Stuttgart: Kohlhammer 2010. 438 S. (Ethik im Diskurs. 4.) Br. 29,90.


Die Entscheidung des Deutschen Bundestags vom 7. Juli 2011, innerhalb eng definierter Grenzen Ausnahmen vom generellen Verbot der genetischen Embryonenselektion durch PID (Präimplantationsdiagnostik) zuzulassen, hat namentlich in kirchlichen Kreisen weithin große Verwunderung und empörten Widerspruch ausgelöst.


Und in der Tat, wer dem menschlichen Embryo schon von der befruchteten Eizelle an personalen Status und damit unbedingte Schutzwürdigkeit zubilligt, für den ist eine Einschränkung dieses Schutzes, und sei sie durch noch so respektable Gründe motiviert, schlechterdings inakzeptabel. Indessen ist die Begründung einer solchen Position längst nicht so eindeutig, wie ihre Vertreter meinen - das führt Johannes Seidels Buch eindrucksvoll vor Augen.


In drei großen Hauptkapiteln (Vorstellungen zur Beseelung und Ontogenese; Begriffe; ontologische Einzelereignisse unter ontologischer Rücksicht) wird eine solche Fülle von (insbesondere biologischen, aber auch philosophischen und theologischen) Befunden geboten, die für die Beurteilung der embryonalen Statusfrage relevant sind, daß es im Rahmen dieser Rezension unmöglich ist, auch nur annähend auf alles einzugehen.


Nur zwei meines Erachtens besonders eindrucksvolle Aspekte seien hervorgehoben: die Uneinheitlichkeit der Begründung des Abtreibungsverbots in der Lehre der katholischen Kirche und die Problematik des Schlusses von der Individualität auf die Personalität, wie er im sogenannten Identitätsargument (menschliche Embryonen sind jederzeit Menschen) vorgelegt wird.


Üblicherweise wird angenommen, die strikte Ablehnung der Abtreibung in der katholischen Morallehre begründe sich aus der Annahme der Personalität des menschlichen Embryos ("Beseelung") ab dem Zeitpunkt der Befruchtung. Akribisch zeigt Seidel am biblischen wie außerbiblischen Befund auf, daß die kirchliche Tradition über lange Zeit den Abortus des frühen Embryos nicht als Tötungsdelikt (homicidium) einstufte, sondern aus anderen Gründen, z. B. wegen der gesundheitlichen Gefährdung für die Mutter, ablehnte. Es ist evident, daß man vor diesem Hintergrund aus dem von jeher geltenden Verbot des Schwangerschaftsabbruchs kein Argument für die Festlegung des personalen Status machen kann.


Auch die eigenartige Unbestimmtheit des Zeitpunkts der Beseelung in den jüngsten römischen Lehrdokumenten kann dann doch so verstanden werden, daß der Zweifel an dieser "zygotistischen Interpretation" nicht von vornherein einen Mangel an Rechtgläubigkeit bedeutet.


Nicht minder bedenkenswert ist die ontologische Bewertung embryologischer Fehlentwicklungen bei der Zwillingsbildung. Es ist klar, daß typische "siamesische Zwillinge" mit zwei Köpfen als zwei Individuen zu bewerten sind. Was aber, wenn die Entwicklung der Zwillinge asymmetrisch verläuft und einer der beiden infolge fortschreitender Reduktion zum geschwulstartigen "Parasitus" des anderen, "Autositus" genannten, wird? Ab wann verliert ein derartiges operierbares Anhängsel das Personsein und, vor allem, anhand welchen Kriteriums?


Solche Beispiele, denke ich, könnten das Interesse auch bei solchen Lesern wecken, die zunächst eine Abneigung gegen die Überfülle an biologischen Details verspüren und erst recht gegen die oft beißende Schärfe, mit der der Verfasser den Mangel an solchem Wissen bei anderen Autoren rügt - mein einziger wirklicher Kritikpunkt an dem im übrigen hervorragenden Werk.

Christian Kummer SJ


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