Grein, Eberhard: Für die Soziale Marktwirtschaft.

Oswald von Nell-Breuning – Reformer und Jesuit


St. Ottilien: EOS 22011. 231 S. Gb. 19,95.


Ich bin befangen. Den "Gegenstand" dieses Buches habe ich privat und streng vertraulich längst heiliggesprochen: Oswald von Nell-Breuning SJ. 15 Jahre war ich alt, als er mir samstags auf den Wochenendschulungen der Frankfurter Sozialschule das "Lesen und Schreiben" des "Sozial- und Arbeitsrechtes beibrachte. "Kollektives Arbeitsrecht: Tarifvertragsrecht und Betriebsverfassung" war das Thema. Für mich, einen wißbegierigen Flegel, war das alles ein Buch mit sieben Siegeln. Er hat mich mehr beeindruckt durch das, wie er es sagte, als durch das, was er sagte.


Nell-Breuning war die personifizierte Selbstvergessenheit. Er trat hinter der Lehre zurück. Es zählte nur die Sache. Dabei wußte er allerdings, was er wert war. Er kokettierte sogar bisweilen damit. Noch im Alter spottete er, daß er mit seiner Arbeit drei Ordensbrüder ernähren konnte. Ob das, was er machte, unbedingt von einem Priester erledigt werden mußte, fragte er sich selber. "Nein" war die objektive Antwort, doch selbstbewußt fügte er hinzu, daß die Kirche mit diesem priesterlichen Dienst zeige, daß sie bei den Menschen und ihren Sorgen sei.


"Nells" Sozialdienst war also auch eine Predigt ohne Worte, nämlich das Zeugnis, daß die Kirche "bei den Arbeitern ist". "Mein ganzes Leben habe ich versucht, das Unrecht wettzumachen, das die Kirche den Arbeitern im 19. Jahrhundert angetan hatte", gab er als Quintessenz seines Lebens in seiner Dankesrede auf der Feier zu seinem 100. Geburtstag an. Fromm war Oswald von Nell-Breuning, jedoch extrem pathosscheu. "Messelesen - wenn ich das nicht mehr kann, sage ich Gott: AB"; und er machte dazu eine Handbewegung, als wolle er eine Brotkrume vom Tisch wischen, als ich ihn in seiner asketischen "Werkstatt" in Frankfurt-Sankt Georgen besuchte. Acht Tage später fiel er nachts aus dem Bett, konnte morgens die Messe nicht lesen und war mittags tot. Ja, konsequent war er immer, "mein" Nell.


Man könnte viel von ihm erzählen, und das Buch von Eberhard Grein berichtet vieles, Bekanntes und Unbekanntes. Interessant ist alles. "Grundzüge der Börsenmoral", 1928 erschienen, war Nell-Breunings Dissertation und sein Eintrittsbillet in eine bedeutende wissenschaftliche Laufbahn. Dieses Buch ist 83 Jahre später, im Jahr 2011, brandaktuell.


Ein dunkles Kapitel ist die Zeit des Nationalsozialismus - für Nell auch biographisch. Ein Sondergericht verurteilte ihn zu drei Jahren Zuchthaus und 500 000 Reichsmark. "Unvollständige Angaben von Devisengenehmigungen" war der Vorwand für seine Verhaftung. Er hat die Strafe nie angetreten. Es blieb aber ein wunder Punkt. Er hatte das Geld seines Ordens verwaltet, und der Orden hat ihn seiner Meinung nach nicht kräftig genug verteidigt. Nell sprach nicht gern darüber. Christiane Keller beschreibt den Prozeß kenntnisreich und detailgenau.


Die Zeitzeugen, die in dem Buch von Eberhard Grein zu Wort kommen, zeigen, wie breit das Interesse an "Nell" war und ist und in welch unterschiedlichen "Lagern" er gehört wurde: Gewerkschaften und Arbeitgeber, CDU/CSU und SPD, Wissenschaft und Wirtschaft, Universitäten und Ministerien hörten auf Nell-Breuning und suchten seinen Rat. Grein bietet dazu beeindruckende Beweisstücke. Eine vertiefende Betrachtung der philosophisch-theologischen Fundierung seiner Gesellschaftslehre fehlt dem Buch freilich.


Die Mitbestimmung beispielsweise ist bei Nell-Breuning nicht nur ein Machtproblem, sondern eher der Hebel einer Gesellschaftstransformation, welcher die Arbeit aus der Nachrangigkeit hinter dem Kapital befreien soll. Mit dem Arbeitsvertrag wird der Arbeitnehmer nämlich nicht Mitglied des Unternehmens. Er bleibt ein Außenstehender. Die Mitbestimmung dagegen soll die Arbeit zum konstituierenden Faktor des Unternehmens erheben. Damit folgt Nell einer Linie, die sich schon in der Enzyklika "Quadragesimo anno" (1931) anbahnte, nämlich die Fortentwicklung des Arbeitsvertrages in einen Gesellschaftsvertrag. Die Rangordnung, in welcher dem Kapital eine instrumentale Funktion zugewiesen wird, die Arbeit aber mit der personalen Würde verbunden bleibt, erhielt freilich ihre deutlichste Klarstellung in "Laborem exercens" von Johannes Paul II. Das war auch der Grund, warum diese Enzyklika von Nell-Breuning "bejubelt" wurde - soweit Nell überhaupt zum Jubel fähig war.


Die Darstellung der Nell-Breuningschen rentenpolitischen Vorstellungen in Eberhard Greins Buch hat eine leichte Schlagseite. Nell-Breuning hat das arbeitszentrierte Umlagesystem der Rentenversicherung immer entschieden verteidigt - schließlich ist er mit Wilfried Schreiber vom Bund Katholischer Unternehmer (!) einer der "Erfinder" der Rentenreform 1957, die dieses System etablierte. Nell-Breunings Kritik bezog sich auf die fehlende familienpolitische Fundierung. Mit Hilfe einer Familienkasse wollte er das Zwei-Generationenverhältnis in einen Drei-Generationszusammenhang bringen.


Später, 1984, wurde mit Einführung der Kindererziehungszeiten einem Teil der Nellschen Einwände Rechnung getragen. Seine demographische Kritik wurde mit Nettolohnrente und Demographie-Faktor 1990 bzw. 1997 berücksichtigt. Keinesfalls hätte Nell-Breuning eine Riester-Rente befürwortet. Kapitaldeckung hat für Nell ergänzende, aber nicht ersetzende Funktion des Umlagesystems - auch nicht teilweise, wie es bei der Riester-Rente geschieht, womit das Umlagesystem der Rente ramponiert wurde. An der Riester-Rente partizipieren nicht alle Arbeitnehmer, aber mit Hilfe des Riester-Faktors sinkt das Rentenniveau für alle. Die Schwächeren zahlen die Rechnung für Leistungen, welche die Stärkeren erhalten. Über diese auf den Kopf gestellte Solidarität hätte Nell-Breuning nicht nur den Kopf geschüttelt, sondern seinen Spott ausgeschüttet.


Gesellschaftspolitik, die es mit Kapital zu tun hat, kommt bei Nell-Breuning auch ins Spiel: in Zusammenhang mit Eigentum in Arbeitnehmerhand und einer verteilungsgerechten Lohnpolitik. Das Projekt der Eigentumsbeteiligung der Arbeitnehmer war ein Lieblingsprojekt von ihm. Es blieb unvollendet. Christliche Sozialbewegung, wo bist Du? Ich habe das Buch von Eberhard Grein mit großem Vergnügen gelesen. Viel habe ich dabei gelernt.


Nur nebenbei: Den Begriff "Soziale Marktwirtschaft" verdanken wir nicht einem Geistesblitz von Konrad Adenauer in einer schnellen Replik auf Johannes Albers, sondern Alfred Müller-Armarck. So sehr ich Adenauer schätze: "Soziale Marktwirtschaft" ist eher eine begriffliche Innovation des Wirtschaftsprofessors und Mitstreiters Ludwig Erhards namens Müller-Armarck, der von der Evangelischen Sozialethik inspiriert war. So viel ökumenische Fairneß muß sein.

Norbert Blüm


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