Arens, Herbert: Der unvollendete Aufbruch.

Die Wirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) auf das Leben des Bistums Aachen (1962–2008)

Einhard: Aachen 2010. 348 S. (Aachener Beiträge zu Pastoral- und Bildungsfragen. 31.) Kt. 14,80.


1. Das erste der hier vorzustellenden Bücher hat der Aachener Priester Herbert Arens geschrieben, der als Student in Rom das Zweite Vatikanische Konzil und nach seiner Priesterweihe in Aachen (1967) dessen Rezeption bzw. Auswirkungen erlebte. Er ist somit Zeitzeuge. Er beschreibt die Entwicklung bis in die Gegenwart und leuchtet sie minutiös aus. Da die Entwicklung in anderen Diözesen allenthalben ähnlich verlief, verdient dieses Buch über das Bistum Aachen hinaus Interesse.


Arens stützt sich in erster Linie auf amtliche Texte, an denen er sich vorwärts tastet. Das sind neben den 1960 in Kraft gesetzten Diözesanstatuten die Konzilsbeschlüsse, die nachkonziliaren Dokumente, der Kirchliche Anzeiger für das Bistum Aachen sowie weitere Drucksachen. Er verfolgt die Entwicklung also aus kirchenamtlicher Sicht, die nicht mit der Sicht der Basis, etwa der Gemeinden, übereinstimmen muß.


Seine Darstellung beginnt mit den im Jahr 1960 veröffentlichten Diözesanstatuten, die sieben Jahre nach der ersten Aachener Diözesansynode erschienen und damit noch völlig den Geist des Codex Iuris Canonici von 1917 und das Kirchenbild des Ersten Vatikanums spiegeln. Die Entwicklung sollte sehr schnell darüber hinweggehen, und die Statuten wurden Makulatur. Arens gliedert sein Buch entsprechend den Grundvollzügen des kirchlichen Lebens in die Feier der Liturgie, die Bezeugung des Wortes Gottes im schulischen Unterricht (!), der Erwachsenenbildung, der Katechese und Mission, der Caritas, das seelsorgliche Personal und die territorialen Gemeinden sowie die zwischenkirchlichen Kontakte. Daran schließt sich ein Kapitel über Wirtschaftsfragen an.


Ausführlich ist berichtet, wie die Bistumsleitung auf diesen unterschiedlichen, aber eng miteinander verzahnten Feldern die Vorgaben des Konzils umzusetzen bzw. zu kanalisieren versuchte. Dabei konnte sie nicht nur Erfolge haben. In dieser Darstellung, die natürlich noch erweitert werden könnte, die sich aber durch eine große Weite der Betrachtung auszeichnet, spiegelt sich jener tiefe Wandel, der im Grund nur mit dem kirchlichen Umbruch im Zeitalter der Reformation zu vergleichen ist.


Es berührt sympathisch, daß die Kirche von Aachen, und das nicht nur wegen der hier ansässigen Hilfswerke Missio und Misereor, stets den Blick über ihre eigenen Grenzen hinaus gerichtet hat, so durch ihre Verbindung mit der Kirche in Kolumbien. Arens würdigt abschließend die mit dieser Entwicklung konfrontierten und sie mitbestimmenden Diözesanbischöfe Johannes Pohlschneider (der die Vorgaben des Konzils mit Engagement umsetzte), Klaus Hemmerle (der die neuen Strukturen mit den Erfordernissen des Glaubens zu füllen versuchte) und Heinrich Mussinghoff (der die unerläßlich gewordene Neuordnung der territorialen Seelsorge in Gang brachte, die wichtiger ist und auch konstruktiver sein kann als große spektakuläre Feiern).


Natürlich könnte man sich über die von Arens gebotene Darstellung hinaus eine stärkere Einbeziehung der Rezeption des Konzils in den Gemeinden wünschen, die nicht flächendeckend, sondern exemplarisch erfolgen müßte. Das ändert aber nichts daran, daß das Bistum Aachen mit diesem Buch eine vorzügliche Darstellung seiner Geschichte in den letzten 50 Jahren erhalten hat.


2. Fast zeitgleich erschien anläßlich der Vollendung des 70. Lebensjahres von Bischof Heinrich Mussinghoff der Sammelband Konzil und Bistum. Er konzentriert sich nicht wie Arens auf das Bistum Aachen, sondern bezieht dessen Nachbarbistümer Köln, Münster, Trier, Lüttich, Roermond und sogar Hasselt mit eigenen Beiträgen ein. Es ist den Herausgebern gelungen, dafür kompetente Autoren zu gewinnen. Auch dieser Band ist wegen der Weite seines Betrachtungshorizontes bisher ohne Beispiel.


Den einzelnen Bistumskapiteln ist ein instruktiver Überblick von Wilhelm Damberg über den allgemeinen Stand der Diözesangeschichtsforschung für die Zeit seit dem Konzil vorangestellt. Letztlich verlief die Entwicklung allenthalben ähnlich. Am Anfang stand die festgefügte Kirche mit ihren lebendigen Gemeinden, doch zeigten sich bereits seit den späten 50er Jahren, als von einem Konzil noch keine Rede war, Ermüdungs­ und sogar erste Erosionserscheinungen.


Das Konzil fand zunächst nur geringes Interesse, wurde dann aber bald mit großem Erstaunen und schließlich Enthusiasmus verfolgt. Die Liturgiereform wurde begrüßt, die Räte etabliert und eine Erneuerung der Kirche auf allen Ebenen zum Teil sehr kontrovers diskutiert und von den Medien begleitet. Es gelang den Bistümern aber nur mühsam, diesen Aufbruch zu kanalisieren. Als besonders gravierend erwies sich die nach 1970 einsetzende Priesterkrise mit dem dramatischen Rückgang der Weihen und zuvor in diesem Umfang unbekannten Amtsniederlegungen. Das erzwang eine neue Organisation der Gemeinden und den Rückzug aus klassischen Arbeitsfeldern. Die Seelsorge verkümmerte seitdem vielfach zum Notdienst.


Es verdient Beachtung, daß die Auswirkungen des Konzils über die katholischen Bistümer hinaus auch auf die Griechisch-Katholische Metropolie von Deutschland betrachtet werden. Sie wurde seit der Zuwanderung griechischer "Gastarbeiter" 1963 errichtet und unterhält ein betont freundschaftliches Verhältnis zur Katholischen Kirche. Das Kapitel über die Auswirkungen des Konzils auf die Evangelische Kirche im Rheinland bildet einen weiteren Beitrag zur Entwicklung der Ökumene. Daß der tiefe Wandel nicht auf die Katholische Kirche beschränkt ist, sondern die Evangelische Kirche ebenfalls erfaßt hat, legt Uwe Kaminsky in "Kirche in der Öffentlichkeit. Die Transformation der Evangelischen Kirche im Rheinland (1948- 1989)" (Bonn 2008) dar.


Beide Bücher schildern die Entwicklung schnörkellos und ordnen sie in den größeren Zusammenhang ein.

Erwin Gatz (†)



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