Wallacher, Johannes: Mehrwert Glück.

Plädoyer für menschengerechtes Wirtschaften

Wallacher, Johannes: Mehrwert Glück. Plädoyer für menschengerechtes Wirtschaften.

München: Herbig 2011. 213 S. Gb. 17,99.


Johannes Wallacher, Professor für Sozial­wissenschaften und Wirtschaftsethik an der Hochschule für Philosophie München sowie deren Präsident ab dem Wintersemester 2011/12, vermittelt eine "umfassende und integrative Sicht" (189) menschengerechten Wirtschaftens, die er aus Erkenntnissen der Forschung und Lehre sowie aus Einsichten von Unternehmern, Managern, Politikern und zivilgesellschaftlichen Akteuren gewonnen hat.


Im 1. Kapitel wird das explosive Interesse an Publikationen geschildert, die auf die "neue Sehnsucht nach Glück" (25) antworten (15-33). Auch wirtschaftsethische Reflexionen und ökonomische Analysen widmen sich diesem Thema. Dem steht im 2. Kapitel die Blindheit jenes ökonomischen Ansatzes gegenüber, der an der reinen Modellfigur des homo oeconomicus, eines wohlinformierten, eigennützigen und isolierten Individuums orientiert ist (35-69). Das 3. Kapitel referiert die Erkenntnisse der Glücksforschung (71- 130). "Glück", "Lebenszufriedenheit" und "Wohlergehen" werden nicht nur von ökonomischen Größen beeinflußt. Vielmehr spielen außerökonomische Faktoren eine bedeutende Rolle.


Über das Glück lassen sich empirische Aussagen machen. In Befragungen wird neben dem situativen Glücksempfinden vor allem ein verläßliches Urteil über die Lebenszufriedenheit ermittelt. Aufgrund repräsentativer Interviews liegen inzwischen Daten der Lebenszufriedenheit für 97 Länder vor. Eine "Glücksfunktion" bildet die Faktoren ab, die das persönliche Wohlbefinden beeinflussen. Zu ihnen gehören innere Faktoren: vererbte Anlagen, Charaktereigenschaften sowie Bewertungsmaßstäbe und Ansprüche, die in der Persönlichkeitsstruktur verankert sind. Die äußeren Faktoren setzen sich aus sozio-demographischen Faktoren (Lebensalter, soziale Beziehungen, Religiosität und Bildungsgrad), aus politischen und aus wirtschaftlichen Faktoren (Einkommenshöhe, gleiche oder ungleiche Verteilung der Vermögen, Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitszufriedenheit) zusammen.


Den "Mehrwert der Glücksforschung" (109) sieht Wallacher in der Schärfung des Bewußtseins, was unter menschlichem Wohlergehen zu verstehen sei, und in der Verständigung darüber, welches Glückskonzept vorzugswürdig ist: Wunscherfüllung, Lust oder Chancen eines gelingenden Lebens. Das Nachdenken über die "Form des Glücks" beantwortet er im 4. Kapital (131-177), indem er das Konzept menschengerechten Wirtschaftens erläutert. Es gelingt ihm eine bemerkenswerte Synthese zwischen der Ethik der Befähigung zu mehr Lebenschancen von Amartya Sen und herkömmlichen universalistischen Ethikkonzepten. Das 5. Kapitel (179-188) appelliert an einzelne wirtschaftliche Akteure, ihren Lebens-, Konsum- und Arbeitsstil zu verändern und neue gesellschaftliche Leitbilder des gelingenden Lebens mächtig werden zu lassen.


Wer das Buch in der Reihenfolge des Doppeltitels liest, kann der einfühlsamen Methodik des Autors schrittweise nachspüren, die der eigene wissenschaftliche Werdegang ihn gelehrt hat (vgl. 190). Erstaunt über die Glückssträhne der therapeutisch-pädagogischen Welle sowie ökonomischer Analysen, wählt er als Ausgangspunkt die Erfahrungen real existierender Wirtschaftssubjekte und desavouiert damit jene wirtschaft­sethischen Ansätze, die sich an dem Konstrukt des homo oeconomicus orientieren.


Indem er sich der Glücksforschung zuwendet, erkennt er die vielfältige Motivation der Verbraucher, Arbeitnehmer, Manager und Investoren. Aber er vermeidet den ausschließlich partikulären Blick, der an der subjektiv und individuell verengten Lebenszufriedenheit haften bleibt, und nimmt mit der objektiven Perspektive der Lebenschancen für alle den egalitär-universalistischen Standpunkt der Allgemeinheit und Unparteilichkeit ein.


Unverkennbar ist die Annäherung an die Kantische Ethik und an traditionelle Konzepte der Gerechtigkeit als Grundfigur einer politischen Gemeinschaft. So gelingt nahtlos der Anschluß an neuzeitliche Menschenrechtsdiskurse und dessen Erweiterung durch den Grundsatz der Nachhaltigkeit, der in dem Bemühen um ein anderes Wohlstandkriterium veranschaulicht wird.


Es reizt indessen auch, das Buch vom 4. Kapitel her zu lesen - zuerst also die Aussagen über das gerechte und danach die über das gute, gelingende Wirtschaften. In dieser Folge klingen die Einsichten der Glücksforschung eher wie eine empirische Bekräftigung wirtschaftsethischer Reflexionen. Eine kritische Anfrage gilt der starken Gewichtung zivilgesellschaftlicher Akteure und gesellschaftlich verantwortlicher Unternehmen bei einem relativen Desinteresse an den demokratisch legitimierten Organen des Nationalstaats.

Friedhelm Hengsbach SJ


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