Blüm, Norbert: Ehrliche Arbeit.

Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier

Gütersloh: Gütersloher Verlags­haus 22011. 318 S. Geb. 19,99.


Norbert Blüm, der 1935 geborene und im "Unruhestand" befindliche frühere Bundesarbeitsminister und CDU-Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen, gelernter Werkzeugmacher und Katholik, hat ein zorniges Buch geschrieben. Sein gerechtfertigter Zorn trifft vor allem den Finanzkapitalismus und dessen Apologeten auch in der eigenen Partei. Die Begründung von Blüms Kritik, durch anrührende Betrachtungen über seinen Vater und dessen in "ehrlicher Arbeit" verbrachtes Leben illustriert, findet sich in der katholischen Sozialethik. Die hat der spätere Doktor der Philosophie bei O­wald von Nell-Breuning SJ gelernt.


Sozial gebundenes Eigentum sei für eine Gesellschaft unverzichtbar, Eigentum zu erwerben sei ein Menschenrecht. Diese Idee des Eigentums aber habe der Finanzkapitalismus pervertiert. Die Verteilung des Eigentums in der Welt sei "der schärfste Angriff auf das Privateigentum, seit anno 1848 Karl Marx das kommunistische Manifest verkündet hat" (257). Und: "Aus dem Eigentum, dessen Besitzerstolz von Fleiß und Sparsamkeit gespeist wird, ist eine Methode geworden, wie man ohne Anstrengung zu Geld kommt" (268). Die Show der Banken und Investitionsfonds vergleicht Blüm mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern - in Wahrheit seien die Verursacher der Weltwirtschaftskrise von 2008 nackt. Die Lobbyisten und Experten, die so einflußreich geworden seien, nennt Blüm "Betrüger".


Dieses harte Wort wird durch eine Darstellung der Unfähigkeit eines "Experten" wie des Chefs der Deutschen Bank und Beraters der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Josef Ackermann, gestützt. Dieser habe noch kurz vor der folgenreichen Pleite der Großbank Lehman-Brothers verkündet, es gebe keine systemischen Risiken in der Weltfinanzordnung. Jetzt zeige sich die zerstörerische Macht der Branche im Spekulantenkrieg gegen Griechenland oder Portugal. Die Macht des Finanzkapitals sei demokratiefeindlich.


Norbert Blüm schildert die entwurzelnde Wirkung des modernen Finanzkapitalismus, die die menschliche Psyche bis in ihre Tiefenstrukturen verändere. Für den Christen kommt das einer Gotteslästerung nahe: "Die heilige Trinität der Weltreligion des Finanzkapitalismus hieß Deregulierung, Privatisierung und Kostensenkung. … Gewiß, die Kardinalskollegien des Kapitalismus verzichten auf Scheiterhaufen … Sie exkommunizieren ihre Widersacher vielmehr, indem sie die von Menschen gemachten Regeln und Strukturen unserer Weltwirtschaft zu höheren Mächten … erklären" (18 f.).


Ebenso sehr wie gegen die Akteure des Finanzkapitals wendet sich der frühere Minister gegen die Entwertung der menschlichen Arbeit, deren Sozialgeschichte Blüm in verständlicher Sprache nachzeichnet, durch einen "Klassenkampf von oben". Namentlich der frühere BDI-Präsident Michael Rogowski erzürnt den Autor. Rogowski hatte die menschliche Arbeitskraft mit dem agrarischen "Schweine-Zyklus" verglichen: viele Schweine - geringer Preis. Blüm: "Dabei übersieht nun Rogowski in der Hitze seines Klassenkampfes, daß Lohnempfänger keine Schweine sind" (220). Dagegen sei der Respekt vor der menschlichen Arbeit eine Grundbedingung menschlichen Zusammenlebens. Im Arbeitslohn seien Anerkennung und Achtung enthalten.


Auf Papst Johannes Paul II. und dessen Enzyklika "Laborem Exercens" greift Blüm zurück, um den Vorrang der Arbeit vor anderen Produktionsfaktoren zu begründen. Danach spiegele sich der Wert der Arbeit nicht nur in ihrem materiellen Ergebnis, sondern auch darin, daß durch die Arbeit erst die Menschwerdung vollendet werde. Das Kapital sei erst durch menschliche Arbeit entstanden und daher nicht gleichberechtigt mit der Arbeit zu sehen. Der Kapitalismus sehe jedoch nur den Kostenfaktor und nicht die humane Grundkonstante der Arbeit. Der Zwang zur Kapitalakkumulation, begründet in obszönen Renditeversprechen bis zu 25 Prozent im Jahr, führe zur immer rascheren Beschleunigung, die in einem "rasenden Stillstand" enden könne. Die totale Herrschaft des Profits könne das Ende der menschlichen Gesellschaft bedeuten.


Oder das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen: "Der Kapitalismus wird daran zugrunde gehen, daß er Arbeiter und ihre Arbeit nicht würdigt" (80).

Friedhelm Wolski-Prenger


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